Frankreich streitet über Stierkampf

​Barbarei oder Tradition

Der französische Stierkämpfer Sebastien Castella macht einen Pass während seines Stierkampfes. Foto: Guillaume Horcajuelo
Der französische Stierkämpfer Sebastien Castella macht einen Pass während seines Stierkampfes. Foto: Guillaume Horcajuelo

PARIS: Schon lange streitet Frankreich über den Stierkampf. Nun sorgt ein Verbotsantrag im Parlament erneut für Wirbel. Setzt sich der Tierschutz durch oder das Festhalten an einer Tradition? Auch das Verhältnis zwischen Paris und der Provinz spielt da eine Rolle.

Für die einen sind die Stierkämpfe in den Arenen Südfrankreichs lebendige Kultur und Tradition, für die anderen schlicht Barbarei. Ein Vorstoß zum Verbot der sogenannten Corrida, der in der nächsten Woche im Parlament in Paris beraten werden soll, führt in Frankreich zu heftigen Diskussionen. Das Thema polarisiert, auch wenn seit Jahren immer wieder um die Stierkämpfe gestritten wird, die in Städten wie Arles, Nîmes oder Perpignan auch ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor sind. In die Diskussion um Tierschutz und Tradition mischt sich Empörung, in der fernen Hauptstadt wolle man den Menschen im Süden diktieren, was richtig und falsch ist.

Zu Beginn einer Debatte im Parlamentsausschuss am Mittwoch geißelte der Linken-Abgeordnete Aymeric Caron, der den Verbotsantrag vorantreibt, den Stierkampf als eine «heuchlerische Zeremonie, bei der das angeblich geehrte Tier mit einer Präzision und Raffinesse geschlachtet wird, die an Sadismus grenzt». Der Druck von Lobbys verhindere, dass die Kämpfe nicht längst verboten seien. In Nîmes indes, wo die Stierkampffeste Millioneneinnahmen generieren, brachte das Stadtparlament eine Petition zum Erhalt der Kämpfe auf den Weg, die «universelle Werte» vermittelten, berichtete der Sender France 3.

«Der Abgeordnete Caron will uns auf sehr moralisierendem Terrain - von Pariser Warte aus - erklären, was für die Menschen im Süden gut oder schlecht ist», empörte sich der Bürgermeister von Mont-de-Marsan, Charles Dayot, der Vizepräsident der Union der Stierkampfstädte Frankreichs ist. «Nun werden die Abgeordneten aber nicht gewählt, um die Vielfalt in den Regionen zu vernichten, sondern um sie zu verteidigen», sagte Dayot dem Sender. Der emeritierte Philosophie-Professor Francis Wolff, der in einem Buch die Stierkämpfe verteidigt, sprach von einer «Kultur, die für Außenstehende schwer zu verstehen ist».

Der französische Tierschutzbund (SPA) startete unterdessen eine Petition zum Verbot der Tierkämpfe. «Und wenn es ein Hund wäre, würden Sie akzeptieren, dass er im Namen der Tradition getötet wird?», heißt es auf einem Bild, das die Kampagne begleitet und einen Stierkämpfer mit gezücktem Schwert vor einem Hund zeigt. «Es ist an der Zeit, diesen Leidensshows, bei denen ein empfindungsfähiges Wesen zu Unterhaltungszwecken gequält wird, ein Ende zu setzen», forderte der Bund.

Obwohl nach einer Umfrage vom Donnerstag 74 Prozent der Menschen in Frankreich ein Corrida-Verbot wollen, sprachen sich in einer Befragung im Sommer in den Stierkampf-Städten 71 Prozent der Bewohner für den Erhalt der Tradition aus. Nach der Ausschussberatung sieht es nicht danach aus, dass der nach 2013 und 2021 dritte Anlauf für ein Stierkampfverbot Erfolg haben wird. Auf jeden Fall wird im Parlament eine hitzige Debatte von Gegnern und Befürwortern erwartet. Selbst einige der Parteien sind in ihrer Haltung gespalten. Das Regierungslager ist gegen ein Verbot, auch um nicht den Eindruck zu erwecken, der Provinz würden Pariser Sichtweisen aufgezwungen.

Im französischen Baskenland und in Spanien wird seit Jahren über die Stierkampftradition gestritten. Für viele ist sie Nationalsymbol und Kunst. Gegner des Brauchtums halten das umstrittene Spektakel für brutale Tierquälerei, die die Stiere oft nicht überlebten. Dabei setzt der Ausnahmeparagraf im Tierschutzgesetz, der die Stierkämpfe weiter erlaubt, bislang schon klare Grenzen. Möglich ist die Corrida nur in bestimmten Landstrichen, in denen sie als Teil des Kulturerbes angesehen wird.

Dies ist zwischen der Region um Arles und dem Baskenland, zwischen Garrigues und dem Mittelmeer sowie zwischen den Pyrenäen und der Gascogne der Fall. Gerichte steckten die Grenzen der Stierkampfregion schon vor Jahren ab, Versuche der Gegner sie zu reduzieren, scheiterten.

Nicht bei allen Stierkämpfen in Frankreich werden die Tiere am Ende übrigens getötet. Nicht der Fall ist dies bei den sogenannten Carmague-Rennen, bei dem es darum geht, Trophäen von der Stirn und den Hörnern eines Stieres herunterzuholen. Im Anschluss kommen diese Stiere wieder auf die Weide. Höchst gefährlich ist allerdings auch diese Stierkampfart: Im Frühjahr erst starb ein 20-jähriger Kämpfer bei so einem Wettkampf in der Nähe von Montpellier.

Vor der Parlamentsdebatte nun planen beide Lager am Wochenende zahlreiche Demonstrationen - in Paris formieren sich die Gegner, in rund einem Dutzend Stierkampf-Städten mobilisieren die Befürworter.

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Ingo Kerp 19.11.22 12:10
Tradition hin oder her. Das spielen mit der Gesundheit oder gar des Lebens von Tieren gehoert absolut verboten. Unverständlich, das Menschen sich am Leiden eines Tieres ergoetzen koennen.
Egon 18.11.22 17:30
Die Befürworter sollten selbst in die Arena geschickt werden und sich abschlachten lassen.
Ich helfe dabei.