TEL AVIV/BERLIN: Richterin, Polizistin, Sängerin, Radrennfahrerin: Die Flucht vier afghanischer Frauen vor den Taliban ist begleitet von Panik und Hoffnung. Ein neuer Dokumentarfilm zeichnet ihr Schicksal nach.
Ein Dokumentarfilm über die dramatische Rettung afghanischer Frauen nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban feiert am Montag in Berlin Weltpremiere. Im Zentrum stehen gebildete Frauen, einst Symbolfiguren des Fortschritts, die sich mit dem Abzug internationaler Truppen aus Afghanistan 2021 plötzlich der Verfolgung ausgesetzt sehen.
Der Film «Day Trip» (Tagesausflug) zeigt, wie vier Frauen - eine Richterin, eine Polizistin, eine Sängerin und eine Radfahrerin - versuchen, zu fliehen oder unterzutauchen. Mit Hilfe der Journalistin Danna Harman entsteht ein improvisiertes internationales Rettungsnetzwerk, das versucht, in dramatischen Zeiten Leben zu retten.
Ein improvisiertes Rettungsnetzwerk
Hanna, die erste Richterin ihrer Provinz, flieht nach Kabul. Gul, eine Polizistin, eilt zum Flughafen. Shakiba, eine junge Sängerin, versteckt sich in einer sicheren Unterkunft, und Fatima, eine erfolgreiche Radrennfahrerin, sitzt zu Hause fest. Verzweifelt schicken sie panische Nachrichten und bitten um Hilfe.
Danna Harman erhält Hunderte Hilferufe von afghanischen Frauen, über die sie einst für die «New York Times» berichtet hatte. Entschlossen zu helfen, obwohl ihr die Erfahrung fehlt, mobilisiert Harman spontan eine Gruppe von Freunden, Kollegen, Aktivisten und einflussreichen Entscheidungsträgern weltweit für eine gewagte Rettungsmission.
Festivalvorführungen in Berlin
Die 75 Minuten lange Dokumentation wird im Rahmen des Dokumentarfilm- und Medienfestivals Doxumentale am Montag um 17.30 Uhr im Klick Kino und am Mittwoch um 18.00 Uhr im Bali Kino in Berlin gezeigt.
Die Regisseurin Roni Aboulafia war gleichzeitig an der Rettungsaktion beteiligt und hat den Dokumentarfilm gedreht. Sie beschreibt die damaligen Vorfälle im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Tel Aviv als «bedeutsamstes Erlebnis meines Lebens». Während der dramatischsten Momente habe sie vier Tage lang kaum geschlafen.
Zwischen Euphorie und Realität der Flucht
«Das sind wirklich unglaubliche Frauen, viele von ihnen haben beeindruckende Leistungen erreicht», erzählt sie von den Protagonistinnen des Films. «Du siehst diese Menschen, die plötzlich von einem Moment auf den anderen alles nehmen und fliehen müssen.»
Sie erinnere sich noch genau, als sie die Grenze nach Tadschikistan überquerten, es sei «ein Moment riesiger Freude» gewesen. «Ich war regelrecht euphorisch, weil ich solche Angst hatte, dass ihnen unterwegs etwas passieren könnte», erzählt Aboulafia. «Aber als ich sie dann traf nach ihrer Ankunft, sah ich gebrochene Menschen. Und da verstand ich plötzlich: Okay, für dich ist das vielleicht ein glücklicher Moment, aber für sie ist es tragisch.»
In einem einzigen Moment hätten sie sich «von einem Menschen mit Leben, mit Familie, mit Freunden, mit sozialem Status, in eine Geflüchtete verwandelt, die nicht weiß, was mit ihr passieren wird» und mit Gedanken an «all die Menschen, die du zurückgelassen hast».