Am besten alles selber machen

 VW und die Probleme mit dem Strom

Eine Autofahrerin lädt ihr Elektroauto an der deutschlandweit ersten Ultraschnellladestation an der Raststätte Brohltal Ost an der Autobahn A61 auf. Foto: Thomas Frey/Dpa
Eine Autofahrerin lädt ihr Elektroauto an der deutschlandweit ersten Ultraschnellladestation an der Raststätte Brohltal Ost an der Autobahn A61 auf. Foto: Thomas Frey/Dpa

WOLFSBURG (dpa) - Alles ändert sich in der Welt der Autobauer - E-Fahrzeuge, neue Geschäfte rund um Ladesäulen, Digitalisierung. Die Elektromobilität ist zum Erfolg verdammt. Aber auf dem Weg lauern Hindernisse.

Früher war eben doch alles einfacher. Autobauer bauten Autos, Ölkonzerne waren für Tankstellen und die Versorgung mit Sprit zuständig - alles klar geregelt. Auf der bisher holprigen Fahrt in die Ära der E-Mobilität ist all das weitaus weniger eindeutig.

So hat sich Volkswagen mit BMW, Daimler und Ford zum Netzwerk Ionity zusammengeschlossen, um Schnellladestationen entlang der Autobahnen aufzubauen. Die neue VW-Ökostromtochter Elli soll nicht nur für Ladeinfrastruktur sorgen, sondern den Kunden - nicht nur VW-Kunden - grünen Strom verkaufen. «Wenn es kein anderer macht, muss man es selber machen», sagt Auto-Branchenexperte Stefan Bratzel. Es habe «enorme Versäumnisse der Hersteller und der öffentlichen Hand» gegeben. Und jetzt kämpft die Branche mit einer auf den ersten Blick unscheinbaren Regeländerung: Ende März läuft eine Übergangsfrist ab - vom 1. April an müssen die Ladesäulen dem Eichrecht entsprechen. Das neue Eichgesetz gilt eigentlich schon seit 2015.

Was bedeutet das? Eigentlich nur, dass kilowattstundengenau abgerechnet werden muss, damit der E-Autofahrer genau weiß, was ihn der Strom kostet. Dafür müssen eichrechtskonforme Messgeräte in die Ladesäulen eingebaut werden. Zwar gibt es nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums inzwischen technische Lösungen. Aber: für Gleichstrom-Schnellladesäulen existierten noch keine Messgeräte - was alle Betreiber betreffe, sagt ein Ionity-Sprecher. «Die genaue Messbarkeit ist nicht gegeben.» Das Netzwerk sei im Gespräch mit den zuständigen Landes-Eichbehörden und gehe davon aus, dass die Geräte im Laufe des Frühjahrs zur Verfügung gestellt werden.

Den Landesbehörden ist dem Vernehmen nach klar, dass nicht alle Ladesäulen abgeschaltet werden können. «Wir werden geduldet», sagt der Ionity-Sprecher. Er betont: «Keine Säule muss zurückgebaut oder abgerissen werden.» Die Nachrüstung sei gewährleistet. Kosten: bisher unbekannt, in der Branche ist aber von Millionensummen die Rede.

Denn laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft gibt es Ende 2018 über 16.100 Ladepunkte in Deutschland - davon 12 Prozent Schnelllader. Das Wirtschaftsministerium sprach von bundesweit etwa 8.000 öffentlichen Ladesäulen, unklar sei, wie viele dieser Säulen nicht messrechtskonform seien. Betreiber müssen nach Angaben des Ministeriums für betroffene Gleichstrom-Säulen Nachrüstpläne vorlegen. Dann werde die Eichbehörde einen «individuellen Bescheid» erlassen, der eine Umrüstungsfrist setzt. Damit könnten die Ladesäulen bis zum Ende der Frist betrieben werden.

Dennoch: ein Hindernis mehr für E-Autos, auf deren Erfolg die Hersteller allesamt angewiesen sind - schon weil die künftigen EU-Grenzwerte beim Kohlendioxidausstoß und damit für den Verbrauch kaum ohne Stromer zu erfüllen sein dürften. Daher auch der VW-Vorstoß mit der mobilen Schnellladesäule, die überall dort eingesetzt werden soll, wo E-Autofahrer keine andere Möglichkeit zum Laden finden - vor Supermärkten beispielsweise. Die mobile Säule wird nach VW-Angaben im Sommer 2019 in die Pilotphase in Wolfsburg starten - ohne Zähler, weil der Strom für Testkunden kostenlos sei. 2020 starte die Serienproduktion in Hannover, dann mit eichrechtskonformem Zähler.

Trotz allem dürfte feststehen, dass es auch für Autobauer der richtige Weg ist, sich im Strom- und Infrastrukturgeschäft zu tummeln. In der Frage der E-Mobilität hätten die deutschen Hersteller viel zu lange darauf gewartet, «dass irgendjemand die Infrastruktur aufbaut», erklärt Bratzel. Es sei überfällig, über das Auto hinaus zu denken. Experten-Kollege Ferdinand Dudenhöffer betont: «Früher hat man sich auf die vier Räder konzentriert, heute hat man einen weiteren Horizont.»

Den großen Schub für E-Autos erwarten sowohl Bratzel als auch Dudenhöffer erst für 2021 oder 2022. Bis jetzt aber, und auch in den nächsten fünf Jahren, rechneten sich Ladesäulen nicht, warnt Dudenhöffer. Der Experte moniert: «Es fehlt der Plan aus Berlin.» Der Ausbau der Ladeinfrastruktur verlaufe völlig ungeplant.

Letztlich zähle für Autobauer, zu Mobilitätsdienstleistern zu werden, erklärt Bratzel. Dies habe Tesla-Gründer Elon Musk schon vor Jahren verstanden, indem er die «Gigafactory» zur Batteriezellproduktion und ein Schnellladenetz anschob. Im Segment des grünen Stroms ist Elli für Volkswagen nicht der erste Vorstoß: 2009 hatte der Autobauer gemeinsam mit dem Ökoenergieanbieter Lichtblick große Pläne - es ging um den Bau und Vertrieb von Blockheizkraftwerken für den heimischen Keller. Doch ein Streit beendete die Kooperation schon fünf Jahre später.

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