Unter den Seilen

Thaiboxen wird bei Frauen in Bangkok immer beliebter

Sara Weeces (l.) und Emma Thomas (r.) beim Box-Training. Mit Thaiboxen ist es ein bisschen wie mit Fußball in Deutschland. Es ist ein Nationalsport mit Millionenpublikum,  von Männern geprägt, aber die Frauen werden sichtbarer. Fotos: Caroline Bock/dpa
Sara Weeces (l.) und Emma Thomas (r.) beim Box-Training. Mit Thaiboxen ist es ein bisschen wie mit Fußball in Deutschland. Es ist ein Nationalsport mit Millionenpublikum, von Männern geprägt, aber die Frauen werden sichtbarer. Fotos: Caroline Bock/dpa

BANGKOK: Polla Konputon weiß, warum sie Thaiboxen mag. „Es ist Fitness, es ist Selbstverteidigung“, sagt sie. „Ich kann mich auf der Straße bewegen, und wenn jemand auf mich zukommt, kann ich mich verteidigen.“ Polla ist 24, sie ist Managerin eines Thaibox-Studios in Bangkok.

Draußen gackern Hühner. Ein Dschungelpfad führt zu dem überdachten Ring mit Blick ins Grüne. Es ist eine Ecke, in der Thailands Hauptstadt richtig nach Dorf aussieht. Die Geräuschkulisse: Boxhandschuhe, die in die Pratzen klatschen, also in die Pols­ter zum Üben. Viele Männer sind da, aber auch zwei Frauen.

Mit Thaiboxen ist es ein bisschen wie mit Fußball in Deutschland. Es ist ein Nationalsport mit Millionenpublikum, von Männern geprägt, aber die Frauen werden sichtbarer. Davon kann Emma Thomas (31) erzählen. Die britische Autorin lebt seit etwa neun Jahren in Bangkok. Sie blieb nach einer Rucksacktour in Thailand hängen und entdeckte ihre Liebe zum Muay Thai, so der richtige Name der Sportart. 29 Kämpfe hat sie hinter sich, einige davon waren sogar im Fernsehen zu sehen, erzählt sie.

Professionell steigt Emma Thomas nicht mehr in den Ring, aber sie trainiert noch fünf Mal die Woche zwei Stunden. Mit dem Boxsack, auf den sie eindrischt, sollte man besser nicht tauschen. Was sie an dem Sport mag? Das Selbstbewusstsein, das sie, die früher eher zaghafte Frau, durch ihn bekommen hat. „Es lässt mich stark fühlen.“ Muay Thai ist für sie eine Gemeinschaft, die Stimmung in der Sporthalle ist familiär.

Ungerechtigkeiten und Sexismus

Aber wie gleichberechtigt geht es in dem Sport zu? Die Männer klettern über das oberste Seil in den Ring, die Frauen nehmen das unterste: So sieht es eine Tradition im Thaiboxen vor. Thomas hat deswegen ihre Internetkolumne „Under the Ropes“ genannt, „Unter den Seilen“. Darin erzählt sie mit feministischem Blick von Sport und Gesellschaft. Etwa von einer Frau, die mit 47 ihren ersten Kampf hatte und eine 20 Jahre jüngere Gegnerin besiegte. Oder von den Transfrauen, also den Sportlerinnen, die als Mann zur Welt kamen.

Als sie anfing, gab es laut Thomas einige Kämpferinnen, aber noch nicht viele. „Seitdem wächst und wächst es.“ Die Frauen seien heute auch öfter in den Fernsehübertragungen zu sehen. So gern sie den Sport mag, so sieht sie auch den Sexismus darin. Thomas erzählt von den Ungerechtigkeiten: So wurde sie nach einem Kampfabend schlechter als der Mann bezahlt, der das gleiche geleistet hatte. In ihrem eigenen Studio kam es vor, dass sie beim Training auf der Matte bleiben sollte, während die Männer in den Ring steigen durften.

Die Sportstudio-Managerin Polla Konputon steht vor  einem Boxring, in dem gerade Muay Thai trainiert wird.
Die Sportstudio-Managerin Polla Konputon steht vor einem Boxring, in dem gerade Muay Thai trainiert wird.

Wer eine Probestunde mitmacht, weiß, warum es „in den Seilen hängen“ heißt. Laufen und Seilspringen zum Aufwärmen, Schläge, Kicks, Beinarbeit, Fäuste hoch und Konzentration: Das alles ist wahnsinnig anstrengend, besonders bei schwüler Hitze und mehr als 30 Grad. Gekämpft wird barfuß und mit Boxhandschuhen. Anders als beim Boxen sind Tritte und Kicks mit den Füßen und Knien erlaubt. Wie lange dauert es, bis man sich beim Üben nicht mehr dusselig vorkommt? Ein paar Monate, meint Emma Thomas.

Kleiner Exkurs: In Deutschland ist Thaiboxen kein Massenphänomen, aber auch dort ist ein Trend zu sehen. Der Muay Thai Bund hat nach eigenen Angaben 8.800 Mitglieder, davon 3.000 Frauen. Seit zwei Jahren steige die Zahl der weiblichen Mitglieder. Das liege an Projekten gegen Gewalt und Drogen, heißt es bei dem Verband.

Ein Fan der Sportart in Deutschland ist die Schauspielerin Barbara Sukowa. Mit fast 70 entdeckte sie Muay Thai. „Ich hab mich immer fürchterlich gelangweilt bei Pilates, bei Yoga habe ich mir immer wehgetan.“ Ihr Sohn habe ihr eine Trainerstunde Muay Thai geschenkt. So fing es an. „Ich muss mich aber auch ein bisschen überwinden jedes Mal, wenn ich hingehe. Bin ich dann da, macht es mir Spaß.“

Steiniger Weg zur Gleichberechtigung

Zurück nach Thailand: Zahlen zu den Aktiven, zu Männern und Frauen im Sport, hat der Amateurverband nicht parat. Vizepräsident Kajorn Plaosri verweist aber darauf, dass es schon im 19. Jahrhundert Gedichte über Frauen im Thaiboxen gab. Die Frauen habe es im Sport schon immer gegeben, aber er sei bei ihnen noch nie so beliebt wie heute gewesen. Ihr Anteil sei schrittweise gewachsen. „Heute können Frauen vom Thaiboxen leben.“ Seit vier oder fünf Jahren sei die Sportart auch beliebt, um einfach fit zu werden und abzunehmen.

Erzählt Thaiboxen auch etwas über die wachsende Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft? Emma Thomas beobachtet, dass Frauen unter den Wirtschaftsbossen vielleicht gut vertreten sein mögen, weniger aber in der thailändischen Politik. Und die Thailänderinnen, mit denen sie befreundet sei, ließen sich nichts gefallen. Aber was Gleichberechtigung angeht: „Ich denke, Thailand hat noch einen weiten Weg vor sich.“

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Oliver Harms 22.03.20 00:26
Falsche Interview Partnerin?
Statt mit einer Farang Boxerin namens Emma(wo bei der Name Emma-siehe Alice Schwarzer-wohl auch Programm ist),hätte man besser mit einer Thai gesprochen.
Die hätte dann mit Sicherheit was ganz anderes über die Gleichberechtigung gesagt.
Denn diese Frau hat es leider nach 9 Jahren in Thailand immer noch nicht begriffen wie die Strukturen hier-nicht nur in der Familie-funktionieren.
Ansonsten,ist Muay Thai in der Tat eine sehr interessante Thematik im Punkto sozialer Aspekte so wohl im positiven wie auch im negativen Sinne.