Ein Schweizer pflegt Senioren

Willy Zimmermann arbeitet im „Banglamung Home of the Aged“

Willy Zimmermann kam vor über drei Jahren nach Pattaya. Der ausgebildete Krankenpfleger betreut jetzt ältere Frauen und Männer.
Willy Zimmermann kam vor über drei Jahren nach Pattaya. Der ausgebildete Krankenpfleger betreut jetzt ältere Frauen und Männer.

Khun Vinai hebt beide Arme und will die Hände zum Wai formen. Es fällt ihm sichtlich schwer, weil seine rechte Hand eher einer geballten Faust gleicht. Er kann die Glieder kaum bewegen. Dennoch lächelt der 56-jährige dem Farang zu und zeigt auf die gekrümmten Finger. Sie dehnen sich ein wenig. Der Thai murmelt Unverständliches. Es könnte aber heissen: „Sieh’ her, es geht schon!“

Vor sechs Jahren überraschte Vinai im Schlaf ein Schlaganfall. Der halbseitig Gelähmte konnte weder gehen noch seinen rechten Arm gebrauchen. Heute ist der Thai nicht mehr ans Bett gefesselt,er ist auch nicht ständig auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen und kann sich mit einer Gehhilfe fortbewegen. Dank einer intensiven Bewegungstherapie.

Zweimal in der Woche massiert Willi Zimmermann Vinais Muskulatur. Gemeinsam aktivieren sie mit verschiedenen Übungen alle Gelenke, von der Schulter bis ins Bein. „Wenn wir das nicht täten, wenn wir die Gelenke nicht in ihre ursprünglich Lage brächten, wäreVinai bald spastisch. Muskeln und Gelenke würden verkrampfen“, berichtet der Schweizer.

Im Altenheim Banglamung wird Khun Willi von Krankenschwestern und Betreuern als einer der Ihren, von den Senioren mehr als Freund und Helfer ehrerbietig, aber herzlich begrüsst. In zweieinhalb Jahren hat sich der 60-jährige das Vertrauen aller erworben. Durch seine aufopferungsvolle Arbeit an und mit den älteren Frauen und Männern. Willi Zimmermann, ausgebildeter psychiatrischer Krankenpfleger und Heimleiter, lebt seit über drei Jahren in Pattaya. Bei der Säuberung eines Strandabschnittes durch den Rotarier-Clubs Jomtien-Pattaya hörte der Eidgenosse erstmals von einem Heim für Senioren.

„Kann ich mich hier nützlich machen“

Musik als Hobby und Zeitvertreib. Im Seniorenheim Banglamung gibt’s einen Musizierkreis.
Musik als Hobby und Zeitvertreib. Im Seniorenheim Banglamung gibt’s einen Musizierkreis.

Er stellte sich bei der Verwaltung vor und fragte: „Kann ich mich hier nützlich machen“ Willi wurde Volontär. Ein Job, der ihm keinen Lohn bringt, aber viel Arbeit, die ihm montags bis freitags jeweils von 13 bis 17 Uhr ausfüllt. Dem freiwilligen Helfer kam zugute, dass er sich zuvor mit der Umgangssprache des Landes befasst hatte. Und da die meisten Senioren, auch aufgrund ihrerDemenz, nicht gerade gesprächig sind, kommt er mit seinem Sprachschatz zurecht. „Ich lerne aber täglich dazu“, ergänzt Khun Willi. So wird der Berner von den Thais gerufen.

„Wenn ich in einem fremden Land lebe, möchte ich nicht nur dessen Kultur kennenlernen, sondern mich auch Thais anschliessen und mich mit ihnen anfreunden“, hat sich der Schweizer zum Ziel gesetzt. Er könne nicht den ganzen Tag in seinem Haus rumhängen, sein Tagesablauf sollte schon strukturiert sein.

In der Mittagssonne setzt sich Willi auf sein Motorrad und bewältigt die 20 Kilometer von Pattaya bis zum Altenheim. Dort leben mehr als 300 Frauen und Männer im Alter zwischen 50 und 100. Die meisten nennen Bangkok ihre Heimatstadt, weitere Senioren kommen aus Chonburi und angrenzenden Provinzen. Obwohl es in Thailand immer noch gang und gäbe ist, dass die Älteren in der Grossfamilie leben, wurden diese Frauen und Männer, aus welchen Gründen auch immer, abgeschoben, von ihren Kindern ausgegrenzt. 

Die Gründung des Altenheims vor fast vier Jahrzehnten in einem weitläufigen Areal zwischen der Sukhumvit Road und dem Meer geht auf eine Initiative der vor einigen Jahren verstorbenen Mutter des regierenden Königs zurück. Untergebracht sind die Senioren in 16 separaten Häusern mit einem Schlafsaal für rund 20 Personen. Das „Banglamung Home of the Aged“ finanziert sich aus staatlichen Zuschüssen (das Sozialministerium gewährt pro Tag und Kopf 32 Baht!) und aus Spenden. Zu den grosszügigeren Sponsoren zählt der Rotary Club Jomtien.

Anfangs hat der Schweizer im heimeigenen Spital verletzte Senioren behandelt,deren Wunden verbundenund Infusionen verabreicht. Denn einen Arzt gibt es im Altenheim nicht. Bei einer schweren Erkrankung müssen die Patienten in die staatlichen Krankenhäuser Banglamung oder Chonburi verlegt werden.

Khun Willis jetziges Arbeitsgebiet sind die beiden Krankenstationen des Altenheims. Die eingewiesenen 50 Frauen und Männer gelten als nicht mehr selbständig, sie müssen ständig umsorgt und gepflegt werden. „Hier geht es um Vorsorge. Die zumeist bettlägerigen Patienten sollen sich nicht infizieren“, umreisst der Krankenpfleger seine Aufgabe. Er behandelt offene Wunden, Ekzeme und weitere Hautausschläge.

Mit Materialien, die ihm im Vergleich zu dem, was in der Schweiz die Norm ist, als unzureichend erscheinen müssen. Alkohol, Antiseptisches, Verbandszeug und Medikamente haben in einem kleinen Plastikkorb Platz. Das Geld kommt von den Rotariern.

Gemeinsam mit den Förderern des Clubs Jomtien-Pattaya und des Rotary Clubs Taksin Pattaya verfolgt Willi Zimmermann im Altenheim zwei Projekte, die er mit dem Ziel realisieren will: Die Lebensqualität der Frauen und Männer und die hygienischen Bedingungen zu verbessern.

Weitere Informationen zum Altenheim gibt der Schweizer Willy Zimmermann.

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