CARACAS/WASHINGTON: Die USA haben in einer beispiellosen Militäraktion Ziele in Venezuela angegriffen und Staatschef Nicolás Maduro sowie dessen Ehefrau Cilia Flores festgenommen und außer Landes gebracht. Gegen Maduro liegen seit Jahren US-Anklagen wegen Drogenterrorismus und Drogenhandels vor, zudem war ein Kopfgeld von bis zu 50 Millionen US‑Dollar auf Hinweise zu seiner Festnahme ausgesetzt.
Angriff, Festnahme und Transport
US-Präsident Donald Trump bestätigte in der Nacht auf Samstag auf seiner Plattform Truth Social Luftangriffe auf Venezuela und die Festnahme Maduros und seiner Ehefrau. Nach US-Angaben wurden beide von US-Elitekräften in den frühen Morgenstunden überwältigt, per Hubschrauber außer Landes gebracht und zunächst auf das US-Kriegsschiff „USS Iwo Jima“ geflogen, von wo aus sie nach New York gebracht werden sollen.
US-Justizministerin Pam Bondi erklärte, Maduro und Flores seien in New York angeklagt, unter anderem wegen „Verschwörung zum Drogenterrorismus“, „Verschwörung zum Kokainimport“ sowie unrechtmäßigen Besitzes von Maschinengewehren und Sprengstoff. Trump sagte in einem Fernsehinterview, er habe Maduro bereits eine Woche vor dem Angriff telefonisch zur Kapitulation aufgefordert, dieser habe sich jedoch geweigert. Bei der Festnahme seien „ein paar“ US-Einsatzkräfte getroffen worden, es habe aber keine Toten und keinen Verlust von Flugzeugen gegeben; Maduro sei „praktisch in einer Festung“ gewesen, und die Streitkräfte seien auch für einen zweiten Schlag bereit gewesen.
Ziele der Luftangriffe und Opfer
Die Luftschläge richteten sich nach übereinstimmenden Berichten vor allem gegen Militärstützpunkte, Flugplätze, Kommunikationsanlagen und Häfen, darunter die wichtige Militärbasis Fuerte Tiuna in Caracas. In der Hauptstadt wurden in der Nacht Explosionen und Rauchsäulen beobachtet, Aufnahmen zeigten Hubschrauber über der Stadt sowie gepanzerte Fahrzeuge in der Nähe des Präsidentenpalasts Miraflores.
Die venezolanische Regierung sprach von Toten unter Soldaten und Zivilisten und verurteilte die Operation als „Angriff auf unser Volk“ und „Verletzung der UN‑Charta“, ohne konkrete Opferzahlen zu nennen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA untersagte Flüge in einem weiten Umkreis um Venezuela wegen der anhaltenden militärischen Aktivitäten, betroffen sind unter anderem Maiquetía, Curaçao, Trinidad (Piarco) und San Juan.
Rolle Trumps und Ankündigung einer Übergangsverwaltung
Trump präsentierte den Einsatz als persönlich verantworteten Schritt im Kampf gegen Drogenhandel und „Terrorismus aus Südamerika“ und kündigte an, die USA würden bei der Zukunft Venezuelas „sehr involviert“ sein. Bei einer Pressekonferenz in seiner Residenz Mar‑a‑Lago erklärte er, die Vereinigten Staaten würden Venezuela „so lange führen, bis wir einen sicheren, ordnungsgemäßen und umsichtigen Übergang gewährleisten können“ und stellte damit faktisch eine Übergangsverwaltung unter US-Führung in Aussicht.
Zugleich warb Trump dafür, „große US-Ölunternehmen“ nach Venezuela zu schicken, die Milliarden Dollar in die „schwer beschädigte“ Ölindustrie investieren und so den wirtschaftlichen Wiederaufbau finanzieren sollten. Eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten werde Venezuela „reich, unabhängig und sicher“ machen, sagte er und spielte mit dem Slogan „Make Venezuela great again“ auf seinen bekannten Wahlkampfspruch an.
Drogenvorwürfe und Kopfgeld
Die US-Justiz wirft Maduro seit 2020 vor, an der Spitze eines Netzwerks aus Militärs und Politikern zu stehen, das große Kokainmengen über Venezuela, ein wichtiges Transitland, Richtung USA und Europa schleusen soll. Venezuela gilt dabei nicht als bedeutendes Produktionsland, spielt aber nach Einschätzung von Behörden und Experten eine zentrale Rolle für den Weitertransport.
Unter den Regierungen in Washington wurde das Kopfgeld auf Hinweise zur Festnahme Maduros schrittweise auf bis zu 50 Millionen US‑Dollar erhöht – eine der höchsten jemals von den USA ausgelobten Summen für einen ausländischen Staatschef. Caracas weist die Vorwürfe als „politische Kampagne“ zurück und spricht von einem Vorwand, um Regimewechsel und Zugriff auf die großen Ölreserven des Landes zu rechtfertigen.
Machtvakuum, Verfassungsfrage – und Signale aus Caracas
Nach der venezolanischen Verfassung würde bei einem Ausfall des Präsidenten Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierungsgeschäfte bis zu Neuwahlen übernehmen. Vorgesehen sind Szenarien wie Tod, Rücktritt, Amtsenthebung oder Amtsaufgabe – keiner dieser Fälle liegt formal vor, weshalb Außenminister Yvan Gil darauf insistiert, Maduro sei weiterhin verfassungsmäßiger Präsident und seine „physische Anwesenheit“ in Venezuela müsse von den USA umgehend wiederhergestellt werden.
