«Wir können nicht länger warten»

Venezuela steht am Abgrund

Lilian Tintori, Ehefrau des venezolanischen Oppositionsführers Leopoldo Lopez, nimmt an einer Pressekonferenz in Caracas teil. Foto: epa/Miguel Gutiérrez
Lilian Tintori, Ehefrau des venezolanischen Oppositionsführers Leopoldo Lopez, nimmt an einer Pressekonferenz in Caracas teil. Foto: epa/Miguel Gutiérrez

CARACAS (dpa) - Apokalyptisches Szenario im Krisenstaat Venezuela. Die Menschen hungern, in Caracas grassiert die Gewalt, Oppositionspolitiker werden inhaftiert oder mundtot gemacht. Die bekannte Oppositionelle Lilian Tintori bittet um internationale Hilfe für ihr geschundenes Land.

Lilian Tintori empfängt in ihrem früheren Fitnessstudio im Nobelviertel Chacao in Caracas. «Pura Energía» (Voller Energie) ist jetzt aber eine Baustelle, keine Wohlfühloase mehr für gut betuchte Venezolaner, betrieben von der früheren Kitesurf-Meisterin des Landes. An einigen Ecken sind noch Turngeräte zu sehen, vor allem gibt es dort aber Schreibtische und Plastikstühle, junge Helfer eilen von einem Zimmer ins andere. «Das ist jetzt ein Zentrum für Menschenrechte», erklärt Tintori, seit einiger Zeit wohl die berühmteste Oppositionelle Venezuelas.

Tintori darf seit Monaten das Land nicht verlassen. Sie wurde weltbekannt durch ihren Kampf für die Freilassung ihres Mannes, Leopoldo López. Der frühere Bürgermeister von Chacao wurde 2014 nach blutigen Protesten inhaftiert.

Die Regierung warf ihm Anstachelung zur Gewalt vor. Inzwischen sitzt López im Hausarrest. Menschenrechtler halten seinen Prozess für politisch motiviert, denn der wortgewandte López war für den sozialistischen Staatschef Nicolás Maduro offensichtlich zu einem gefährlichen Gegenspieler geworden.

Tintori, wie ihr Mann aus der reichen venezolanischen Oberschicht, setzte sich unermüdlich für ihren Ehemann ein. Sie stand mit Gasmaske an der Spitze der Demonstrationen und reiste quer durch die Welt. Im Ausland traf sie Papst Franziskus und US-Präsident Donald Trump, im vergangenen Jahr erwartete sie in Europa unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im September nahmen die Behörden Tintori am Flughafen aber den Reisepass weg. «Einfach so», klagt die 40 Jahre alte dreifache Mutter. Den Pass hat sie bis heute nicht zurückbekommen. Wenn sie nach einem Grund frage, werde ihr lediglich gesagt: Das sei ein Befehl von ganz oben. Von Nicolás Maduro.

Der Sozialist (55) regiert Venezuela seit 2013, für viele ist der Nachfolger des von vielen verehrten, vor fünf Jahren gestorbenen Comandante Hugo Chávez längst zum Diktator mutiert. Maduros Gegner sind entweder ins Ausland geflohen oder inhaftiert, nach dem Ausschalten des Parlaments will sich Maduro am 20. Mai im Amt bestätigen lassen. Die Europäische Union und die USA erkennen die Wahl nicht an.

Viele Venezolaner rechnen mit einem Wahlbetrug zugunsten von Maduro, denn gefühlt ist eine überwiegende Mehrheit gegen ihn. Tintori und viele Oppositionsparteien rufen zum Wahlboykott auf. Der Oppositionelle Henri Falcón ist einer der wenigen, der sich trotzdem zur Wahl stellen will - er hofft, dass die Unzufriedenheit einfach in einer zu überwältigenden Form an der Urne zum Ausdruck kommt.

Denn das einst reiche Land leidet unter der schwersten Krise seiner Geschichte. Die Ölproduktion in dem Land mit den größten Reserven ist nach Angaben der Förderorganisation OPEC auf den tiefsten Stand in 30 Jahren eingebrochen. Zudem leidet Venezuela unter der höchsten Inflation der Welt, wegen fehlender Devisen können kaum noch Medikamente und Lebensmittel importiert werden.

Venezuela 2018, das ist ein apokalyptisches Szenario: Wer in Caracas zu Bargeld kommt, muss die Geldscheine in Tüten ins Geschäft tragen, um selbst ein paar Bonbons zu kaufen. Die Kriminalitätsrate ist explodiert, die Menschen hungern, in den Krankenhäusern sterben die Kinder wegen fehlender Medikamente. Viele Menschen stehen Schlange vor den leeren Supermärkten. Und Hunderttausende Venezolaner sind in den vergangenen Monaten in die Nachbarländer geflohen.

