Anti-Semitismus

Die Geschichte der Juden ist geprägt von Unterdrü­ckung, von Verfolgung und Hass, wodurch sie über die ganze Welt verstreut wurden. Woher stammt dieser grenzenlose Hass?

Immer wieder hieß es, die Juden, die sich selbst als das auserwählte Volk bezeichnen, strebten die Weltherrschaft an, sie seien Parasiten des jeweiligen Landes, in dem sie lebten. In der Diaspora waren ihnen alle Handwerksberufe verboten. Aber als Bankiers, Wissenschaftler, Künstler, Verleger und Journalisten wurden sie zu kreativen Gestaltern von Kultur, Wirtschaft und Geschichte in Mitteleuropa. Das deutsche Judentum hat so einen bedeutenden Beitrag für Deutschlands Weg in die moderne geleistet. Einer Minderheit gelang es, zu Hof-Juden zu werden, die sich durch Kapital, Heereslieferungen und Luxuswaren an die Fürsten von den Ständen unabhängig machten und dafür von ihnen gehasst wurden. Die jüdische Oberschicht zeigte auch in der Öffentlichkeit gerne ihren Reichtum, womit sie viel Neid auf sich zog. Als Hitler mit seinen Verbrechen gegen die Juden begann, konnte er sich der Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten sicher sein. Der Shoa, dem nationalsozialistischen Völkermord, fielen bis zu 6,3 Millionen zum Opfer, eingeleitet durch die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Nur wenige Tausend Juden überlebten durch ihre Flucht. Für Herrn Gauland war der Holocaust nur „ein Fliegenschiss der Geschichte“. Nicht minder erschreckend Björn Höcke, der das Erinnerungsfeld für die ermordeten Juden in Berlin „ein Denkmal der Schande“ nennt. Und das im Jahre 2018! Nein, die Juden hatten und haben es fast überall auf der Welt immer schwer gehabt, ihrem Glauben zu leben. Vielfach mag es nur die Angst vor dem Anderssein dieser Menschen gewesen sein, die den Hass hervorbrachte.

Ich kann es nicht nachvollziehen. Niemals in meinem Leben entwickelte ich ein Gefühl gegen Menschen anderer Hautfarbe oder einer anderen Religion. Im Gegenteil, fremden Menschen aus aller Welt zu begegnen, ist für mich immer eine Freude und Bereicherung. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass mein Urgroßvater väterlicherseits eine Jüdin geheiratet hat. Da sie aber schon kurz nach einem Jahr starb, weiß ich nicht, ob mein Großvater ihr Sohn war. Der Urgroßvater heiratete noch ein zweites Mal. Die Stammbaum-Rolle ging im Krieg verloren, und das Thema war in der Familie tabu. Schade, ich hätte gerne mehr gewusst. Tatsache ist, dass Gewalttaten gegen Juden bei uns wieder zunehmen. In Berlin traut sich kaum noch ein Jude, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen, nachdem einige jugendliche Juden dafür misshandelt wurden. Auch der Zentralrat der Juden rät inzwischen seinen Mitgliedern sich unauffällig zu machen, selbst den Judenstern am Anhänger unter dem T-Shirt oder der Bluse zu verbergen. Kein Wunder, wenn viele Juden sich mit der Frage befassen, ob sie nach Israel auswandern sollten, in die alte Heimat, die, als das britische Mandat über Palästina auslief, im Jahre 1948 von David Ben Gurion als selbstständiger Staat ausgerufen wurde. Mit viel Fleiß und Können wurde diese Wüste urbar gemacht und wieder auf- und ausgebaut, nicht zuletzt auch mit finanzieller Hilfe der USA und der Bundesrepublik, die sich bis heute als feste Verbündete Israels sehen. Umgeben von Feinden, beispielsweise vom Iran, der damit droht alle Juden ins Meer zu jagen, blieb ihnen nur die massive Aufrüstung, sonst wären sie wären sie längst von der Landkarte verschwunden. Ich gestehe, die Siedlungspolitik der jüdischen Regierung gefällt mir auch nicht. Andererseits, wohin mit all den Einwanderern? Einschließlich der israelisch besetzten Gebiete gehört Israel heute zu den dicht besiedelsten Länder Asiens mit insgesamt ca. 8,3 Millionen Einwohnern. Und immer mehr Juden aus aller Welt kehren nach Israel zurück und brauchen eine Unterkunft. In der internationale Gedenkstätte Yad Vashem gedenken die Juden 6,3 Millionen Opfern, die der Shoa zum Opfer gefallen sind. Die junge Generation in Deutschland will davon nichts mehr hören. Sie quatscht oft nach, was ihnen von Ewiggestrigen eingetrichtert wird, prügeln auf jüdische Mitschüler ein und wähnen sich als Patrioten.

