Auch vier Deutsche in Absturzmaschine

​Aufständische sichern Experten freien Zugang zum Boeing-Wrack zu     

MOSKAU/AMSTERDAM: Eine Boeing mit 298 Menschen an Bord ist allem Anschein nach über der umkämpften Ostukraine abgeschossen worden. Unter den Toten sind 154 Niederländer und auch 4 Deutsche. Wer hat Schuld - prorussische Kämpfer oder Truppen der Ukraine? Jeder beschuldigt jeden.

Nach dem mutmaßlichen Abschuss einer Passagiermaschine mit 298 Menschen an Bord hat US-Präsident Barack Obama eine internationale Untersuchung der Absturzursache in der Ostukraine gefordert. In einem Telefonat mit seinem ukrainischen Kollegen Petro Poroschenko sagte Obama, am Ort des Absturzes dürfe nichts verändert werden, bis internationale Experten «alle Aspekte der Tragödie» untersuchen können. Zugleich sicherte der US-Präsident sofortige Hilfe von US-Experten zu, teilte das Weiße Haus weiter mit. Ähnlich äußerte sich Obama auch in einem Telefonat mit dem malaysischen Ministerpräsidenten Najib Razak, hieß es weiter.  

Möglicher Abschuss in etwa 10.000 Meter Höhe

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, die EU und die Nato verlangten eine internationale Untersuchung.

Unter den Opfern sind neben 154 Niederländern auch 4 Deutsche. Niemand der 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder überlebte den möglichen Abschuss in etwa 10.000 Meter Höhe. Russlands Präsident Wladimir Putin gab der Ukraine indirekt die Schuld. Die schreckliche Tragödie wäre nicht passiert, wenn es in der Ostukraine keinen Krieg gebe, sagte der Kremlchef. Sein ukrainischer Kollege Petro Poroschenko machte prorussische Kämpfer verantwortlich.

Der Vizepräsident der Malaysia Airlines Europe, Huib Gorter, sagte am Abend am Amsterdamer Flughafen Schiphol, dass vier deutsche Passagiere ums Leben gekommen seien. Vom Auswärtigen Amt in Berlin gab es dafür zunächst auf Anfrage keine Bestätigung. An Bord waren auch 27 Australier, 23 Malaysier, 11 Indonesier, 6 Briten, 5 Belgier, 3 Philippiner und ein Kanadier. Von den anderen Passagieren stehe die Nationalität noch nicht fest, so der Manager. Die Maschine war als Flug MH 017 um 12.15 Uhr von Amsterdam mit dem Ziel Kuala Lumpur gestartet.

Es ist der zweite schwere Schlag für Malaysia Airlines innerhalb von Monaten. Im März verschwand Flug MH370 auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking. Wochenlange Suchen im Pazifik nach dem Wrack blieben erfolglos.

Der Absturz sei sei «kein Unfall»

Nach der Tragödie in der Ostukraine sprach auch US-Vizepräsident Joe Biden von einem Abschuss der Maschine. Der Absturz sei sei «kein Unfall», die Maschine sei «vom Himmel geholt worden», sagte Biden nach Angaben des TV-Senders MSNBC in Detroit. Das entspricht der Einschätzung des US-Geheimdienstes, der von einem Raketenbeschuss ausgeht. Die «Washington Post» zitierte einen namentlich nicht genannten Geheimdienstbeamten.

Bei der Rakete habe es sich um eine Boden-Luft-Rakete gehandelt, berichtete die «New York Times» unter Berufung auf namentlich nicht genannte Experten der US-Regierung. Das Flugzeug sei auf einer Höhe von 9.100 Meter geflogen, hieß es unter Berufung auf Daten eines Spionagesatelliten der US-Streitkräfte.

Der Satellit liefere aber keine Informationen, wo genau die Rakete abgefeuert wurde. Experten von Militär und Geheimdienst seien aber dabei, mit Hilfe von mathematischen Formeln und Hochgeschwindigkeits-Computern, den genauen Ursprungsort der Rakete zu ermitteln. Andere Experten arbeiteten mit ukrainische Behörden zusammen, um Trümmerteile der Rakete und des Flugzeuges zu untersuchen.  

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen will sich in einer eilig einberufenen Sondersitzung mit dem Flugzeugabsturz in der Ukraine befassen. Das mächtigste UN-Gremium werde am Freitag um 10.00 Uhr (Ortszeit, 16 Uhr deutscher Zeit) zusammentreten, hieß es am Donnerstag aus Diplomatenkreisen. Großbritannien hatte die Sitzung beim ruandischen UN-Botschafter, in diesem Monat Präsident des Rates, beantragt. Auch der ukrainische Botschafter Juri Sergejew soll an der voraussichtlich offenen Sitzung teilnehmen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass irgendwelche Beschlüsse gefasst werden.

Der ukrainische Präsident Poroschenko sprach von einem «terroristischen Akt». Er warf den Separatisten vor, die Boeing abgeschossen zu haben - wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die ukrainische Luftwaffe habe mit der Tragödie nichts zu tun, so der Präsident, der umgehend eine Untersuchungskommission bilden ließ. «Wir sind überzeugt, dass die Verantwortlichen für diese Tragödie zur Verantwortung gezogen werden.»

Lufthansa ändert Flugroute nach Asien

Die Lufthansa und andere Fluggesellschaften reagierten umgehend auf das Unglück und änderten ihre Flugrouten nach Asien. Der ostukrainische Luftraum werde bis auf weiteres weiträumig umflogen, sagte ein Lufthansa-Sprecher in Frankfurt.

Rettungskräfte erreichten am Abend das Wrack des Flugzeugs in der Nähe der Ortschaft Grabowo. «Die Arbeiten werden davon erschwert, dass die Trümmer in großem Umkreis verstreut sind», sagte der Sprecher des ukrainischen Notfalldienstes, Sergej Botschkowski. Zudem seien bewaffnete Separatisten in der Nähe.

Die Separatisten gaben an, sie hätten den Flugschreiber der Boeing gefunden. «Die Black Box wurde sichergestellt», sagte einer der Sprecher, Konstantin Knyrik. Auch Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) machten sich auf den Weg zum Wrack. Die Separatisten boten am Abend eine befristete Feuerpause während der Bergungsarbeiten an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich schockiert und forderte eine umgehende und unabhängige Untersuchung. Merkel trauere um die Opfer des Absturzes der malaysischen Passagiermaschine, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. «Sollte sich diese Nachricht (vom Abschuss) bestätigen, so stelle sie eine weitere, tragische Eskalation des Konfliktes im Osten der Ukraine dar.»

Großbritanniens Premierminister David Cameron zeigte sich bestürzt: «Ich bin schockiert und traurig.»

Separatisten sollen Buk-Flugabwehrsystem besitzen

Die Separatisten hatten zuletzt mehrfach zugegeben, ukrainische Kampfjets, Transportmaschinen und mehrere Hubschrauber abgeschossen zu haben. Nach unbestätigten Twitter-Berichten haben die Separatisten behauptet, ein Buk-Flugabwehrsystem im Verlauf der Kämpfe erbeutet zu haben. Das in den 80er-Jahren von der sowjetischen Militärindustrie entwickelte Lenkwaffen-System Buk (Buche) kann Ziele in Höhen bis zu 25.000 Metern treffen. (Foto: epa)

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