Zverevs Tränen nach dem Finaldrama: «Werde einen Grand Slam gewinnen»

Dominic Thiem aus Österreich hält die Meisterschaftstrophäe hoch, nachdem er im Endspiel der Männer Alexander Zverev aus Deutschland besiegt hat. Foto: epa/Justin Lane
Dominic Thiem aus Österreich hält die Meisterschaftstrophäe hoch, nachdem er im Endspiel der Männer Alexander Zverev aus Deutschland besiegt hat. Foto: epa/Justin Lane

NEW YORK: Alexander Zverev war so nah dran. Zwei Punkte fehlten ihm zum ersten Grand-Slam-Titel. Am Ende blieben nur Frust und Tränen. Aber auch die Überzeugung, es irgendwann doch bei einem der vier großen Turniere zu schaffen.

Als sich Alexander Zverev nach dem vierstündigen Finaldrama der US Open bei seinen an Corona erkrankten Eltern bedanken wollte, versagte ihm komplett die Stimme. Der 23 Jahre alte Hamburger sagte ein paar Worte über seinen Freund und Bezwinger Dominic Thiem, er brach ab, versuchte es wieder - und fing dann einfach an zu weinen. «Sorry», murmelte er, drehte sich zur Seite, atmete einmal tief durch und rieb sich mit der linken Hand die Augen.

Wenige Minuten erst war es her, dass eine verschlagene Rückhand die traurige Schlusspointe gesetzt hatte unter ein Endspiel, das Boris Becker mit den Worten umschrieb: «Ich habe schon Tausende Matches gesehen. Aber sowas noch nie.» Im Jahr 1949, als die US Open noch nicht US Open hießen und die Spieler noch keine Profis waren, hatte es zuletzt jemand geschafft, das Finale der amerikanischen Tennismeisterschaften nach einem 0:2-Satzrückstand noch zu gewinnen.

Bis zu jenem 13. September 2020, der nach einem der denkwürdigsten Endspiele der jüngeren Zeit seinen Platz in der Grand-Slam-Historie finden wird. Wie zwei Gladiatoren standen sich Zverev und Thiem am Sonntagabend gen Ende ihrer anfangs bizarren und zum Schluss spektakulären Final-Aufführung gegenüber. Beide kämpften mit Krämpfen, beide standen mehrmals schon kurz vor dem Triumph und stemmten sich wenig später erneut gegen die Niederlage.

«Es war das beste und das schlechteste Finale. Niemand wird auf das Kabinettstück vom Sonntagabend im Rückblick als Höhepunkt glitzernden Tennis zurückblicken. Aber das menschliche Drama (...) war unvergesslich», schrieb der «Telegraph». Die «Gazzetta dello Sport» analysierte: «Ein Match, das den Spieler mit mehr Mut und Kaltblütigkeit belohnt. Zu groß war die Angst für beide, zu gewinnen, wie auch die Angst, zu verlieren, die die Partie gelähmt hat.»

Kaum auszudenken, was im Arthur-Ashe-Stadium, dieser größten Tennis-Arena der Welt, losgewesen wäre, wenn die Tribünen wegen der Coronavirus-Pandemie nicht fast menschenleer gewesen wären. «Ich war super nah dran, Grand-Slam-Champion zu sein. Ich war ein paar Spiele, vielleicht ein paar Punkte weg», sagte Zverev, als er mehr als zwei Stunden nach dem Match zur Video-Pressekonferenz erschien und auf die obligatorische Frage, ob er aus dieser schmerzvollen Niederlage denn auch Positives ziehen und für die Zukunft etwas mitnehmen könne, antwortete: «Diese Frage kommt jetzt zwei, drei Tage zu früh.»

6:2, 6:4, 1:0 führte Zverev nach einem Break im dritten Satz. Thiem gelang zunächst nichts, wenig später aber der Satzausgleich. Wie das passieren konnte? Nun ja, es war das Finale eines Grand-Slam-Turniers, es standen sich zwei außergewöhnliche Athleten und Niemals-Aufgeber gegenüber, es war nicht zu erwarten, dass Zverev so makellos und Thiem so fehlerhaft weiterspielen würde.

Und im fünften Satz kulminierte dann all die Spannung und Dramatik, die das Tennis auf seinen größten Bühnen und in den bedeutendsten Partien bieten kann. Zverev nahm dem 27 Jahre alten Österreicher den Aufschlag ab zum 5:3. Er schlug zum Titelgewinn auf, vielleicht feilte er schon an den Worten eines US-Open-Champions. Doch er kassierte das Re-Break zum 5:4. Es passte zu diesem Abend der Widersprüche, der Aufs und Abs und Emotionen, dass der Tiebreak die Entscheidung herbeiführen musste über Sieger und Geschlagenen.

Zverev ging 2:0 in Führung, Zverev lag 3:5 hinten, Zverev glich zum 6:6 aus. «Ich war wenige Punkte vom Sieg entfernt, das ist sehr bitter. Aber ich muss damit leben», sagte er, als ihm die digitale Anzeigetafel das 6:2, 6:4, 4:6, 3:6, 6:7 (6:8) dokumentierte. Und sein Tennis-Leben wird vermutlich noch etliche Jahre andauern.

«Ich bin 23 Jahre alt, ich denke nicht, dass es meine letzte Chance war. Ich glaube, dass ich eines Tages einen Grand Slam gewinnen werde», sagte der Weltranglisten-Siebte. Er klang dabei nicht trotzig oder gefrustet, er klang überzeugt. Dieses verlorene Finale wird ihm irgendwann helfen und zu seinem Reifeprozess beitragen, den er schon in diesen skurrilen Tagen von New York durchlaufen hat.

Wie er nach dem bitteren Moment des Matchballs auf die andere Seite des Platzes schritt und Thiem nicht ganz Corona-kompatibel in den Arm nahm, wie er sich bei den Organisatoren bedankte und von den internationalen Berichterstattern per Video-Botschaft verabschiedete - das hatte Stil und war eines künftigen Grand-Slam-Champions würdig.

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