LONDON: Mit neuem Selbstverständnis greift Zverev in Wimbledon an. Becker sieht ihn schon als Teil der «Big Three». Doch kann Zverev tatsächlich den nächsten Titel feiern? Was spricht dafür, was dagegen?
Diese Rolle kennt French-Open-Sieger Alexander Zverev noch nicht. Zum ersten Mal tritt er als Grand-Slam-Champion bei einem der vier wichtigsten Tennis-Turniere an. Ihn begleiten damit in Wimbledon auch die Fragen: Wie geht es für ihn weiter? Gewinnt Zverev gleich die nächste Grand-Slam-Trophäe? Oder bleibt es bei diesem einen Triumph?
Tennis-Ikone Boris Becker traut dem 29-Jährigen vor dem am Montag beginnenden Rasenklassiker in London noch «zwei, drei oder vier» weitere der größten Titel zu. «Es gibt keinen Grund für mich, warum er nicht auch Wimbledon gewinnen kann», sagte Becker im gemeinsamen Podcast mit der früheren Top-Ten-Spielerin Andrea Petkovic.
Der mentale Schub
Der Paris-Triumph stärkt das Selbstverständnis. Der Frust der drei vorherigen Grand-Slam-Final-Niederlagen ist abgeschüttelt, großer Druck abgefallen. «Hätte ich auch diesen Kampf verloren, wäre mein Selbstvertrauen stark gesunken», meinte Zverev: «Aber jetzt, wo ich gewonnen habe, habe ich das Gefühl, dass ich es wieder schaffen kann.»
Ein solcher Erfolg kann beflügeln, erleichtern, befreien - so hat es die dreimalige Grand-Slam-Turniersiegerin Angelique Kerber erlebt. «Es hat alles auf den Kopf gestellt», sagte die 38-Jährige im Rückblick auf ihren ersten Triumph in Australien 2016. «Es hat klick gemacht, und ich war bei den Grand Slams ganz anders als davor», erklärte Kerber. Sie hält den «einen oder anderen» großen Titel für Zverev direkt für möglich, «weil er jetzt weiß, wie es geht».
Die Rasenform so stark wie nie?
Zverev sticht in dieser Saison mit Konstanz heraus. Auch beim Vorbereitungsturnier im westfälischen Halle erreichte er das Halbfinale - und beeindruckte den dreimaligen Wimbledon-Sieger Becker enorm. «Ich habe ihn noch nie so stark auf Rasen gesehen wie jetzt in Halle», schwärmte der 58-Jährige.
Zverevs gewandelter, offensiverer und mutigerer Spielstil ist gerade für Rasen wichtig. Seine Aufschlagstärke passt zum schnellen Untergrund. «Mit diesem Aufschlag alleine bist du schon mal im Halbfinale», meinte Becker.
Zwangspause für Alcaraz
In Paris musste der Weltranglisten-Dritte Zverev keinen der Topstars bezwingen. Italiens Ausnahmekönner Jannik Sinner verlor in der Hitze von Krämpfen und Schwindelgefühlen geplagt dramatisch in der zweiten Runde. Die spanische Nummer zwei der Welt, Carlos Alcaraz, fehlte - und kehrt wegen einer Handgelenksverletzung auch in Wimbledon nicht zurück. Ein Top-Favorit fällt damit aus. Die Abstinenz des Wimbledon-Titelträgers von 2023 und 2024 kommt Zverev zugute.
Wieder ist der Hamburger hinter Topstar Sinner an Position zwei gesetzt - und könnte dem Italiener erst im Endspiel begegnen. Becker sieht Zverev so oder so gerüstet. Für ihn zählt er neben Alcaraz und Sinner nun zu den «Big Three».
Sinner als Top-Favorit - mit Abstand
Auf der anderen Seite ist es die Dominanz von Sinner, die klar gegen einen Wimbledon-Coup von Zverev spricht. Die Bilanz der deutschen Nummer eins gegen den Südtiroler liest sich verheerend. Neunmal in Serie hatte der Olympiasieger von 2021 zuletzt das Nachsehen, alleine in diesem Jahr verlor er viermal jeweils ohne einen Satzgewinn.
In Paris war Sinner an der Hitze gescheitert, in Wimbledon werden Anfang der Woche um die 23 Grad Celsius erwartet. Und der 24-Jährige hat 2025 mit seinem Wimbledon-Titel bewiesen, dass er auch auf Rasen triumphieren kann.
Wimbledon als Zverevs schwächstes Grand-Slam-Turnier
Zverev dagegen kam in Wimbledon noch nie weiter als bis ins Achtelfinale. Von seinem Titel-Potenzial bei den Grand Slams war dort bisher am wenigsten zu sehen. Vor einem Jahr erlebte der Tennisprofi an der Church Road mit seinem Erstrunden-Aus einen Tiefpunkt - und sprach anschließend über mentale Probleme.
Keinen seiner insgesamt 25 Titel hat Zverev auf Rasen gewonnen. Nun soll er beim wichtigsten Event nicht nur erstmals ins Viertelfinale einziehen, sondern sich gleich zum Sieger küren? In Paris hatte der beste deutsche Tennisspieler schon 2024 im Finale gestanden - und drei weitere Male im Halbfinale.
Macht Zverevs Gesundheit mit?
Vor zwei Jahren war Zverev auch im Südwesten Londons in bestechender Form ins Turnier gestartet. Dann bremste ihn im Achtelfinale eine Knieverletzung aus, die er in der Runde zuvor erlitten hatte. Sein Körper streikte in der Vergangenheit immer mal wieder.
Beim Halbfinal-Aus zuletzt in Halle gegen US-Profi Taylor Fritz hatte der Diabetiker «extremst Probleme» mit seinem Zucker, weil sein Sensor vor dem Match einen falschen Wert angezeigt hatte. Auch sein Rücken machte ihm zu schaffen. Beunruhigen lassen wollte sich Zverev davon nicht. «Ich finde, dass ich mich auf Rasen gut gefunden habe - das kann ich hoffentlich auch in Wimbledon zeigen.»