«Das ist ein humanitärer Notfall», sagt Tintori. Das klingt nicht übertrieben. Auf dem Weg zu dem Treffen mit ihr muss man gesperrte Straßen umfahren, ein Dieb auf der Flucht ist mit seinem Motorrad verunglückt. Gleichgültig beschreiben die Polizisten das Geschehene wie einen alltäglichen Vorfall.

In dem reichen Bezirk Chacao wühlen abends Menschen in Müllsäcken. Das Absurde: Wegen des Festhaltens an früheren Subventionen ist Benzin immer noch billiger als Wasser.

In den Elendsvierteln ist die Lage dramatischer. «Viele Kinder sind hier auf dem Schulhof in Ohnmacht gefallen, weil sie nichts gegessen haben», erzählt Yasiri Paredes in einer Schule auf einem Berghang im verarmten Westen von Caracas. Die 31 Jahre alte Köchin arbeitet in der Suppenküche einer Hilfsorganisation in dem Slum La Vega. Dort wird jeden Tag Essen für über 100 Kinder ausgegeben, damit sie mindestens eine warme Mahlzeit am Tag bekommen.

Früher betrieb Paredes eine eigene kleine Kantine. Sie musste sie schließen, weil sie weder Geld noch Lebensmittel hatte. Überleben können sie und ihre zwei Töchter nun dank ihrer freiwilligen Arbeit, wo auch sie kostenlos essen dürfen.

Könnte sie wirklich frei wählen, würde sie für jemanden wie den Unternehmer Lorenzo Mendoza stimmen, sagt Paredes scherzhaft. Dann aber mit ernsterer Miene: «Oder für Leopoldo López». Bezeichnend für das venezolanische Drama ist sicherlich auch, dass der früher oft als konservative Hardliner geltende López nun selbst in den Armenvierteln als Alternative gesehen wird. Eigentlich rechnen aber die wenigsten damit, dass sich nach dem 20. Mai etwas ändert.

Seit Juli 2017 sitzt der 47 Jahre alte López unter strengen Auflagen im Hausarrest, politisch äußern darf er sich nicht. Beim Vorbeifahren an dem Haus von López und Tintori sind die Autos der Geheimpolizei Sebin vor dem Eingang deutlich zu erkennen, der Fahrer warnt aber: Nicht fotografieren. Sonst könnte es Ärger geben.

Im vergangenen Jahr gab es nach 2014 wieder monatelange Straßenproteste, gerade wirken die Menschen aber zu müde. In Caracas gibt es in diesen Tagen nur vereinzelt kleine Demonstrationen. Tintori fleht die internationale Gemeinschaft um größeren Druck auf Maduro an: «Wir können nicht länger warten».

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Leserkommentare

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Norbert Kurt Leupi 13.05.18 14:07
Venezuela
Die gleichen oder ähnlichen Geschichten aus der Oberschicht hat man schon vor Jahrzehnten aus Brasilien, Argentinien , Chile , Ecuador , Peru, Bolivien ,etc. gehört um dem CIA die Gelegenheit zu geben (letztes Beispiel Chile mit Pinochet ) , einen Umsturz zu planen , der dann leider in vielen Ländern "gelungen " ist und das "Fussvolk" abgemurkst und erschossen wurde oder in noch grössere Armut getrieben hat ! " Sozialismus ist Freilandhaltung für Arbeitsvieh - Kapitalismus dagegen ist Käfighaltung mit vielen Toten "!
Thomas Sylten 13.05.18 10:14
propagandistisches Venezuela-bashing
Ein dem Farang nicht würdiger tendenziöser Artikel, der sich nahtlos in die Strategie des von Trump und reicher venezolanischer Oberschicht angestrebten Regime-Changes fügt: Die sich dem US-Hegemon nicht beugende Regierung soll mit maßlos aufgebauschten Schauergeschichten propagandistisch sturmreif geschossen werden, damit die planmäßig fehlinformierte Weltgemeinschaft eine vorbereitete Invasion als Befreiung empfindet - nicht realisierend dass es genau diese Oberschicht-"Opposition" ist, die die von der Regierung angesetzten Wahlen verhindern will, um die möglicherweise bestehende Unterstützung der Mehrheit für den Regierungskurs - der sich halt im Gegensatz zu dem hier Berichteten vornehmlich an den Interessen der Mittel- und Unterschicht orientiert - zu verschleiern. Schade..
Ingo Kerp 12.05.18 15:38
Lilian Tintori bittet die Welt um Hilfe. Das scheint ja ein Anachronismus zu sein, wenn eines der oelreichsten Länder der Welt um Hilfe von außen bitten muß. Wie konnte es nur passieren, das der ehem. Busfahrer und derzeitige Präsident N. Maduro das Land innerhalb von 5 Jahren zugrunde richtete.