Joost und Nok
Entweder Du findest Dich damit ab oder du gehst daran kaputt!«
Thomas erzählte ihm von Nils und davon, was er über dessen Beziehung mit Chai in der kurzen Zeit in Erfahrung gebracht hatte.
Joost bekam wieder diesen traurigen Blick.
»Wir sind Heimatlose. Wenn Du erstmal diesem Land verfallen bist, dann fühlst Du Dich nirgends mehr auf der Welt zu Hause! Und in Asien wirst Du auch immer ein Fremder bleiben!«
Joost wollte das Thema wechseln und er fragte Thomas, was ihn denn hierher verschlagen hatte. Thomas erzählte in knappen Worten seine Geschichte. Die Scheidung, der Stress mit seiner Firma, die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, in die er sich hinein manövriert fühlte, und schliesslich die Entscheidung, mit Nils Hilfe einmal auf andere Gedanken zu kommen.
»Ich bin vor 10 Jahren geschieden worden«, gab Joost zu. »Ich fühlte mich zu sehr eingeengt. Ich habe einen unzähmbaren Freiheitsdrang. Das ist mein Hauptproblem!«
Er war ein ziemlich mässiger Schüler und war lieber mit seinem kleinen Segelboot herumgefahren, als zu Hause in den engen Räumen Schularbeiten zu machen. Später, mit 16 Jahren, als die Geduld seiner Eltern langsam zu Ende ging, musste er in der elterlichen Blumenzucht eine Ausbildung anfangen. Er riss erneut aus, heuerte auf einem grossen Container-Schiff an und schrieb seinen Eltern erst aus Singapur eine erste Postkarte. Von dieser Reise zurückgekehrt, bezog er die erste Tracht Prügel seines Lebens. Danach probierte er alle möglichen Berufe aus, und schliesslich arbeitete er seit ein paar Jahren in einem Blumen-Grossmarkt als Auktionator. Seine Familie hatte ihn aufgegeben, sein Bruder hatte den Pflicht-Erbteil für ihn als Altersversorgung angelegt.
»In sieben Jahren, mit 55, komme ich da frühestens ran!«, sagte er grinsend. »Und ich schwöre dir, dass ich genau an diesem Tag all meine Sachen verkauft haben werde und für immer auf Weltreise gehen werde!«
Sie hatten eine grosse Flasche Sang Som geleert - jeder von ihnen! In Deutschland wäre Thomas jetzt im Rettungswagen davongefahren worden, aber bei diesem Klima und in so einer anregenden Atmosphäre fühlte er sich eher wie auf Speed.
Ein Kellner kam freundlich lächelnd an ihren Tisch und bat um Verständnis, dass man wegen der Polizeistunde schliessen müsse.
Joost antwortete auf Thai, und in seiner Antwort kam häufig das Wort Mau vor, was zu allgemeiner Erheiterung beitrug.
Jetzt, wo der Abend definitiv zu Ende ging, wollte man noch schnell die Adressen tauschen. Auch hier gab es wieder einen Unterschied zwischen dem Weltenbummler Joost und dem Workaholic Thomas. Während letzterer selbstverständlich seinen Palm-Organiser zückt, hatte Joost noch nicht einmal einen Kugelschreiber bei sich, geschweige denn ein Mobiltelefon. Thomas kramte eine Visitenkarte aus guten alten Clausen, Bretz & Partner-Zeiten hervor. Wenigstens die Telefonnummer hatte er behalten können. Seine neue Adresse schrieb er mit dem Kugelschreiber auf die Karte und notierte sich anschliessend Joosts Adresse im Palm.
5. Thonburi
Irgendwie gut gelaunt machte sich Thomas auf den Weg zum Frühstück. Gestern um die gleiche Zeit hatte er noch ein wenig mit seinem Ärger und der Enttäuschung über Nils plötzliche Abreise gekämpft. Nach diesem wunderschönen Abend mit Joost und Nok freute er sich auf eine Entdeckungstour durch Bangkok.
Nie hätte er gedacht, dass er sich nach 3 Tagen in solch einer fremden Stadt mit so einer fremden Kultur schon so behaglich fühlen könnte.
Er zweifelte an Nils Weisheit zum Thema Bangkok, diese Stadt musste man einfach lieben!
»Good morning, Khun Bom!«, grüsste er den immer gut gelaunten Pagen.
»Sawadee khrab, Khun Thomas!«, erwiderte der betont langsam und deutlich, so wie er es immer sympathischen Gästen gegenüber zu tun pflegt, um diesen so die ersten Brocken thailändischer Höflichkeit beizubringen.
»Wan nee pai nai? Where you go today? «, fuhr er fort.
