MÜNCHEN: Lily Allen schwärmt von der Chemie am Set, Elyas M'Barek brilliert als Rebell - und mittendrin Frauen, die mehr wollen als Heiratspläne. Was die Verfilmung von Woolf heute noch bewegt.
Kinder, Küche, Haushalt - was heute (zumindest von der Idee her) partnerschaftlich geteilt wird, war früher alleinige Aufgabe der Frauen. Warum sollten sie studieren und am Ende gar einen Beruf ergreifen, wenn sie doch eine gute Partie machen konnten? Doch schon damals gab es junge Frauen, die sich damit nicht abfinden wollten - so wie die Heldin in Virginia Woolfs Roman «Nacht und Tag», der nun verfilmt wurde, prominent besetzt mit Haley Bennett, Lily Allen und dem «Fack ju Göhte»-Star Elyas M'Barek.
Astronomie statt Ehezwang
Die Gesellschaftskomödie «Virginia Woolf's Night & Day» feierte gerade erst auf dem Filmfest München Premiere. Sie spielt im Jahr 1910 und erinnert an Filme wie «Enola Holmes». Katherine (Haley Bennett - «Girl on the Train») soll sich darin als höhere Tochter auf eine standesgemäße Ehe vorbereiten mit dem etwas drögen Dichter William Rodney (Jack Whitehall). Doch viel lieber will die neugierige und intelligente junge Frau als Astrophysikerin das Weltall erforschen. Auf Anraten der Frauenrechtlerin Mary (Lily Allen) bewirbt sie sich gegen alle Widerstände für ein Studium an der Universität in Cambridge. Die Familie ist entsetzt - und auch in der Liebe gerät einiges durcheinander.
Leben im falschen Jahrhundert
Die iranisch-britische Regisseurin Tina Gharavi erzählt amüsant, wie sich Katherine gegen die einengenden Regeln auflehnt. Unterstützt wird sie dabei von ihrem Cousin Cyril (Misia Butler), der selbst mit den Konventionen hadert und von einer aufgeschlossenen, offenen Welt träumt, in der jeder so leben kann, wie er möchte. «Wir leben im falschen Jahrhundert Kit, tut mir leid», versucht er, seine Cousine zu trösten. Katherines Vater hadert mit seiner rebellischen Tochter, ist gleichzeitig aber auch beeindruckt.
«Seriöse Gesellschaft für seriöse Männer»
Gharavi inszeniert ihre Heldin als unerschrockene und temperamentvolle junge Frau, die die Aufgeblasenheit und Wichtigtuerei der Männer um sie herum gekonnt und lustvoll entlarvt. Etwa, wenn die Herren den Frauen den Zugang zur Astronomischen Gesellschaft versagen, mit kläglicher Begründung («Das ist eine seriöse Gesellschaft für seriöse Männer»). Kombiniert mit Wortwitz und Schlagfertigkeit wird daraus eine erfrischende und vergnügliche Geschichte, jenseits gängiger Kostümfilme. Der gelungene Soundtrack tut ein Übriges und unterlegt die Geschichte mit mal verträumter, mal treibender Musik.
Prominenz von Pop bis «Harry Potter»
Auch die prominente Darstellerriege tut ein Übriges, um den Film sehenswert zu machen. Haley Bennett (Katherine) etwa kennt man aus Thrillern wie «Girl on the Train» oder «Swallow» oder dem Action-Drama «Borderlands» mit Cate Blanchett und Kevin Hart. Ebenfalls mit dabei: Popsängerin Lily Allen («Not Fair») als Mary und Timothy Spall in der Rolle des Vaters, vielen als Peter Pettigrew aus den «Harry Potter»-Filmen bekannt. Den Part von William übernimmt Jack Whitehall, ein britischer Stand-up-Comedian, der auch in der Thriller-Serie «Malice» mit David Duchovny und Carice Van Houton zu sehen ist.
Internationale Kinorolle für M'Barek
Aus deutscher Sicht besonders interessant: Elyas M'Barek, gerade frisch von New York in seine alte Heimatstadt München zurückgezogen. Für ihn ist es die erste internationale Kinorolle - und die macht er richtig gut. Er spielt Ralph Denham, einen Deutschen mit persischen Wurzeln, ein Rebell, ein Marxist, wie M'Barek die Figur beschreibt. Und gleichzeitig sei er lustig, charmant und gefühlvoll. Katherine ist angetan - auch wenn der sympathische Mann wegen seiner Herkunft aus der Arbeiterklasse eigentlich nicht standesgemäß ist.
Lily Allen lobt «Fack ju Göhte»-Star
M'Barek spielt diesen Ralph als zurückhaltenden, aber auch selbstbewussten Typen, der sich von den Aufregungen der Oberschicht nicht beeindrucken lässt. Für den lässigen Auftritt des 44-Jährigen gab es Lob von Schauspielkollegin Lily Allen. «Wir haben einen ähnlichen Humor und wir haben uns wirklich richtig gut verstanden», sagte die 41-Jährige und schwärmte von der Chemie zwischen ihnen. «Ich finde, er ist ein sehr, sehr charmanter junger Mann.»
Appell: Frauen müssen weiterkämpfen
Besonders am Herzen liegt der Popsängerin und Schauspielerin jedoch die Rolle der Frauen - in der heutigen Gesellschaft. «Wir haben seit 1910 offensichtlich viel erreicht, aber es liegt noch ein Stück Weg vor uns. Daher hoffe ich, dass dies die Menschen dazu inspiriert, weiter voranzuschreiten», sagt die 41-Jährige.
Hauptdarstellerin Bennett kann insbesondere Katherines Wunsch verstehen, Dinge anders zu machen. «Es geht darum, seine eigene Identität zu finden und ich glaube, das ist zeitlos», so die 38-Jährige.
Da kann ihr Regisseurin Gharavi nur beipflichten: Der Kampf der Frauen sei ein langer Kampf und noch nicht vorbei. Und sie nennt Aufgaben für die heutige Zeit: «Dass wir uns immer noch wirklich schwierige Fragen stellen müssen, was es bedeutet, eine Frau zu sein, Ehrgeiz zu haben und dies mit Beziehungen und Liebe in Einklang zu bringen.»