In Thailand ist das überhaupt kein Problem. Hier leben die unterschiedlichsten Religionen friedlich nebeneinander. In Bangkok steht, etwas abseits in einer versteckten Seitenstraße die Synagoge Beth-Evisheva. Der Rabbiner Yosef Kantor betreut die Chabad-Gemeinde seit dem Jahre 2003. Sie umfasst gerade mal 300 Familien, neben den 100- bis 120-Tausend jüdischen Rucksacktouristen, die alljährlich nach Thailand kommen. Die chassidischen Kollegen mit ihren langen Bärten und den schwarzen Hüten passen nicht so recht in dieses Umfeld. Aber die Thais sind tolerant und akzeptieren ihre Bräuche. In-zwischen eröffnete der Rabbi für die jüdischen Touristen in der Nähe der Khao San Road ein Chabad-Haus, wo sie koschere Speisen bekommen und Freitag­nacht sogar kostenlos verpflegt werden. Solche Begegnungsstätten gibt es heute auch auf Koh Samui und in Chiang Mai.

In Deutschland nimmt die Zahl der Anti-Semiten angeblich massiv zu. Man spricht von bis zu 50 Prozent der Einwohner. Unverständlich. Wenn ich mir diese Zahlen vor Augen führe, denke ich, ich lebe in einer anderen Welt. Allerdings bin ich der Meinung, dieser Hass gilt nicht den Juden und ihrer Religion, sondern der Regierung, die immer neue Siedlungen im paläs­tinensischen Staatsgebiet baut. Wie kann auf diese Weise jemals ein Friedensvertrag zustande kommen? Wahrscheinlich ist er von der israelischen Regierung auch gar nicht gewünscht. Sie rüstet mehr und mehr auf. Was wollen, was sollen die armen Palästinenser dagegen tun? Hier eine Rakete, dort ein Bombenattentat? Israel verfügt weithin über die Oberhoheit. Und wer auch immer auf einen Friedensvertrag zwischen Israel und den Palästinensern drängt, der erntet nur ein Grinsen. Wie soll es weiter gehen? Viele Staaten haben sich erfolglos dafür eingesetzt. Aber auch ein Friedens-Nobelpreis verpuffte wirkungslos. Israel ist inzwischen eine Atommacht, und so stark, dass es keinen Staat gibt, der es zu einem Friedensvertrag zwingen könnte – weder militärisch noch diplomatisch. Ich war mehrmals in Israel, habe dort Freunde gefunden, die nichts anderes wollen, als endlich in Frieden zu leben. Ich sehe dafür in absehbarer Zeit keine Chance. Warum schreibe ich diese Kolumne? Es ist nicht nur die Erinnerung an die Reichskristallnacht vom 9. November 1938. Kürzlich traf ich zufällig eine ältere jüdische Freundin wieder, eine hochbegabte Malerin, die ich in Tel Aviv kennengelernt hatte. Wir hatten uns viel zu erzählen. Sie lebt mit ihrem Bruder Abi seit Jahren in der Nähe von Pattaya – ohne die geringsten Probleme. Sie geht mit ihren 85 Jahren oft in Schulen und Universitäten, um über ihre Zeit im KZ Dachau zu berichten. Das finde ich großartig. Inzwischen sehen wir uns häufiger. So soll es sein. Egal, ob Christ, Jude, Hindu, Moslem, Buddhist oder Atheist – allen wünsche ich von Herzen „Shalom“!

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