»Today I will go to the Panthip Plaza. «
Thomas hatte von Nils den Tip bekommen diesen legendären Computer-Tempel zu besuchen. Das Panthip Plaza war ein 5-stöckiges Kaufhaus an der New Petchburi-Road, in dem man alles, was irgendwie mit Computern in Zusammenhang zu bringen war, erwerben konnte. Das schloss die unverzichtbaren Buddha-Amulette, die die Arbeit mit diesen Zeitdieben überhaupt erst möglich machten, genauso ein wie die raubkopierte Software und die selbst gebrannten Firmware Eproms, die Spielkonsolen und DVD-Laufwerke von ihren Länder- und Kopierschutz-Codes befreiten. Für Technikfreaks ein Mekka!
So weit zur Theorie! Die Praxis sah jedoch für Thomas ein wenig anders aus. Voller Tatendrang erklomm er die Stufen zum Eingang und fand sich plötzlich in einem Ameisenbau wieder. Menschenmassen wuselten um Hunderte kleiner Stände und Marktbuden herum, die mit Bauteilen übersät waren, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte! Der meiste Kram sah wie Spielzeug aus, bunt, klein, aus dünnem Kunststoff mit fitzeligen Elektroteilen dran.
»Das sind Jahrmarktsbuden!«, dachte er sich. »Mit dem Kram kann kein Mensch etwas anfangen!«
Doch das war nur der erste Eindruck und auch dieser stimmte, nur im Zusammenhang mit unserer Vollkasko-TÜV-DIN-Norm-Mentalität. Ein Netzstecker mit Stiften aus Konservendosen-Blech funktioniert genauso gut wie ein VDE-geprüfter Schutzkontakt-Stecker, dessen Bakelite-Gehäuse nach dem ersten übergewichtigen Bodenfliesen-Crash eine klaffende Zahnlücke aufweist. Der Unterschied war der, dass man hier halt von vornherein wusste, was man seinem filigranen Billigding abverlangen konnte und deshalb entsprechend damit umging.
Aber bisher war Thomas ja erst bis in den Vorhof zur Hölle vorgedrungen! Im ersten Stock, und schon vorher in der Show-Arena zwischen den beiden hinteren Rolltreppen, da tummelten sich die grossen Markennamen und die Händler, die das grosse Geld verdienten. Von Apple bis Zoom waren sie alle vertreten.
Aber in den Gängen der 2., 3. und 4. Reihe da wurde das kleine Geld mit den Raubkopien, Fakes und Dienstleistungen verdient. Und von dem kleinen Geld gab´s dafür umso mehr.
Thomas verbrachte geschlagene vier Stunden mit dem Entdecken der Preziosen und Kuriositäten. Dinge, die man in Deutschland vergeblich suchen würde. Nicht weil sie so schlecht waren, sondern weil man zu Hause keine Distributoren finden würde, die das Risiko eingehen würden, an kleinen, genialen Erfindungen halt nur ein paar Cent zu verdienen. Was immer sich ein Tüftler ausdachte, hier fand er sein Publikum, und hier fand er auch die Käufer, die ihm sein Überleben sicherten.
Thomas war begeistert, kam sich wie ein Pionier in einer fernen Hightech-Galaxie vor. Durstig und erschöpft beschloss er, abzubrechen und sich eine Verschnaufpause zu gönnen. Da entdeckte er eine kleine Sushi-Bar mit leckeren Auslagen. Er rechnete die Preise in Euro um und traute seinen Augen nicht. Übermütig probierte er das ganze Sortiment durch. Für den Preis hätte er in Hamburg Fischstäbchen bekommen! Fischstäbchen ohne Remoulade!
Satt gefuttert hielt er sich noch eine Weile mit seiner Cola auf und sichtete schon mal seine Beute. Bei solch einer Auswahl an Software, jede CD-Rom zwischen 100 und 200 Baht, das waren umgerechnet 2,- bis
4,- , da konnte er einfach nicht widerstehen! Auch einen Berg voll Kleinkram hatte er erstanden. Einzig die teurere Hardware, so wie die schicken neuen Powerbooks, iPods oder Digitalkameras etc. lagen preislich über dem deutschen Niveau. Aber es war ja auch Urlaub und kein Schlussverkauf.
Gestärkt gab sich Thomas einen Ruck. Er hatte in seinem Hotelzimmer den Stadtplan von Bangkok studiert und darin entdeckt, dass unweit vom Panthip Plaza das höchste Gebäude der Stadt, und gleichzeitig einer der höchsten Wolkenkratzer der Welt stand.
Für einen Architekten war der Besuch des Bayoke Tower natürlich ein Muss! Thomas überquerte die Tanon Petchburi vom Panthip aus über eine Fussgängebrücke. Der gegenüberliegende Bürgersteig war ein einziger, nicht endender Markt, der dem auf der Sukhumvit Road in keiner Weise ähnelte. Das Warenangebot war einfach überwältigend! Es waren nur sehr vereinzelt Farang zu sehen, obwohl auch hier ein riesiges Angebot an Kunsthandwerk, Textilien aller Art und Grösse, gefälschten Markenartikeln in zum Teil verblüffender Qualität und viele andere Dingefeil geboten wurden. Thomas entdeckte ein sehr schönes Hemd, aber als er das gute Stück näher betrachten wollte, kramte der eifrige Verkäufer ein Hemd nach dem anderen hervor, öffnete die Verpackungen und breitete die Hemden vor Thomas aus. Das ganze wurde für den armen Touristen immer unübersichtlicher, und er konnte sich nun gar nicht mehr für ein Muster entscheiden. Diese Unsch-
lüssigkeit veranlasste den Verkäufer zu immer hektischer werdender Geschäftigkeit. Er redete unaufhörlich auf Thomas ein, bis der schliesslich überfordert aufgab und seinen Weg ohne neues Hemd fortsetzte.
