Putschversuch in der Türkei

Triumph, Trauma und offene Fragen

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan spricht auf einer Pressekonferenz während des NATO-Gipfels in Ankara. Foto: Filip Singer/epa
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan spricht auf einer Pressekonferenz während des NATO-Gipfels in Ankara. Foto: Filip Singer/epa

ISTANBUL: Vor zehn Jahren putschen Teile des türkischen Militärs gegen Präsident Erdogan - der Aufstand scheiterte. Die Folgen prägen die Türkei bis heute.

Der Putschversuch gegen die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor zehn Jahren hat die Türkei erschüttert und die Gesellschaft verändert. Erdogans islamisch-konservative AKP-Regierung plant für den Jahrestag landesweite Feiern unter dem Motto «Unser Wille - unser Sieg» - eine vollständige Aufklärung der Ereignisse steht aber bis heute aus.

Was ist in der Putschnacht passiert?

Am Abend des 15. Juli 2016 hatten Teile des Militärs gegen die Regierung Erdogan geputscht. In Istanbul und der Hauptstadt Ankara gab es Gefechte zwischen Putschisten und regierungstreuen Sicherheitskräften. Die Putschisten feuerten mit Panzern und Kampfjets auch auf Zivilisten, die sich ihnen nach einem Aufruf Erdogans entgegenstellten. Erdogan selbst entkam nur knapp einem Attentat an seinem Urlaubsort Marmaris. Auch das Parlamentsgebäude in Ankara wurde beschossen. In der Nacht gab es mehr als 250 Todesopfer und mehr als 2.000 Verletzte. Der Aufstand wurde schließlich niedergeschlagen.

Wie hat die Regierung reagiert?

Erdogan sprach noch in der Putschnacht von einem «Geschenk Gottes». Er machte den inzwischen verstorbenen islamischen Prediger Fethullah Gülen und seine Anhänger für den Umsturzversuch verantwortlich. Gülen, der bis zum öffentlichen Bruch 2013 mit Erdogan verbündet war und seit 1999 im US-Bundesstaat Pennsylvania lebte, hatte seine Beteiligung stets abgestritten.

Unter dem Ausnahmezustand, den Erdogan anschließend ausrief und der erst im Juli 2018 endete, ging die Regierung gegen mutmaßliche Putschisten und Anhänger von Gülens Bewegung, aber auch gegen Oppositionelle vor. Per Dekret wurden mehr als 100.000 Staatsbedienstete entlassen, darunter Lehrer, Richter, Staatsanwälte, Ärzte, Wissenschaftler und Polizeibeamte. Zehntausende Menschen wurden verhaftet, zahlreiche Medien und Verlage geschlossen.

In der Türkei ist die Gülen-Bewegung seither als Terrororganisation eingestuft. Bis heute gibt es Kritik, dass Gülen-nahe Mitglieder der Regierungspartei AKP verschont blieben.

Wurde eindeutig geklärt, wer hinter dem Putschversuch steckte?

Vollständig aufgearbeitet wurde die Putschnacht nie. Zwar hatte das türkische Parlament 2016 eine Untersuchungskommission eingerichtet, an der Parlamentarier aus Regierung und Opposition beteiligt waren. Schlüsselfiguren wie der Generalstabschef Hulusi Akar und der damalige Chef des türkischen Geheimdienstes MIT und heutige Außenminister Hakan Fidan äußerten sich jedoch nicht. Der frühere Investigativjournalist Ahmet Sik, der lange zur Gülen-Gemeinde recherchierte, ging von einer Allianz aus Gülen-Anhängern und anderen Akteuren innerhalb des türkischen Militärs aus.

Wie hat sich das politische System seither verändert?

Beobachter gehen davon aus, dass Erdogan durch den Ausnahmezustand nach dem Putschversuch leichter umsetzen konnte, was er schon lange plante: die Einführung eines Präsidialsystems mit weitreichenden Vollmachten für den Präsidenten. Noch im Ausnahmezustand ließ Erdogan 2017 ein Referendum über das Präsidialsystem abhalten, das ein Jahr später eingeführt wurde. Seitdem hat Erdogan so viel Macht wie nie zuvor und großen Einfluss auf die Justiz.

Während allein die Beschuldigung als «Gülenist» heute ausreicht, um eine Person gesellschaftlich zu diskreditieren, sind an die Stelle der mit der AKP einst verbundenen Gülen-Gemeinde Medien zufolge andere religiöse Gemeinden getreten. So beschreibt der Journalist Ismail Ari in seinen Recherchen, wie religiöse Orden wie die Menzil-Gemeinde durch ihre guten Beziehungen zur AKP-Regierung Einfluss auf die Politik ausüben.

2020 veröffentlichte die Ismailaga-Gemeinde - ein weiterer religiöser Orden - eine Erklärung, in der sie den Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention für die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen forderte. Ein halbes Jahr später verkündete Präsident Erdogan den Austritt seines Landes aus dem internationalen Abkommen.

Was ist aus den Tausenden Verhafteten geworden?

Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet, wurden insgesamt 289 Verfahren gegen mutmaßliche Putschisten eröffnet. Sie wurden 2021 in erster Instanz abgeschlossen. Insgesamt wurden 4.891 Personen unter anderem wegen «Mitgliedschaft in einer bewaffneten terroristischen Vereinigung» und «Beihilfe zum Verstoß gegen die verfassungsmäßige Ordnung» verurteilt. Darunter sind neben hochrangigen Militärs auch Polizisten und Zivilisten. 1.634 der Angeklagten wurden zu lebenslanger Freiheitsstrafe unter erschwerten Bedingungen verurteilt.

Inhaftierte wiederum haben Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) eingereicht, in denen sie ihre Haftbedingungen anprangern.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als voll farbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.

Sind Sie bereits Online-Abonnent? Lesen Sie die vollfarbige PDF-Ausgabe DER FARANG.