Videogeständnis der Angeklagten vor Samui Gericht

Rechtsanwalt Nakhon Chompuchat: „Merkwürdige Aussagen unqualifizierter Hilfsdolmetscher, die in starker Abhängigkeit zu Thailands Polizeibehörden stehen.“
Rechtsanwalt Nakhon Chompuchat: „Merkwürdige Aussagen unqualifizierter Hilfsdolmetscher, die in starker Abhängigkeit zu Thailands Polizeibehörden stehen.“

KOH SAMUI: Mit schweren Geschützen fuhr die Anklagevertretung gestern und heute am Ende der dritten Prozessstaffel im Koh Tao Mordfall auf Koh Samui auf. In Videoaufzeichnungen wurde im Gerichtssaal gezeigt, wie Wai Phyo (22) – einer der beschuldigten mutmaßlichen Mörder von Hannah Witheridge und David Miller – gegenüber der Polizei gestanden hatte.

Insidern dieses komplizierten Doppelmord-Verfahrens war schon seit Monaten klar, dass diese Stunde der Staatsanwaltschaft nahen würde. Auf den ersten und später widerrufenen Geständnissen von Zaw Lin und Wai Phyo ruht die ganze Schwerkraft der Anklage – außerdem auf den begleitenden Aussagen dreier burmesischer Dolmetscher, die bei den jeweiligen Geständnissen dabei gewesen waren.

Heute Vormittag wurde über eineinhalb Stunden das Vernehmungsvideo von Wai Phyo in Suratthanis Stadteil Punphin vorgeführt. Dorthin war der kleinere und schmächtige Burmese nach seiner Festnahme auf dem Nachtboot von Koh Tao am frühen Morgen des 2. Oktober gebracht worden. Wai Phyo ist auf dem Video zu sehen, wie er beide Morde zugibt und schildert, wer in welcher Reihenfolge die Vergewaltigung von Hannah Witheridge ausgeführt hat und wie die Ermordung beider britischer Rucksacktouristen vollzogen worden ist.

Schockierende Detailaussagen auf diesem Video ließen selbst eingefleischten Unschuldsvermutern das Blut in den Adern gefrieren. Kann es sein, dass die burmesischen Gastarbeiter Zaw Lin und Wai Phyo diese Taten begangen haben – aus purem Zufall, nachdem sie das angebliche Liebespaar am Strand bei Intimitäten beobachtet und später selbst aktiv eingegriffen hatten? Die Staatsanwaltschaft zog mit ihren drei burmesischen Dolmetschern sowie den Aussagen der Polizeiermittler am Donnerstag und Freitag alle Register.

Zweifel kamen Prozessbeobachtern allerdings bei der Legitimation und der Professionalität der von der Polizei benutzten burmesischen Übersetzer. Alle drei sind des Schreibens und Lesens in thailändischer Sprache nicht mächtig. Einer davon benötigte fast zwei Stunden, um ein Protokoll in seiner burmesischen Muttersprache entziffern zu können und stellte das Gericht auf eine harte Geduldsprobe. Bei diesen so wichtigen burmesischen Zeugen handelte es sich um einen Pfannkuchen-Standbetreiber aus Koh Samui, einen Farmhilfsarbeiter mit Einsatzort Suratthani sowie einen wegen Hehlerei im Provinzgefängnis Koh Samui eingesessenen Strafgefangenen.

Vor allem der mittlerweile freigelassene dritte ‚Dolmetscher‘, der bei den Verhören in der Vollzugsanstalt auf Koh Samui von der Polizei hinzugezogen worden war, belastete beide Angeklagte schwer. Er habe während der Befragung deren Geständnisse vernommen, sagte er aus. Dabei räumte er auch ein, dass insbesondere der Beschuldigte Zaw Lin über Schmerzen im Brustbereich geklagt habe. Er habe, so sagte der Strafgefangene und zwangsrekrutierte Hilfsübersetzer, erkennbare Spuren von Misshandlungen an Zaw Lin gesehen.

Für die Verteidiger bot das Kreuzverhör die Chance, die Glaubwürdigkeit aller drei Dolmetscher, die in starker Abhängigkeit zur thailändischen Polizei stünden, anzugreifen. Sie stellten das ‚merkwürdige Verhältnis‘ von halblegal im Land arbeitenden Hilfskräften zur Polizei heraus und die widersprüchlichen Aussagen zu wichtigen Details in den angeblich freiwillig gemachten Geständnissen.

„Wenn schon die beiden Angeklagten aus Myanmar in diesem weltweit beobachteten Mordfall als Sündenböcke herhalten müssen, wer sagt uns, dass nicht auch deren Landsleute von den Ermittlern eingeschüchtert und manipuliert worden sind“, sagte Chefverteidiger Nakhon Chompuchat. Er sprach von skandalös unprofessionellen Übersetzungsvorgängen, die vor keinem ordentlichen Gericht der Welt Beweiskraft haben könnten.

Ein peinlicher Fehler war indessen auch dem Verteidigungsteam widerfahren. Der erste burmesische Dolmetscher, mit dem Pfannkuchenstand auf Koh Samui, war am Donnerstag wegen kurioser Aussagen gegenüber burmesischen Fernsehsendern und Tageszeitungen angegriffen worden. Er soll behauptet haben, die Beschuldigten hätten David Miller mit einer Weinflasche niedergeschlagen.

Gestern und heute stellte sich bei den Befragungen heraus, dass der Hilfsübersetzer aus Suratthani die verwirrenden Schilderungen gegenüber burmesischen Journalisten gemacht hatte – nicht der Pfannkuchen-Bäcker auf Samui. Prozessbeobachter werteten dies als Beweis dafür, wie in einem ohnehin komplizierten Verfahren mit minderqualifizierten burmesischen Dolmetschern wichtige Details verdreht oder missverstanden wurden. Dieser Härtefall in der Beurteilung bereite auch der Kammer des Provinzgerichtes Koh Samui Schwierigkeiten.

Das Resümee nach drei turbulenten Verhandlungstagen in dieser Woche: Die Staatsanwaltschaft hat mit den Belastungszeugen hinsichtlich der Erstgeständnisse stark gepunktet. Es wurde aber auch deutlich, dass die Beschuldigten Zaw Lin und Wai Phyo tatsächlich körperlichen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt waren. Erst nach der Berufung unabhängiger Anwälte und dem Besuch von burmesischen und thailändischen Menschenrechtlern im Provinzgefängnis Koh Samui wagten es Zaw Lin und Wai Phyo ihre Geständnisse am 9. Oktober 2014 zu widerrufen.

Die Glaubwürdigkeit der Polizeiermittler und die der drei Verlegenheitsdolmetscher könnten entscheidend für die Urteilsfindung werden, wie die Auswertung von DNA-Spuren im Körper der geschändeten Hannah Witheridge. Wenn das Gericht den Argumenten der Staatsanwaltschaft folgt, sind Zaw Lin und Wai Phyo verloren.

Kann die DNA- und Spurenauswertung am 11. September bei der gerichtlichen Präsentation durch die unabhängige Zweitexpertin Dr. Pornthip Rojanasunand erschüttert werden, könnte das die größte Chance für die Angeklagten sein. Der Doppelmordprozess von Koh Tao steht nach zehn Verhandlungstagen weiter auf der Kippe.

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Jürgen Franke 21.08.15 22:29
Lieber Herr Gruber,
vielen herzlichen Dank für Ihren ausführlichen und aufregenden Bericht über die Geschehnisse im Gericht. Da stockt einem beim Lesen der Atem. Es bleibt weiterhin sehr spannend.