Thomas bog nach links ab, und der Markt wurde immer dichter und gedrängter. Wegen seiner Körpergrösse konnte Thomas über die Köpfe der unzähligen Thailänder hinweg sehen, sonst hätte er sich auch gewiss in dem Gewusel verlaufen. Kurz nach der engsten Stelle des inzwischen überdachten Marktes, gerade als Thomas befürchtete, in eine Sackgasse zu laufen, weitete sich der Gang und gab den Blick auf eine Autos befahrene Strasse frei. Von hier aus konnte er den steil aufragenden Turm des Bajoke II erblicken. In dem Gebäude befand sich unter anderem ein Hotel, und von dem Hoteleingang aus konnte man einen separaten Fahrstuhl zu dem Panorama-Restaurant und einer Aussichtsterrasse erreichen.
Thomas kaufte sich ein Eintritts-Ticket und liess sich in die Höhe katapultieren. Der Fahrstuhl hielt erst in der 78. Etage. Hier, vom Restaurant aus, hatte man einen unglaublichen Blick über die Stadt. Fasziniert ging Thomas an den Fenstern entlang und betrachtete Bangkok aus der Vogelperspektive. Er machte unzählige Fotos und konnte sich überhaupt nicht satt sehen an diesem Anblick. Immer wieder entdeckte er neue Details, neue Gebäude, riesige Strassenknoten, Parkanlagen und Sportarenen. Ein Thailänder in schickem Anzug, der Thomas schon längere Zeit lächelnd beobachtet hatte, trat an ihn heran und erklärte ihm den Weg zur Aussichtsplattform. Ein weiterre Fahrstuhl und anschliessend eine nackte Betontreppe führten dort hinauf. Als Thomas durch die Tür ins Freie trat, wehte ihm ein starker Wind um die Ohren. Die Plattform war ein ringförmiger Eisenkäfig mit einem Metallboden, der sich langsam, quietschend und bebend um die Turmspitze drehte. Dabei gab er Thomas keineswegs das Gefühl von Sicherheit, welches er in dieser Höhe gerne gehabt hätte. Obwohl er über die Statik solcher Gebäude gut Bescheid wusste, verstärkten lange, tiefe Risse in den Wänden noch sein mulmiges Gefühl, so dass er es vorzog, wieder sicheren Boden unter die Füsse zu bekommen. Architektonisch zeigte der Wolkenkratzer sehr wohl eine hervorragende Leistung, aber von der Bauausführung war Thomas so nicht restlos überzeugt.
Nach mehr als drei Stunden stand Thomas nun wieder unten auf der Strasse und machte sich langsam auf den Weg in Richtung Tanon Petchburi, diesmal aber nicht durch den Markt, sondern durch eine sehr ruhige Nebenstrasse. Dort entdeckte er auch ein richtiges kleines Kaffee, wo er einen ganz vorzüglichen Cappuccino genoss.
Jetzt bringe ich erstmal meine Beute ins Hotel, dusch mir den Grossstadt-Dreck aus dem Körper und dann geht´s zur Abendgymnastik in den Lumpini-Park, sagte er sich nach dieser wohltuenden Stärkung.
Thomas war in Siegerlaune, als er von dem Portier durch die Glastür ins Hotelfoyer geleitet wurde.
»Sawadee krap«, kam ihm übermütig über die Lippen, Guten Tag, der erste Satz, den er von Khun Bom gelernt hatte.
Khun Bom stürmte aus einer Ecke auf Thomas zu, zerrte ihn an seinem Ärmel und schob den verdutzten Kerl an der Rezeption vorbei durch eine schmale Holztür in einen neonbeleuchteten Raum. Kein Lächeln, keine witzigen Sprüche.
Autor Andreas Tietjen
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Was als ein erholsamer Badeurlaub auf der Ferieninsel Phuket geplant war, entwickelte sich für den Hamburger Architekten Thomas Defries zu einer turbulenten „Road-Story“ quer durch Thailand, bis in den äussersten Nordosten des Landes, den Isaan. Ein Junkey, ein cholerischer Manager, ein thailändischer Hotelboy und, nicht zuletzt, eine Gangsterbande aus Bangkok kreuzen dabei ständig ihre und seine Wege. Dem deutschen Autor Andreas Tietjen gelingt es, seine Leidenschaft für Thailand in dieser „Story“ in einer packenden Geschichte umzusetzen.