Einmal im Jahr, immer an einem Donnerstag, wird an den Schulen und Hochschulen die traditionelle Wai-Kru-Zeremonie bzw. der Wai-Kru-Tag abgehalten. Wai Kru (Kru = Lehrer) kann man einfach als „dem Lehrer Respekt erweisen“ gleichsetzen. In der Regel ist diese Zeremonie immer am Anfang des Schuljahres, das Datum kann aber von der Schulleitung bestimmt werden.
Jedoch erfolgt diese Zeremonie immer an einem Donnerstag. Warum es gerade ein Donnerstag ist, kann keiner mehr genau erklären, aber der Donnerstag gilt als ein spezieller Tag für Lehrer oder als der Lehrer-Tag.
Bei der Wai-Kru-Zeremonie werden den Lehrern Blumengestecke übergeben und dabei respektvoll mit einem Wai begrüsst. Dadurch erhoffen sich alle Kinder nicht nur einen Verdienst, indem sie ihren Lehrern für den guten Unterricht der Vergangenheit danken, sondern auch Glück für das kommende Schuljahr.
Traditionell kann es auch vorkommen, dass Schülerinnen oder Schüler, die von einer anderen Schule umgezogen sind, bei ihrer Ankunft der Lehrerin oder dem Lehrer ebenso ein Blumengesteck mit einem respektvollen Wai überreichen. Mit der Zeremonie bezeugt jeder einzelne Schüler seinen Respekt, seine Geduld, Ausdauer und Disziplin gegenüber den Lehrern und der Schule.
Obwohl die Zeremonien an Schulen und Hochschulen vom Ablauf her variieren können,gibt es doch eine allgemein geregelte Abfolge. Die Zeremonie beginnt damit, dass sich die ganze Lehrerschaft und die Schüler in ihren Schuluniformen auf dem Schulplatz versammeln und in Reih’ und Glied geordnet aufstellen. Danach wird respektvoll die thailändische Fahne gehisst und die Nationalhymne gesungen. Anschliessend erfolgt ein kurzes gemeinsames Gebet, und die Leiterin bzw. der Leiter der Schule spendet Buddha auf dem eigenen Schulaltar drei Rauchstäbchen und entzündet Kerzen.
Danach hält die Schulleiterin oder der Schulleiter eine Ansprache, mit der ein kurzer Rückblick auf das vergangeneSchuljahr und vorausschauend positiv auf das zukünftige Jahr gehalten wird. Es wird auf die gemeinsamen Werte und die Loyalität gegenüber der Nation, der Religion und dem König erinnert, aber die Schüler werden auch ermahnt, die Schulrichtlinien zu befolgen und nicht den Respekt vor den Lehrern zu verlieren. Es wird auch hingewiesen, dass jede mögliche Arroganz eines Schülers oder Schülerin gegenüber dem Lehrer ein grosses Hindernis zum Lernen sein kann. Zuletzt erfolgt eine Erklärung über Sinn und Zweck der Zeremonie, die besonders für die neuen, jungen Kinder gedacht ist.
Anschliessend überreichen die Schüler ihren Lehrern und Lehrerinnen, die auf Stühlen sitzen, die Blumengebinde, indem sie vor ihnen knien und die Blumengebinde mit einem Wai übergeben. JederLehrer und jede Lehrerin nimmt sich immer etwas Zeit für jeden einzelnen Schüler bei der Übergabe der Blumengebinde, spricht kurz aufmunternde Worte, streichelt fürsorgevoll den Kopf oder hält die Hand. Dies symbolisiert eine Art Segen der Lehrer gegenüber jeden einzelnen Schüler.
Nach dieser Hauptzeremonie gehen die älteren Schülerinnen und Schüler mit der Lehrerschaft in die Turnhalle oder in eine Aula, wo ein gemeinsames Gebet mit einem anwesenden Mönch und anschliessend eine Predigt des Mönchs erfolgt. Während der Mönch seine Predigt hält, halten die Lehrer und die Schüler ihre Hände symbolisch zusammen. Der Mönch spricht meistens über Tugenden.
Der Predigt folgt ein gemeinsames Gebet, und während alle noch beten, wird eine Kerze angezündet, und der Mönch lässt einige Tropfen des Kerzenwachses in einer mit Wasser gefüllten hohen Schale tropfen. Auf dem Wasser in der Schale schwimmen Blütenblätter der Aubergineblume. Dadurch wird das Wasser vom Mönch symbolisch gesegnet. Man nennt dieses Wasser „nam mon“.
Danach geht der Mönch zum Ausgang der Turnhalle oder Aula, wobei er von Schülern unterstützt wird, die die mit gesegnetes Wasser gefüllte Schale und die Utensilien des Mönchs tragen. Beim Vorbeigehen des Mönches verbeugen sich die Lehrer und Schüler zu Boden und mache einen respektvollen Wai.
Anschliessend gehen alle Schüler und Lehrer mit einem Wai am Mönch vorbei, und der Mönch segnet jeden Einzelnen durch das Besprühen mit dem gesegneten Wasser.
Blumen, Räucherstäbchen und eine Kerze stellen im Buddhismus symbolisch den dreifache Edelstein dar, den man als „ratanatri“ bezeichnet. Nach der Zeremonie werden die oft Tausende Blumen lokalen Wats gespendet.
Die Bestandteile eines Blumengesteckes haben eine bestimmte Symbolik. So besteht jedes Blumengesteck aus Auberginenblumen in Rot, Orange und Gelb, etwas Bermuda-Gras, drei Rauchstäbchen, einer Kerze und einigen Reiskörner der Art „Khao tok“.
Die meist rotfarbene Aubergineblume, auf Thailändisch heisst sie „dok ma khue“, steht symbolisch für Respekt. Jede Blume, die kein Wasser erhält, senkt ihre Blütenpracht zum Boden, und am Ende verwelkt sie. So erhält jede Blume Wasser, um weiter zu erblühen und aufrecht stehen zu können, wie in gleicher Weise jeder Schüler das Wissen respektvoll von den Lehrern erhält, um später aufrecht das erworbene Wissen zu nutzen.
Das Bermuda-Gras, auf Thailändisch „ya praek“, steht für Geduld und Ausdauer. Diese Grasart kann auch bei trockener Jahreszeit und wenig Wasser weiter leben. Auch wenn oft auf diesem Gras getreten wird, so kann es aus eigener Kraft wieder gesunden und neu wachsen, während andere Grasarten längst abgestorben wären. In gleicher Weise soll jeder Schüler genügend Ausdauer und Geduld mitbringen, wie das Gras alle möglichen Schwierigkeiten überwinden, um die Schule erfolgreich abschliessen zu können.
Geknallter Reis ist so etwas wie Popkorn aus Reis, heisst auf Thailändisch „khao tok“. Dieser „khao tok“ steht für Disziplin. Während der geknallte Reis der Hitze ausgesetzt ist, spring er erst dann zum richtigen Zeitpunkt heraus, wenn er süss und zart ist. Erst dann kann er gegessen werden. Würde der Reis nicht zum richtigen Zeitpunkt herausspringen, würde er verkohlen. In gleicher Weise muss die Disziplin beim Studieren immer eingehalten werden, so dass alles im richtigen Zeitpunkt in geordneten Verhältnissen geschieht.