Dritte Staffel des Koh Tao Prozesses mit neuen Lücken

Massen-DNA-Entnahme auf Koh Tao nach dem Doppelmord vom 15. September 2014 – wer wann welche DNA entnahm, ließ sich vor Gericht nicht mehr klären.
Massen-DNA-Entnahme auf Koh Tao nach dem Doppelmord vom 15. September 2014 – wer wann welche DNA entnahm, ließ sich vor Gericht nicht mehr klären.

KOH SAMUI: Fast wäre die gerichtliche Aufarbeitung des Doppelmordes von Koh Tao durch die jüngsten Bombenanschläge ins Hintertreffen geraten: Doch seit gestern läuft sie weiter, die Verhandlung gegen die beiden Tatverdächtigen Zaw Lin und Wai Phyo (22). – In der dritten Staffel des bis Oktober angesetzten Mordverfahrens geht es neuerlich um die Glaubwürdigkeit der Polizeiermittlungen nach der Ermordung der britischen Urlauber Hannah Witheridge (23) und David Miller (24) am Sairee Beach von Koh Tao.

Gestern Mittag, als sich das Gericht und die Staatsanwaltschaft zur Essenspause zurückzogen, erschienen plötzlich zwei medizinische Beamte des Justizministeriums aus Bangkok und nahmen im Saal neue DNA-Proben der beiden Angeklagten aus Myanmar. Diese werden direkt an Dr. Pornthip Rojanasunand weitergeleitet, die als Leiterin des ‚Thailändischen Forensischen Institutes‘ eine Zweituntersuchung aller noch verfügbaren Tatortspuren sowie DNA-Abgleiche vornehmen soll.

Bisher hatte im Doppelmordfall von Koh Tao nur das Ermittlungsresultat des Polizeilichen Gerichtsmedizinischen Institutes vorgelegen – und diese Ergebnisse sowie die Untersuchungsvorgänge werden von den Verteidigern der Angeklagten massiv kritisiert und als nicht gerichtsverwertbar zurückgewiesen (wir berichteten). Dr. Pornthip wird am 11. September vor dem Provinzgericht Koh Samui ihre Aussage machen. Mit Interesse wird erwartet, welche verwertbaren Spuren sie für ihre Neuuntersuchung erhält und ob diese das bisherige Ergebnis der Polizeikollegen in Frage stellen könnten.

Weitere Ungereimtheiten im Zuge der Ermittlungsarbeit nach dem Mord am 15. September schienen gestern und heute einige Wertungspunkte für die Verteidigung um Chefjurist Nakhon Chompuchat vom ‚Thai Lawyers Council‘ zu verbuchen. Ein Immigrationspolizist hatte behauptet, einer der Beklagten sei illegal in Thailand gewesen und habe dort schwarzgearbeitet. Die Verteidigung legte ihm Passkopien des Beschuldigten vor, auf denen sowohl ein gültiges Visum als auch eine entsprechende Arbeitsgenehmigung enthalten waren.

Außerdem warf die Befragung des Immigrationsbeamten ein düsteres Licht auf die gängige Behandlung burmesischer Gastarbeiter durch die Polizeibehörden. So erhalten laut Auskunft des Zeugen burmesische Fremdarbeiter nach einer Bezahlung von Gebühren eigene Identitätskarten mit Lichtbild – diese seien jedoch nicht mit geltendem thailändischem Immigrationsrecht vereinbar und eine Koh Tao-spezifische Klassifizierung.

Ebenso befremdlich erschien nach der Befragung eines Zeugen der südthailändischen Polizeidirektion 8 die Praxis der erfolgten DNA-Entnahme der beiden mutmaßlichen Verdächtigen Zaw Lin und Wai Phyo. Verantwortlich war dafür Polizeigeneralmajor Chayat Ajpong. Weshalb er oder seine Kollegen auf die Beweismitteltüte von Zaw Lin ‚Mordverdächtiger‘ schrieben, konnte er gestern nicht mehr nachvollziehen.

Erinnerungslücken gab es auch über seine eigene Anwesenheit während der 16 Tage andauernden Entnahme von Massen-DNA im Zuge der Mordermittlungen. Erst auf hartnäckige Befragung im Kreuzverhör der Verteidigung räumte Chayat Ajpong ein, die meiste Zeit gar nicht selbst auf Koh Tao verbracht zu haben. Dann hätten Kollegen die DNA entnommen. Dennoch tauchte der Name des leitenden Polizeigeneralmajors auf allen Anwesenheitslisten während der Ermittlungsphase auf.

Heute wurde der Ärztliche Direktor des Staatlichen Krankenhauses Nathon einvernommen. Er sagte als Zeuge aus, dass einer der beiden Angeklagten (Zaw Lin) vor der Überstellung ins Provinzgefängnis Koh Samui im Oktober über schwere Brustschmerzen geklagt habe. Eine Untersuchung habe Prellungen ergeben –er könne allerdings nicht zweifelsfrei sagen, woher diese stammten. Beide Angeklagten hatten wiederholt behauptet, von Polizeibeamten und einem hinzugezogenen burmesischen Dolmetscher massiv geschlagen und bedroht worden zu sein.

Der Dolmetscher, ein auf Koh Samui auch als Pfannkuchenbäcker arbeitender burmesischer Moslem, wird zur Stunde einvernommen. Ihn hatten beide Beklagte – sie sind Mitglieder der buddhistischen Rakhine Volksgemeinschaft - als brutal und feindselig geschildert. Das Kreuzverhör des Mannes stand noch aus.

Bereits ausgesagt hat ein Rechtsanwalt einer Anwaltspraxis aus Nathon, Koh Samui, der von der Polizei nach der Verhaftung der Beschuldigten als deren Pflichtverteidiger berufen worden war. Der Jurist erklärte, er habe die Mordgeständnisse von Zaw Lin und Wai Phyo gehört und während der Verhöre keinerlei Gewalteinwendung erlebt. Weshalb er als ehemaliger Verteidiger nun als Zeuge der Anklage präsentiert wurde, sorgte im Gerichtssaal für Verwunderung unter den ausländischen Prozessbeobachtern.

Heute am späten Nachmittag wurde die Verhandlung fortgesetzt und auch morgen, Donnerstag den 20. August, gibt es weitere Zeugeneinvernahmen. DER FARANG wird darüber weiter berichten.

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