Aung San Suu Kyi wird 80

​Tiefer Sturz einer Freiheitsikone 

Aung San Suu Kyi wurde laut Militärjunta aus dem Gefängnis in den Hausarrest verlegt – hier bei einem früheren Auftritt in Tokio. Foto: epa/Franck Robichon
Aung San Suu Kyi wurde laut Militärjunta aus dem Gefängnis in den Hausarrest verlegt – hier bei einem früheren Auftritt in Tokio. Foto: epa/Franck Robichon

NAYPYIDAW: Einst war Aung San Suu Kyi das Idol einer ganzen Generation. Für ihren Freiheitskampf in Myanmar wurde sie mit Preisen überschüttet. Dann kam der tiefe Fall. Auch mit 80 Jahren bleibt sie in Haft.

Ihr 80. Geburtstag wird für Aung San Suu Kyi vermutlich genauso fern von der Welt und einsam vorübergehen wie so viele andere zuvor. Die Friedensnobelpreisträgerin aus Myanmar sitzt in Einzelhaft in einem Gefängnis in der Hauptstadt Naypyidaw, weggesperrt von einer brutalen Militärjunta. Besuch darf sie, abgesehen von ihren Anwälten, nicht empfangen. Aller Voraussicht nach auch nicht an ihrem runden Geburtstag am Donnerstag (19. Juni).

Den Generälen war die Beliebtheit der zierlichen Frau beim eigenen Volk schon immer ein Dorn im Auge. Dennoch erreichte sie spät ihr Ziel, das Land zu führen: Ab 2016 war sie fünf Jahre lang De-facto-Regierungschefin und musste sich mit dem Militär arrangieren. Im Ausland büßte sie in dieser Zeit ihr gefeiertes Image als Freiheitsikone ein, weil sie die Gräueltaten der Armee an der muslimischen Minderheit der Rohingya relativierte und nie öffentlich verurteilte.

Seit sie bei einem Putsch der Generäle vor mehr als vier Jahren entmachtet wurde, ist Suu Kyi fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden. In einem Schauprozess wurde sie wegen angeblicher Vergehen zu mehr als 30 Jahren Haft verurteilt. Obwohl das Strafmaß um wenige Jahre verringert wurde, kam das «lebenslänglich» gleich.

Spekulationen um Gesundheitszustand

Nur sporadisch dringen Details zu ihrem Gesundheitszustand an die Öffentlichkeit. So kursierten Gerüchte, wonach sie sich bei dem verheerenden Erdbeben, das Myanmar Ende März erschüttert hatte, einen Arm gebrochen haben soll. Offiziell bestätigt wurde dies nie.

Auch ist von Zahnfleischproblemen die Rede, die es ihr teilweise unmöglich machen sollen, normal zu essen. Ihren Bitten nach ärztlicher Versorgung soll die Junta nur unzureichend nachgekommen sein.

So zerbrechlich sie auch wirkt: Aung San Suu Kyi ist eine Frau von stoischer Disziplin mit vielen Facetten - und von großem politischem Kalkül. Ein Rückblick auf ein bewegtes Leben.

Rückkehr in die Heimat

1945 in Rangun (heute: Yangon) geboren, war Suu Kyi nach der Ausbildung in Oxford und New York 1988 ins frühere Birma zu ihrer kranken Mutter zurückgekehrt. Ihr Vater Aung San hatte einst als Militärführer und Premier für die Unabhängigkeit seines Landes gegen die Briten gekämpft. Er ist bis heute ein Nationalheld. Als er 1947 während einer Kabinettssitzung ermordet wurde, war die Tochter erst zwei Jahre alt.

Aung San Suu Kyi hat für ihre politischen Überzeugungen viel auf sich genommen - auch privat. Als ihr britischer Ehemann, der Universitätsdozent Michael Aris, 1999 in Oxford im Alter von nur 53 Jahren an Krebs starb, reiste sie nicht zu seiner Beerdigung - aus Angst, danach nicht in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen.

Aufstieg zum Idol einer ganzen Generation

Einst wurde Suu Kyis Name in einem Atemzug mit Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und Martin Luther King genannt. Sie forderte Demokratie, immer ruhig, elegant und wortgewandt. Politiker und Prominente aus aller Welt standen für einen Händedruck bei ihr Schlange.

Von 1989 bis 2010 verbrachte sie insgesamt 15 Jahre völlig isoliert unter Hausarrest - und lehnte doch jeden Deal mit der Militärregierung ab. So wurde sie zum Idol einer ganzen Generation.

Weltweite Ehrungen

Für ihren Freiheitskampf wurde Suu Kyi mit Auszeichnungen überschüttet. So bekam sie 1990 den Sacharow-Preis für geistige Freiheit. Sie stand unter Arrest, aber sie schickte ihre Rede: «Es ist nicht die Macht, die korrumpiert, sondern die Angst. Die Angst, die Macht zu verlieren, korrumpiert diejenigen, die die Macht haben. Die Angst vor Machtmissbrauch korrumpiert diejenigen, die beherrscht werden.»

1991 folgte der Friedensnobelpreis. Wieder fehlte die Preisträgerin. Erst 21 Jahre später konnte sie in Oslo ihre Dankesansprache halten, in der sie einen seltenen Einblick in ihr Gefühlsleben gab: «Während meiner Tage im Hausarrest habe ich mich oft gefühlt, als wäre ich nicht mehr Teil der echten Welt.»

Der tiefe Fall

Als sie schließlich 2016 als Regierungschefin und Außenministerin an die Macht kam, blieben die versprochenen demokratischen Reformen in dem buddhistisch geprägten Land weitgehend aus. Suu Kyi zeigte selbst einen immer autoritäreren Regierungsstil. Vor allem wegen der staatlichen Diskriminierung der Rohingya und ihres Schweigens zur Gewalt gegen die muslimische Minderheit stand sie international am Pranger.

Mehr als eine Million Rohingya sind vor den brutalen Übergriffen des Militärs nach Bangladesch geflohen. In einem Völkermord-Verfahren in Den Haag sagte Suu Kyi 2019, von Genozid könne keine Rede sein, die Armee verteidige nur das Land gegen Angriffe bewaffneter Rebellen. Viele Ehrungen wurden ihr daraufhin aberkannt, nicht aber der Nobelpreis.

In der Heimat noch immer eine Ikone

Beim eigenen Volk ist Suu Kyi nach wie vor beliebt. Aber inmitten der Militärgewalt sind auch die Anhänger stiller geworden. «Suu Kyis Geburtstag ist eine eindringliche Erinnerung an die verlorenen Jahre nicht nur für die ehemalige Regierungschefin, sondern für alle politischen Gefangenen, die von der Junta aufgrund erfundener Anschuldigungen inhaftiert wurden», sagte Shayna Bauchner von Human Rights Watch (HRW) der dpa. Dass Suu Kyi seit über vier Jahren im Gefängnis sitze, zeige die völlig unzureichende Reaktion der Welt auf die Krise in Myanmar.

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