Ullrich räumt mit Doping-Vergangenheit auf

«Fühle mich leichter»

Der ehemalige Radprofi Jan Ullrich spricht nach der Vorstellung seiner Dokumentation „Jan Ullrich - Der Gejagte“ im Filmtheater Sendlinger Tor auf der Bühne neben Moderatorin Annika Zimmermann. Foto: Angelika Warmuth/dpa
Der ehemalige Radprofi Jan Ullrich spricht nach der Vorstellung seiner Dokumentation „Jan Ullrich - Der Gejagte“ im Filmtheater Sendlinger Tor auf der Bühne neben Moderatorin Annika Zimmermann. Foto: Angelika Warmuth/dpa

BERLIN: Seit seinem Karriereende vor 17 Jahren hat Jan Ullrich zu seiner Doping-Vergangenheit geschwiegen. Er habe niemanden betrogen, sagte er stets. Nun endlich das Geständnis.

Jan Ullrich atmete tief durch, dann kam ihm der schwere Satz mit etwas zittriger Stimme endlich über die Lippen. «Ich habe gedopt», sagte der Tour-de-France-Champion von 1997 nach jahrelangem Schweigen und fühlte sich wie von einer tonnenschweren Last befreit. Am Mittwoch räumte der frühere Radstar bei der Vorstellung der Amazon-Dokumentation «Jan Ullrich - Der Gejagte» in München endlich mit seiner Vergangenheit auf, gab erstmals explizit zu, Dopingmittel in seiner erfolgreichen Radsport-Karriere genommen zu haben. «Ich habe mich schuldig gemacht, ich fühle mich auch schuldig.»

Jetzt ist es raus. Ullrich hatte in der Vergangenheit immer ein Doping-Geständnis abgelehnt. «Ich habe niemanden betrogen», lautete stets sein Standardsatz auf Fragen zu seiner Vergangenheit. «Das Thema war damals zu groß, das war allgegenwärtig. Der Radsport war betroffen, nicht nur ich. Das ist ja auch das Schwere, dass man eben keinen mit reinzieht. (...) Jetzt fühle ich mich leichter.»

Doping sei damals Teil des Systems gewesen. «Ich kann dazu sagen, aus reinem Herzen, ich wollte wirklich niemanden betrügen. Ich wollte mir keinen Vorsprung verschaffen. Das war damals eine andere Zeit. Damals hat der Radsport schon ein System gehabt, wo ich auch reingekommen bin. Für mich war das damals eine Art Chancengleichheit», erläuterte Ullrich auf der Podiumsdiskussion. Nun will der tief gefallene Ex-Radprofi, der auch privat einige Turbulenzen erlebt hat, einen Neuanfang starten, womöglich sogar im Radsport. «Vielleicht kann man das irgendwann ad acta legen, dass ich auch mal wieder im Radsport irgendetwas machen kann.»

Viele Weggefährten waren am Mittwoch nach München zur Vorstellung gekommen, darunter auch Ex-Teamchef Olaf Ludwig, sein Sportlicher Leiter Rudy Pevenage, Ex-Kollegen wie Ivan Basso, Jens Heppner oder Danilo Hondo, sein Jugendtrainer Peter Sager und sogar die Mutter des gestorbenen Rivalen Marco Pantani, was Ullrich zu Tränen rührte.

Ullrich hatte 1997 als bislang einziger Deutscher die Frankreich-Rundfahrt gewonnen und einen beispiellosen Radsport-Boom ausgelöst. Als «Boris Becker des Radsports» wurde er gefeiert, Sponsoren und Veranstalter standen bei ihm Schlange. Neben seinem Gesamtsieg 1997 fuhr Ullrich fünfmal bei der Tour auf den zweiten Platz. Er wurde Weltmeister und Olympiasieger.

Schon in den vergangenen Tagen hatte Ullrich in Interviews über jahrelanges Doping in seinem Team Telekom gesprochen. «Ohne nachzuhelfen, so war damals die weitverbreitete Wahrnehmung, wäre das so, als würdest du nur mit einem Messer bewaffnet zu einer Schießerei gehen», sagte Ullrich dem Magazin «Stern». Im Telekom-Team habe er «ziemlich schnell gelernt, dass Doping weitverbreitet war».

Ullrich musste 2006 unfreiwillig seine Karriere beenden, nachdem er in der großangelegten «Operacion Puerto» als Kunde des Doping-Arztes Eufemiano Fuentes enttarnt worden war. 2012 wurde Ullrich vom Internationalen Sportgerichtshof Cas für zwei Jahre gesperrt, diverse Erfolge zwischen 2005 und 2006 wurden ihm aberkannt. Später räumte Ullrich Behandlungen bei Fuentes ein, zu einem Doping-Geständnis wie bei seinen Ex-Kollegen Erik Zabel oder Rolf Aldag konnte er sich aber nicht durchringen - auch auf Rat der Anwälte.

Ob die neuen Aussagen Folgen haben für Ullrichs frühere Siege - allen voran bei der Tour 1997 - ist unklar. Ullrichs einstigem Rivalen Lance Armstrong wurden beispielsweise nach seiner lebenslangen Sperre im Jahr 2013 alle sieben Tour-Siege von 1999 bis 2005 aberkannt. Bjarne Riis, der bereits 2007 Doping gestand, wird dagegen immer noch als Gesamtsieger 1996 geführt. «Ich persönlich glaube, mir steht der Titel zu. Es müssen andere entscheiden, aber in meinem Herzen bin ich Tour-de-France-Sieger», sagte er. Ullrichs Olympia-Gold 2000 dürfte wegen der zehnjährigen IOC-Verjährungsfrist für Doping-Vergehen nicht in Gefahr sein.

Nach seinem abrupten Karriereende sorgte Ullrich auch außerhalb des Sports für Negativ-Schlagzeilen. Nachdem seine Ehe mit Frau Sara zerbrochen war, kam es auf Mallorca zum «Totalabsturz», wie er jüngst dem «Stern» erzählte. Ullrich trank «Whiskey wie Wasser» und kokste, sagte er in der Amazon-Doku, wie im Trailer zu sehen ist. Nach einem Streit mit Nachbar und TV-Star Til Schweiger landete Ullrich für eine Nacht im Gefängnis und wenig später in der Privatklinik für Suchterkrankungen.

Einer der ersten Besucher war Armstrong, der seinem alten Rivalen half. Der Amerikaner überredete Ullrich, einen Entzug zu machen, damit es ihm nicht ergehe wie dem 2004 an einer Überdosis gestorbenen Italiener Pantani. «Ich hätte es nicht ertragen können, noch einen von uns zu verlieren», sagte Armstrong im Interview der «Zeit».

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als voll farbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.
Pflichtfelder
Michael R. 23.11.23 19:50
Ulrich und Schweiger
Der Streit auf Malle wird halt einer unter zwei Besoffenen gewesen sein, der dann aus dem Ruder lief. Über Schweigers exzessiven Alkohlkonsum ist ja mittlerweile auch so einiges bekannt. Da war Jan Ulrich nicht der Einzige, der unter den Prominachbarn auf Malle Whisky wie Wasser soff.