Traurige Mütter besuchen Koh Tao-Häftlinge

Englische Zeitungen laufen seit Prozessbeginn Sturm gegen die Ermittlungsmethoden thailändischer Polizisten und Forensiker. Fast in allen Druck- und Onlineausgaben spielt der Koh Tao Doppelmord wieder eine Hauptrolle.
Englische Zeitungen laufen seit Prozessbeginn Sturm gegen die Ermittlungsmethoden thailändischer Polizisten und Forensiker. Fast in allen Druck- und Onlineausgaben spielt der Koh Tao Doppelmord wieder eine Hauptrolle.

KOH SAMUI/KOH TAO: Wenn der Koh Tao-Doppelmord-Prozess am kommenden Mittwoch in die zweite Runde geht, werden zwei traurige Mütter hinter der Bank der Angeklagten Zaw Lin und Wai Phyo (21) sitzen. Die Frauen sind am Wochenende von Myanmar nach Thailand gereist und können dank Spendengeldern möglicherweise bis zum Urteilsspruch bei ihren Söhnen auf Koh Samui bleiben.

Nach den ersten drei Verhandlungstagen ist das Verfahren um Schuld oder Unschuld der angeklagten Gastarbeiter offener denn je. Das siebenköpfige Verteidigerteam um Staranwalt Nakhon Chomphuchat hat mit aggressiver Befragung der Anklagezeugen Zweifel geschürt. Insbesondere die Ermittlungsarbeit der Polizei und die Auswertung der Obduktion der Leichen sowie von DNA-Spuren am Tatort Sairee Beach wurden massiv angeprangert. Dass ein Großteil der DNA heute nicht mehr verwertbar sei, darunter die im Mordopfer Hannah Witheridge (23) sichergestellten Spermarückstände, bezeichneten auch unbeteiligte Prozessbeobachter als „alarmierend unprofessionell“.

In britischen Zeitungen hat sich seit dem Prozessstart am 8. Juli eine beispiellose Verurteilung thailändischer Ermittlungsarbeit Luft gemacht. Ins Visier geraten sind dabei Polizei, Staatsanwaltschaft und auch der Chefpathologe des Polizeilichen Forensischen Institutes in Bangkok. Letzterer war nach dem Mord an Hannah Witheridge und David Miller (24) mit der Obduktion der Leichen beauftragt worden und musste als Zeuge vor Gericht mehrfach Versäumnisse bei der Dokumentation wichtiger Spurenfunde einräumen.

Informationen unserer Zeitung zufolge erhielt die Verteidigung Hinweise auf einen möglicherweise anderen Tathergang in der Mordnacht des 15. September 2014. Es meldeten sich Zeugen, die Schilderungen auf eine Beteiligung lokaler Koh Tao-Potentaten gaben. Diese waren Ende September allesamt entlastet worden, nachdem der erste Chefermittler, Polizeigeneralmajor Panya  Mamen aus Surat Thani, überraschend von dem Fall abgezogen wurde. Mamen hatte zunächst sogar den Sohn des Sairee-Ortsvorstehers als dringend Tatverdächtigen suchen lassen.

Die Mütter von Zaw Lin und Wai Phyo werden vom ‚MWRN‘ (Migrant Worker Rights Network) Thailand betreut und finanziert. Die Hilfsorganisation, die im Königreich arbeitende burmesische Landsleute unterstützt, arbeitet eng mit der Verteidigung und deren britischen Berater Andy Hall  zusammen. Hall ist auch Vorstandsmitglied der Friedensgruppe ‚Reprieve‘, die sich weltweit gegen die Todesstrafe einsetzt. Der Brite hat durch großangelegte Spendenaufrufe und beste Kontakte in die englische Medienlandschaft maßgeblich für das enorme Presse-Interesse gesorgt.

Interessant dürfte im zweiten Prozessabschnitt ab Mittwoch, 22. Juli, die weitere Bewertung der Spuren vom Tatort werden. Das Gericht hatte am 10. Juli einem Antrag der Verteidigung auf eine unabhängige Zweituntersuchung noch vorhandener DNA stattgegeben. Thailands anerkannteste Forensikerin, Dr. Pornthip Rojanasunand, soll dazu einvernommen werden.

Ob das Gericht ihr die Gelegenheit gibt, das gesamte Ermittlungsverfahren inklusive der Spurensicherung am Tattag zu bewerten – das wird von allen Prozessbeteiligten mit Spannung erwartet. Die Verteidigung setzt in ihrer Strategie darauf, größtmögliche Zweifel an der gerichtlichen Verwertbarkeit bisheriger Ermittlungsresultate zu säen. In dubio pro reo – im Zweifel für die Angeklagten – das könnte entscheidend sein, ob Zaw Lin und Wai Phyo den Gerichtssaal als freie Männer verlassen können oder die Todesstrafe gegen sie verhängt wird.

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