Die traditionellen Geister der Thais

Dämonen hausen in Wäldern, in Höhlen und am Wasser

Im thailändischen Alltag sind gute und böse Geister allgegenwärtig
Im thailändischen Alltag sind gute und böse Geister allgegenwärtig

Seit Urzeiten beschäftigt sich der Mensch mit der Welt der Fabelwesen, den mythischen Gestalten und den rätselhaften, übernatürlichen Wesen alter Sagen und Legenden. Manchem von uns sind sicher Bezeichnungen wie Trolle, Kobolde und Feen, aber auch Zentauren, Einhörner sowie Riesen und Zwerge bekannt. Schon als Kind wurden wir von solchen Geschichten fasziniert und in Bann gehalten. Gegenüber den Erwachsenen haben Kinder eine bessere Auffassungsgabe und finden sich in solchen scheinbaren Märchenwelten viel besser zurecht.

In fast all diesen Fabelreichen und Geisterwelten, so wird überliefert, herrscht der ewige Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Dämonen und Engeln oder zwischen guten und bösen Geistern. Die grosse Auswahl solcher Geister füllt ganze Bände. Obwohl unsere moderne Zivilisation all dies als Humbug und Geisterglaube bezeichnet, bin ich aus persönlicher Erfahrung eher zu einer anderen Überzeugung gekommen.

Bei meinen Reisen nach Thailand konnte ich feststellen, dass die Thais eine Vielzahl von Geistern kennen, wobei die bösen Geister zahlreicher und gegenwärtiger sind als die guten. Die Thais nennen die Geister „Phii“. Diese Phii vertreten alle guten und schlechten Eigenschaften des Menschen.

Da ich mich in Thailand mehr auf die ländlichen Bereiche als auf die Grossstädte konzentrierte, konnte ich viele enge Kontakte zu den einheimischen Bauernfamilien knüpfen und dabei einiges aus der Geisterwelt Thailands erfahren. Aber auch der familiäre Landalltag gab mir fast so etwas wie die innere Gewissheit, dass die Phiis hier allgegenwärtig sind.

Nicht jeder Phii ist ein böser Geist oder Dämon. Es kann sich dabei auch um den Geist eines Verstorbenen handeln. Die geläufigsten sind in Thailand jedermann bekannt und haben die eigenartigsten Namen, deren Herkunft im Dunkel der Vergangenheit verborgen liegt.

Phii Grasü erscheint meistens als altes Weib und lebt mit unter der Bevölkerung. Parallelen an die Hexengeschichte im Europa des Mittelalters sind verblüffend. Isoliert und ohne jeden Kontakt haben seine Augen den bösen Blick, den jeder Phii in Menschengestalt besitzen soll.

Charakteristisch für den Grasü ist seine Vorliebe für rohe und verfaulte Speisen, sowie für menschliche Exkremente und Leichenteile. Des Nachts wandert er grausig nur mit seinem Kopf und den Eingeweiden umher.

Eine rationale Erklärung für den Geist gibt es nicht, und trotz intensiver Kontakte zur einheimischen Bevölkerung bleibt uns die Welt der Geister rätselhaft und verschlossen. Sollte dennoch jemand in der Nacht ein Schimmern sehen, so ist es ganz gewiss ein Phii Grasü - das wird ihm jeder Thai bestätigen. Der Name Grasü bedeutet ins Deutsche übersetzt etwa soviel wie „glühen, schimmern, leuchten“.

Eine Geburt zählt bei den Thais mit zu den gefürchtesten Augenblicken für eine Anwesenheit des Grasü. Wenn hier keine entsprechenden Vorsichtsmassnahmen getroffen werde, so fürchtet man, wird der Phii Grasü durch den Blutgeruch angelockt, dringt in den Körper des Kindes ein und frisst dessen Eingeweide auf, so dass das Kind stirbt. Anschliessend geht er in die Mutter über und bedient sich dort. Während dieser Phase isst die Mutter nur noch angefaulte Speisen und wird immer schmaler - bis sie einem qualvollen Tod erliegt.

Schützen kann man sich dagegen nur durch einen streng einzuhaltenden Ritus. Der Eingang des Hauses wird mit Dornen versperrt und der Raum, in dem die Mutter das Kind gebärt, mit einer geweihten Schnur abgegrenzt. Auch werden die verschiedensten Schutzgeister angerufen und um Beistand gebeten.

Da der Phii Grasü sich meist mit menschlichen Exkrementen zufrieden geben muss, kommt es häufig vor, dass er sich seinen Mund mit einem sauberen Wäschestück abwischt, das in der Nacht zum Trocknen draussen hängt. Deshalb achten die Thais darauf, dass die Wäsche am Abend reingeholt wird. In den Städten wird der Phii Grasü kaum noch beachtet, doch auf dem Land scheint er noch gegenwärtig zu sein - obwohl die Furcht vor ihm auch hier stetig abzunehmen scheint.