Nach dem US-Einsatz trat Rodríguez in Caracas vor den nationalen Verteidigungsrat und forderte die sofortige Freilassung von Maduro und dessen Ehefrau. In der live übertragenen Sitzung bezeichnete sie Maduro als den „einzigen Präsidenten“ Venezuelas und verurteilte den US-Angriff als „schrecklichen Fleck“ in den bilateralen Beziehungen und als klaren Verstoß gegen die UN‑Charta; „wir werden nie wieder Sklaven sein“, sagte sie. Zugleich kündigte sie an, ein von Maduro zuvor unterzeichnetes Dekret zum Ausnahmezustand wegen ausländischer Aggression zu aktivieren, das der Regierung Sonderbefugnisse zur „Verteidigung der nationalen Interessen“ einräumt.
Opposition: Machado setzt auf González
Die Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin María Corina Machado erklärte nach der Festnahme Maduros, nun sei für die Opposition „die Zeit gekommen, Venezuela zu regieren“. In einer über X verbreiteten Mitteilung forderte sie die unverzügliche Einsetzung des Oppositionspolitikers Edmundo González Urrutia, den USA, EU und mehrere lateinamerikanische Staaten seit der von Betrugsvorwürfen überschatteten Wahl vor eineinhalb Jahren als rechtmäßig gewählten Präsidenten ansehen.
„Heute sind wir bereit, unser Mandat durchzusetzen und die Macht zu übernehmen. Bleiben wir wachsam, aktiv und organisiert, bis der demokratische Übergang vollzogen ist“, schrieb Machado und rief die Streitkräfte auf, González als Oberbefehlshaber anzuerkennen. González lebt im spanischen Exil und verfügt im inneren Machtgefüge Venezuelas bislang über kaum direkte Kontrolle über Institutionen, Militär und Sicherheitsapparate.
Rolle des Militärs
Entscheidend für jede Machtlösung dürfte die Haltung des Militärs sein. Verteidigungsminister Vladimir Padrino López, der neben den Streitkräften auch wichtige Wirtschafts- und Verwaltungsbereiche kontrolliert, wird von Beobachtern als möglicher Königsmacher in einem Übergangsszenario gesehen. Unter Maduro galt er als Garant für die Loyalität der Armee und damit für die Stabilität der Regierung.
Auch der einflussreiche Innenminister Diosdado Cabello präsentierte sich in den Staatsmedien mit Helm und taktischer Weste an der Seite bewaffneter Kräfte und erklärte, das Land sei „ruhig“ geblieben, die von den USA erhoffte panische Flucht der Bevölkerung sei ausgeblieben. Gegnern Maduros gilt Cabello als einer der möglichen starken Männer in einem inner-regimeinternen Übergang.
Lage im Land und internationale Reaktionen
In Caracas und anderen Städten herrschte am Morgen nach den Angriffen eine Mischung aus Angst, Verunsicherung und Hoffnung: Berichten zufolge blieben viele Straßen menschenleer, der Nahverkehr war weitgehend eingestellt, einige Supermärkte öffneten nur eingeschränkt und ließen Kunden in kleinen Gruppen ein. Gleichzeitig deckten sich Bewohner aus Sorge vor weiterer Eskalation mit haltbaren Lebensmitteln und Wasser ein.
International sorgte die US-Operation für scharfe Reaktionen: Länder wie Brasilien, Mexiko und Kolumbien kritisierten den Angriff als völkerrechtswidrig und forderten eine Dringlichkeitssitzung des UN‑Sicherheitsrats. Russland, Iran und Kuba sprachen von „bewaffneter Aggression“ und „Staatsterrorismus“, während die EU zur Zurückhaltung aufrief, zugleich jedoch die autoritäre Herrschaft Maduros und die Menschenrechtslage im Land erneut kritisierte.
Fünf Dinge, die man über Venezuela wissen sollte:
Autoritärer Staat
Venezuela wird seit 2013 von Nicolás Maduro regiert, dessen Regierung Opposition und kritische Medien systematisch unterdrückt. Sicherheitskräfte und Justiz gehen hart gegen Andersdenkende vor, es gibt Berichte über willkürliche Festnahmen, Folter und außergerichtliche Tötungen.
Größte Ölreserven der Welt
Mit geschätzt über 300 Milliarden Barrel verfügt Venezuela über die größten bekannten Ölreserven der Welt. Wegen Sanktionen, Korruption, Missmanagement und fehlenden Investitionen liegt die tatsächliche Förderung aber weit unter den Möglichkeiten.
Armut trotz Rohstoffreichtum
Trotz der Bodenschätze leben große Teile der Bevölkerung in bitterer Armut. Millionen Menschen sind auf Überweisungen von Angehörigen im Ausland angewiesen, Inflationsschübe und Versorgungsengpässe haben den Lebensstandard massiv einbrechen lassen.
Massive Flüchtlingskrise
Die Wirtschaftskrise, Repression und Gewalt haben eine der größten Fluchtbewegungen der jüngeren Geschichte ausgelöst. Schätzungen zufolge haben inzwischen fast acht Millionen Venezolaner ihre Heimat verlassen und leben vor allem in Nachbarstaaten Lateinamerikas.
Verbündete als USA-Gegner
International stützt sich Caracas vor allem auf Regierungen, die im Konflikt mit den USA stehen. Zu den wichtigsten Verbündeten zählen Kuba, Nicaragua, Russland, China und Iran, die wirtschaftliche, militärische und sicherheitsrelevante Kooperation mit Venezuela pflegen.