Steinmeier in Rom

Foto: epa/Andreas Solaro / POOL
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ROM (dpa) - Viel Zeit nimmt sich Papst Franziskus für den Gast aus Berlin - genau 59 Minuten für das Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im prunkvollen Apostolischen Palast. Etwa doppelt so viel wie im Schnitt.

Da muss die Gruppe von Bischöfen aus den USA halt warten, die als nächstes dran ist. Danach zeigt sich Steinmeier beeindruckt - «von der Person, der offenen Art, und beeindruckt auch von den Positionen.» Erstes Thema zwischen Papst und Präsident: Die Wahlergebnisse in Deutschland. Der Vatikan hatte das Präsidialamt vorgewarnt.

Zwei Wochen nach der Bundestagswahl begleitet Steinmeier die Aufregung wegen des starken Abschneidens der AfD auch nach Rom. «Sehr informiert» sei der Papst bei der Privataudienz gewesen, berichtet Steinmeier später am Montag. Und offensichtlich besorgt. Franziskus habe nach den Auswirkungen auf Deutschland und Deutschlands Rolle in der Welt gefragt. Und nach den Gründen, warum in den Niederlanden, in Frankreich und nun auch in Deutschland nationalpopulistische Parteien so große Akzeptanz in der Bevölkerung finden.

Natürlich ging es bei der Audienz auch um andere Probleme, vor allem um die Flüchtlingspolitik, die Situation im Mittelmeer, Afrika, Klima und Umwelt. Aber die prekäre Lage zuhause holt Steinmeier immer wieder ein. Später, beim Besuch der katholischen Gemeinschaft Sant'Egidio, wird sogar seine Rede vom Tag der Deutschen Einheit zitiert. «Es sind andere Mauern entstanden, ohne Stacheldraht, Mauern aus Entfremdung, Enttäuschung und Wut.»

Steinmeier dürfte es gefreut haben, dass seine Worte vom 3. Oktober sogar in Rom ein Echo gefunden haben. War doch zuvor immer wieder zu lesen, er bleibe unauffällig, blass und alles, was er sagt, sei irgendwie vorhersehbar. Anders als bei seinem Vorgänger Joachim Gauck. Doch dann kam die Bundestagswahl und das zweistellige Resultat der AfD.

In Mainz sprach Steinmeier dann von den neuen Mauern in der Gesellschaft, forderte eine ehrliche Flüchtlingspolitik und rief dazu auf, den Begriff «Heimat» nicht den Rechtspopulisten zu überlassen, denen, die damit einen «Blödsinn von Blut und Boden» meinten. Starke Worte, in Kommentaren wurde sogar von einer «Ruck-Rede» gesprochen, in Anlehnung an den früheren Präsidenten Roman Herzog.

Und Steinmeier erinnerte auch an Gauck, der vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise gesagt hatte: «Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.» Bei Steinmeier heißt das jetzt so: «Die Wirklichkeit der Welt und die Möglichkeiten unseres Landes» müssten in Einklang gebracht werden.

Bis zur Bundestagswahl konnte Steinmeier mit dem Medienecho in Deutschland auf seine ersten sechs Monate im Amt nicht zufrieden sein. Aber nun reagiert er entschlossener auf die neue Lage. Das Erstarken der Rechtspopulisten in Deutschland ist für ihn eben keine Entwicklung zur Normalität, wie sie Frankreich und andere Länder längst erlebt haben.

Für ihn ist die Verantwortung vor der Geschichte die entscheidende Kategorie. Wenn er etwa in Litauen einen Ort deutscher Kriegsverbrechen besucht, und AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland zeitgleich die Leistungen der deutschen Wehrmacht preist, dann empfindet Steinmeier diese Verantwortung besonders stark.

Beim Besuch des Papstes kann er sich aber auch als engagierter Christ zeigen. Eigentlich sollte er 2019 Präsident des Evangelischen Kirchentages werden, nun ist er Bundespräsident geworden. Ein Mann des Glaubens ist er nach wie vor. Das Potenzial der Ökumene sei «bei weitem nicht ausgeschöpft», sagt er dem Papst aus Argentinien. Der sei der Ökumene gegenüber «aufgeschlossen», berichtet er später. Mehr nicht.

Bei dem Gespräch unter vier Augen ist Steinmeiers Frau Elke Büdenbender, Katholikin, nicht dabei. Aber am Ende darf sie dann auch, wie die andren Delegationsmitglieder, Franziskus die Hand schütteln und neben ihm in die Kameras lächeln. Fast ergriffen wirkt sie da für einen Augenblick.

Schleier und Kopftuch für weibliche Besucher im Vatikan sind unter Papst Franziskus übrigens aus der Mode gekommen. Dessen emeritierten Vorgänger, den deutschen Papst Benedikt, trifft Steinmeier diesmal nicht. Dazu sei in dem nur 24 Stunden umfassenden Besuch keine Zeit gewesen, heißt es.

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