Der Phii Tai Thang Glom dient einem makabren Ritual zur Herstellung eines Liebeszaubers. Wenn eine Frau im Kindbett gestorben ist und keine Vorsichtsmassnahmen getroffen wurden, schleichen nachts auf dem Friedhof magiekundige Leichenschänder. Schnell wird das Grab mit einer magischen Schnur umspannt, damit der Geist nicht fliehen kann. Nach einer Weile erscheint ein Licht, das auf und nieder hüpft. Es ist der Geist der Verstorbenen. Von einem „Phii-Doktor“ wird das Licht in einem versiegelten Gefäss eingefangen. Nun wird die Leiche ausgegraben und aufgesetzt. Eine brennende Kerze wird ihr unters Kinn gehalten. Durch die Hitze der Flamme tropft Fett vom Kinn, das in einem Gefäss aufgefangen wird, wo der Geist haust.

Wird mit diesem Fett eine junge Frau heimlich eingeschmiert, so entsteht eine Magie, die die Frau nach dem Mann verrückt werden lässt, der sie damit eingeschmiert hat. Dieses makabre Ritual hat bis heute seine Wirkung nicht verloren und soll noch immer heimlich angewandt werden.

Phii Pret ist ein weitverbreiteter Geist, von dem ich häufig hörte, ein Geist, mit dem man eher Mitleid als Furcht vor ihm empfinden könnte. Phii Pret hat seinen Ursprung im Sanskrit und bedeutet, aus dem „preta“ abgeleitet, dass es sich um einen heimatlosen Geist oder hungrigen Dämon handelt.

Dem Glauben der Hindu nach wird der Mensch nach seinem Tod ein ruheloser Hungergeist. Wenn er in den ersten zehn Tagen nach seinem Tod keine Gaben wie Reis und Wasser erhält, leidet der Geist des Toten Hunger und bleibt ein ruhelos wandernder Geist.

So ist der thailändische Phii Pret ein sehr grosser und dürrer Geist, dessen Haar wirr und ungepflegt ist. Sein Hals ist ungewöhnlich lang, die Wangen eingefallen und die Augen liegen tief in den Höhlen. Das markanteste Merkmal aber ist sein winziger Mund.

Die Thais halten ihn für einen ziemlich hässlichen Geist, der zudem mit Vorliebe Eiter und Blut saugt, aber nie seinen Hunger stillen kann, weil die Öffnung seines Mundes nicht grösser als eine Stecknadel ist. Darum kann er auch nicht sprechen, sondern nur einen unbeschreiblichen, markerschütternden Schrei ausstossen, mit dem er seine Ankunft offenbart.

Um die Menschen zu erschrecken streckt er seine lange, fadenartige Zunge heraus und lässt seine Augen hervorquellen. Sein Aufenthaltsort ist häufig ein Friedhof oder zumindest ein menschenleerer Ort. Sein Auftreten ist während der Nacht. Der Volksglaube lehrt, dass auch jemand, der im Leben viel Schlechtes getan hat, dazu verdammt wird, als Phii Pret zu leiden. Dieser Geist zählt zu den menschenähnlichen Geistern.

Der Name des Phii Lang Gluang bedeutet zu Deutsch so viel wie „der menschenähnliche Geist mit dem offenen Rücken“. Durch eine Öffnung im Rücken kann man seine Eingeweide sehen, in denen ekelige Würmer hausen. Wie es inzwischen mit vielen anderen Geistern der Fall ist, spielt er seine Rolle fast ausschliesslich bei der Landbevölkerung und geriet bei den Städtern fast schon in Vergessenheit. Er soll vor allem Leute besuchen, die auf dem Land beim Feuer zusammensitzen oder fischen. Ohne die Menschen zu erschrecken, gesellt er sich zu ihnen und bittet sie, ihm den Rücken zu kratzen. Erst dann sehen die betroffenen Personen, wen sie vor sich haben und weichen entsetzt zurück.

Seine Heimat ist der Wald, in dem noch viele andere Geister hausen. Er ist der Ursprung vieler Dämonen und Geister. Daneben zählen aber auch Höhlen und das Wasser zu den Orten, an denen die geheimnisvollen Wesen hausen. So kann man in drei Hauptkategorien unterscheiden: Waldgeister, Höhlengeister und Wassergeister.

Kommen wir zum Schluss zu einem Geist, der uns nach dem Glauben der Thais alle angeht, dem Khwan. Jeder soll ihn als persönlichen Geist besitzen, der uns gewissermassen schützt und behütet. Wird jemand krank oder erschrickt in kurzer Zeit häufig, so bedeutet dies im Volksglauben der Thais, dass er vom Khwan verlassen wurde. Wenn der Geist dann nicht zurückfindet, so wird der Betroffene schwer krank oder stirbt gar. Um dies zu verhindern, bedarf es einen speziellen Ritus mit Beschwörung und Opferspeisen, um den pflichtvergessenen Khwan zurückzuholen.

Was wir vielleicht als Seele oder Psyche verstehen, ist bei den Thais eine lebendige Vorstellung. So können durchaus auch Tiere oder gar Gegenstände einen Khwan haben. Auch für sie werden vom jeweiligen Besitzer Zeremonien abgehalten, damit sie ihnen wohlgesinnt sind. Die Zeremonie heisst „Tham Khwan“, was soviel wie „das Machen des Khwan“ bedeutet.

Im Laufe der letzten Zeit verliert der Khwan als Geist jedoch an Bedeutung, und mit Khwan meint man inzwischen eher Glück und Unglück - so wie wir es verstehen. In den Wurzeln des Geisterglaubens aber bezeichnet man das dann als einen gut- oder schlechtgelaunten Khwan.

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