REUTLINGEN: Ein Feuer legt die Stromversorgung rund um die Stadt Reutlingen lahm. Mehrere Brandstellen, ein beschädigter Zaun - ist das Zufall oder steckt mehr dahinter? Die Polizei sucht nach Antworten.
Ausgerechnet der Chef der Stadtwerke Reutlingen ist in der Nacht Augenzeuge eines folgenschweren Brands in einem Umspannwerk in der süddeutschen Stadt geworden.
Er sei um 1.40 Uhr aufgewacht und habe gesehen, dass der Strom weg sei, schildert Jens Balcerek am Vormittag danach. «Ich bin dann auf den Balkon gegangen und habe dann nur filmen können von vier Kilometern Entfernung, wie das Umspannwerk abgebrannt ist.»
Die Folgen: Zehntausende Menschen sind zunächst ohne Strom, auch eine Klinik ist betroffen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro. Und ein Verdacht ist im Raum: War es Brandstiftung, gar ein Anschlag?
Ursachenforschung auf Hochtouren
Zumindest gibt es laut dem Netzbetreiber Netze BW Hinweise darauf. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagt ein Sprecher am Morgen.
Bestätigt ist ein Anschlag bislang jedoch nicht. Die Polizei ermittelt. Auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ist eingebunden. Die Behörden betonen, es werde in alle Richtungen ermittelt.
«Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung, eventuell fahrlässig oder auch vorsätzlich», sagt Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen. Oberster Schwerpunkt der Spezialisten vor Ort sei die Ursachenforschung.
Auf der Plattform X kursiert ein Video, das den nächtlichen Vorfall zeigen soll - aufgenommen wohl aus einer benachbarten Gemeinde. Zu sehen sind unter anderem Lichtblitze, zu hören sind Explosionsgeräusche.
In der Nacht seien knapp 200 Kräfte der Feuerwehren im Einsatz gewesen, sagt Vize-Feuerwehrchef Matthias Hertler. Am Vormittag seien noch etwa halb so viele Einsatzkräfte mit den Folgen befasst. Der Brand sei seit etwa 5.00 Uhr gelöscht. Gegen 4.45 Uhr sei eine außergewöhnliche Einsatzeinlage ausgerufen worden.
Folgen sollen sich länger hinziehen
Am Morgen sind Teile der Kernstadt wieder mit Strom versorgt, darunter auch die Klinik. Aber diverse Stadtteile und umliegende Gemeinden seien nach wie vor ohne Strom, sagt Thomas Keck, Oberbürgermeister des etwa 120.000 Einwohner zählenden Reutlingen, bei einer Pressekonferenz. Darunter seien der größte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern sowie ein Industriegebiet.
7.600 Haushalte seien noch ohne Strom, sagt der Rathauschef. Rund 30.000 Menschen seien betroffen. «Das ist eine prekäre Situation», sagt Keck. «So was hat man Gott sei Dank nicht alle Tag.»
Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden. Die Behörden rechnen aber wohl nicht allzu bald damit. Für die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagt Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy aufladen oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Menschen so gering wie möglich zu halten.
Für einige Kitas werde für Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen solle es dazu im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt geben.
Netze BW und die Fairnetz GmbH, der Strom- und Gasnetzbetreiber in der Region Reutlingen, teilen sich das Umspannwerk den Angaben nach. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung.
Erste Einsätze für Rotes Kreuz und Malteser
Nach dem Vorfall sind auch Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und des Malteser-Hilfsdienstes im Einsatz. Um wegen der Auswirkungen des Stromausfalls besser zu helfen, arbeite ein Einsatzstab im Zentrum für Bevölkerungsschutz in Pfullingen, teilt die Stadt mit. Ein leitender Notarzt unterstütze vor Ort. «Die Hilfsorganisationen bereiten sich für eine längere Einsatzdauer, die Betreuung von zahlreichen Hilfsbedürftigen sowie die Versorgung von Patienten vor», heißt es auf der Homepage.
Erinnerungen an Berliner Brandanschläge
Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich linksextremistische Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz.
Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige Kälte, es lag Schnee - und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels.
In der deutschen Hauptstadt läuft seit den beiden Anschlägen eine intensive Debatte über mehr Sicherheit für die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das für 99 Prozent.