Antisemitismus, Kunstfreiheit und Rassismus

​Eine Documenta

Die Kunstausstellung documenta fifteen geht bis zum 25.09.2022. Foto: Swen Pförtner/dpa
Die Kunstausstellung documenta fifteen geht bis zum 25.09.2022. Foto: Swen Pförtner/dpa

KASSEL: An diesem Sonntag endet nach 100 Tagen die documenta fifteen. In der öffentlichen Wahrnehmung der 15. Ausgabe der Weltkunstausstellung in Kassel spielt die gezeigte Kunst aber nur eine untergeordnete Rolle. Beherrschendes Thema sind Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Schau.

Immer neue Antisemitismus-Vorwürfe, Forderungen nach einem Abbruch, Debatten über Zensur und Kunstfreiheit: Das waren die dominierenden Themen der documenta fifteen in Kassel, die am kommenden Sonntag nach 100 Tagen Spielzeit endet. Die Kunst blieb weitestgehend Nebenschauplatz. «Diese documenta hatte es angesichts der sie begleitenden Antisemitismusdebatte nicht leicht, ihre eigentlichen künstlerischen Anliegen zu platzieren», sagte der Interims-Geschäftsführer der Schau, Alexander Farenholtz.

«Ich wünschte mir, dass die Ausstellung in der Retrospektive auch als das wahrgenommen werden kann, was sie in der Wahrnehmung vieler Besucherinnen und Besucher auch war: nämlich ein künstlerisches Unterfangen, das drängendste Fragen unserer Zeit adressiert», betonte der Kulturmanager. Mit der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa kuratiert erstmals ein Kollektiv die Weltkunstausstellung. Die Schau mit über 1500 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern soll Ruangrupa zufolge den «globalen Süden» präsentieren. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Werk, sondern Kunst als kollektiver Prozess.

Die ästhetische Seite der documenta sei von der Antisemitismus-Debatte vollkommen überdeckt worden und zu kurz gekommen, sagte auch der Kasseler Kunstwissenschaftler und documenta-Kenner Harald Kimpel. Sein Urteil über den ästhetischen Wert der diesjährigen Ausstellung fällt allerdings verheerend aus.

«Mein Hauptproblem ist die Entkunstung der documenta», erklärte er. «Von ausgestellten Kunstwerken kann keine Rede sein.» Gleiches gelte für das Anliegen, die drängendsten Themen der Welt zu thematisieren. «Im Gegenteil gibt es eine einseitige Sicht des sogenannten globalen Südens.» Es sei die ernst gemeinte Absicht erkennbar, aus dieser Perspektive den westlichen Kunstbegriff aus den Angeln zu heben. «Kunst soll ersetzt werden durch kulturelle Lebensäußerungen.»

In Hinblick auf den Antisemitismus-Eklat sieht Kimpel große Versäumnisse bei den documenta-Verantwortlichen. «Sie hätten mit dem Kind, das nun mal in den Brunnen gefallen ist, anders umgehen müssen.» Statt konstruktiv auf die Vorwürfe zu reagieren, sei man in Panik verfallen. «Der Schaden für die documenta, die Stadt Kassel und für das internationale Ausstellungsmachen ist noch gar nicht abzusehen», betonte der Kunsthistoriker.

Vorausgegangen war eine bereits seit Monaten währende Antisemitismus-Debatte um die Schau. Zum Jahresbeginn waren erste Stimmen laut geworden, die Ruangrupa und einigen eingeladenen Künstlern eine Nähe zur anti-israelischen Boykottbewegung BDS vorwarfen. Kurz nach der Eröffnung der documenta fifteen, an der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesichts der Vorwürfe nur nach einigem Zögern teilgenommen hatte, wurde ein Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit judenfeindlichen Motiven entdeckt und abgebaut.

In den folgenden Wochen tauchten weitere Werke auf, die scharfe Kritik und Forderungen nach Überprüfung der Werke sowie nach einem Abbruch der Schau auslösten. Die documenta fifteen wurde zum Politikum, war Gegenstand einer Sitzung im Kulturausschuss des Bundestages sowie einer Bundestagsdebatte. Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) geriet wegen ihres Krisenmanagements in die Kritik. Sie forderte in der Folge künftig mehr Einfluss des Bundes auf die Schau. Der hatte sich 2018 aus dem Aufsichtsrat zurückgezogen, die Ausstellung aber weiterhin mit 3,5 Millionen Euro gefördert.

Die Gesellschafter der documenta, die Stadt Kassel und das Land Hessen, beriefen ein Expertengremium zur Aufarbeitung des Eklats. Dieser Beirat sowie die Gesellschafter hatten sich zuletzt dafür ausgesprochen, eine Reihe umstrittener propalästinensischer Propagandafilme nicht mehr zu zeigen, zumindest bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen werde. Ruangrupa sowie die Geschäftsführung der documenta hatten diese Forderungen zurückgewiesen.

Ruangrupa warf dem Expertengremium zudem Rassismus und Zensur vor. Hatte sich die Gruppe für das Banner von Taring Padi noch entschuldigt, fühlt sie sich inzwischen missverstanden. «Wir sind verärgert, müde, traurig, aber vereint», erklärte das Kollektiv kürzlich. Sie selbst seien seit Monaten Opfer von Rufmord und Drohungen.

Auch die Künstler fühlten sich unfair behandelt, sagte kürzlich die kubanische Künstlerin Tania Bruguera, die mit dem Kollektiv Instar auf der documenta vertreten ist. Die Entfernung des Banners von Taring Padi sei richtig gewesen, erläuterte sie dem Berliner Kunstmagazin «Monopol». Es habe sich aber so angefühlt, als ob alle Teilnehmer in eine Diskussion hineingezogen worden seien, die nicht ihre gewesen sei.

«Plötzlich mussten wir alle befürchten, als antisemitisch abgestempelt zu werden, weil wir in dieser Ausstellung waren», sagte Bruguera. Man müsse berücksichtigen, dass andere Länder in der Welt eine andere Geschichte mit Israel hätten als Deutschland. Als Staat habe Israel Dinge getan, die man auch kritisieren könne.

Wie kann nach diesem Skandal ein Neustart der documenta gelingen? «Die Parole müsste sein: 'Zurück in die Zukunft'», sagte Kimpel. «Die documenta muss sich wieder auf ihren künstlerischen Gehalt und ihre Tugenden rückbesinnen.» Entscheidend sei die künftige Struktur der Schau. Mit der Einführung von angekündigten Kontrollgremien verliere die documenta ihre Autorität und ihre Glaubwürdigkeit. Wenn die Politik in Zukunft inhaltlich in die documenta eingreifen wolle, sei das eine nie da gewesene Zäsur. «Dann sehe ich eine riesige Gefahr für das Renommee der Schau.»

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