Kann die Flut die Nager stoppen?

​Biblische Mäuseplage 

Von einem Hubschrauber aus sieht man die vom Hochwasser betroffenen Gebiete in Windsor und Pitt Town entlang des Hawkesbury River bei Sydney. Foto: epa/Lukas Coch
Von einem Hubschrauber aus sieht man die vom Hochwasser betroffenen Gebiete in Windsor und Pitt Town entlang des Hawkesbury River bei Sydney. Foto: epa/Lukas Coch

SYDNEY: Ob Dürre, Feuer oder Covid: Das Outback im Osten Australiens hat in den vergangenen Jahren so ziemlich jede Plage erlebt. Jetzt sind die Mäuse los. Horden der Nager fressen sich durch ganze Landstriche. Kann das Hochwasser die Invasion stoppen?

«Hunderte von Mäusen, die Regale mit Lebensmitteln leerräumen und alles fressen, was ihnen unter die Augen kommt: Es klingt wie eine Szene aus einem Horrorfilm.» So umschrieb der australische Fernsehsender ABC vor wenigen Tagen das, was sich seit Monaten im Südosten von «Down Under» abspielt. In den Outback-Örtchen Tottenham, Walgett und Gulargambone wurden drei Patienten gar in Krankenhäusern von Nagern gebissen. Ein Australier erkrankte an lymphozytärer Choriomeningitis (LCM), die von Mäusen übertragen wird - die Symptome des seltenen Leidens ähneln zunächst einer Grippe.

Dürre, verheerende Feuer, die Corona-Pandemie und nun auch noch eine Mäuseinvasion - der Bundesstaat New South Wales mit seiner schillernden Metropole Sydney hat in den vergangenen Jahren so ziemlich jedes denkbare Naturdesaster erlebt. Nicht umsonst sprach der australische «Guardian» von einer «Mäuseplage biblischen Ausmaßes». Bürger berichteten von Mäusekot auf ihren Kopfkissen und davon, dass sich im Schein von Taschenlampen der ganze Vorgarten bewegte. Vielerorts sind Mausefallen längst ausverkauft. Und auch die Ernte ist durch die Invasion der Nagetiere bedroht.

Da blieb nur eins: Auf heftigen Regen zu hoffen, auf dass die Mäuse in ihrem Bau ertrinken und das Land von der Plage gereinigt werden möge. Die Gebete wurden zwar in gewisser Weise erhört, allerdings steht nun die halbe Region unter Wasser. Zehntausende Menschen mussten nach tagelangem Starkregen ihre überfluteten Häuser verlassen und haben alles verloren. Bilder des Hochwassers gehen seit Tagen um die Welt.

Vermutlich sind zahlreiche Tiere in den Wassermassen ertrunken - im Internet kursierten Fotos von im Wasser treibenden Kühen und Kängurus, ein entkräfteter Emu wurde in letzter Minute in ein Boot gezogen und gerettet. Abertausende Spinnen krabbelten an Häuserwänden und Zäunen hoch, um sich zu retten. Und was ist mit den Mäusen?

«Ich bin gerade in meiner Garage und würde hier normalerweise 50 bis 80 Mäuse pro Tag aufsammeln, aber derzeit finde ich nur 5 bis 10. Das ist für uns ein massiver Rückgang», zitierte «ABC» Enid Coupé aus der Kleinstadt Walgett im Hinterland der Region. Farmer und andere Anwohner berichteten hingegen, dass unzählige Nager von draußen in Häuser und Schuppen geflohen seien, wo es trockener und wärmer sei.

Dass die Wassermassen den Vormarsch der Mäuse stoppen können, bezweifeln Experten. «Es ist schwierig genau vorherzusagen, was der Regen für die Maus-Populationen bedeuten wird», zitierte «ABC» den Wissenschaftler Steve Henry von der Forschungsbehörde CSIRO. Die Baue der Mäuse seien ein hoch entwickeltes Netzwerk, das sie eventuell auch vor Starkregen schützen könne. Möglich sei, dass viele Junge ertrinken - aber ob die Zahl erwachsener Mäuse stark dezimiert werde, sei unklar.

Zudem: Mäuse seien wahre «Brutmaschinen», schreibt CSIRO auf seiner Webseite. Alle 20 Tage könne ein Weibchen bis zu zehn Junge zur Welt bringen. Es sei schwierig und kostspielig die Tiere zu kontrollieren.

Hintergrund der Plage: Nach Jahren der Dürre haben das ländliche New South Wales und Teile von Queensland nach der letzten Regenzeit eine Rekordernte verzeichnet. Der Zuwachs an Getreide und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen erfreute nicht nur die Farmer, sondern auch die Mäuse. Zunächst explodierte deren Zahl im Oktober im tropischen Norden, dann breiteten sich die grauen Tiere immer weiter Richtung Süden aus. «ABC» sprach von der schlimmsten Plage seit Jahrzehnten. Mittlerweile näherten sich die Nager auch der Grenze zum Bundesstaat Victoria, hieß es zu Wochenbeginn.

Die Menschen kämpfen derweil ihren persönlichen Kampf gegen die Mäuse. In bester «Aussie»-Manier ist es für viele Familien zu einer Art Sport geworden, möglichst viele Nager zu fangen und immer neue Ideen zu entwickeln, um die Tiere zu entsorgen. Denn sie sind überall - unter den Stoffen von Sitzmöbeln, in Lüftungsschächten, in den Ventilatoren der Kühlschränke, in Wassertanks.

Pip Goldsmith aus Coonamble platzierte früh abends in ihrem Auto Mausefallen und fand vor Mitternacht bereits 20 tote Tiere, wie der «Guardian berichtete. «Tot oder lebendig, sie stinken», sagte sie dem Blatt. «Man kann dem Gestank einfach nicht entkommen.» Erst im Juli, wenn die kalte Jahreszeit kommt und die Felder leer sind, sei ein Ende der Plage in Sicht, schätzt CSIRO.

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