ASHTON-IN-MAKERFIELD: Die Nachwahl im Bezirk Makerfield könnte zum Wendepunkt für Premierminister Starmer werden. Zu Besuch in einer unscheinbaren Gegend, die die Zukunft der britischen Regierung in der Hand hat.
«Seit er im Amt ist, hat er nichts anderes getan, als allen anderen die Schuld zu geben und alles noch schlimmer zu machen», sagt der 56-jährige Jay mit sichtlich frustrierter Miene. Der Brite betreibt ein kleines Wollgeschäft in Ashton-in-Makerfield, wo es in Strömen regnet. Der Mann, über den Jay kein positives Wort verliert, ist der Premierminister Keir Starmer.
Seit Monaten kämpft der um sein Amt und steht parteiintern unter Druck, mehrere Minister kehrten ihm zuletzt den Rücken. Und nun könnte es für den kriselnden Premier erst richtig bitter werden.
Denn am Donnerstag findet im Bezirk Makerfield im Nordwesten Englands eine kleine, aber zukunftsweisende Nachwahl für einen Sitz im Unterhaus statt. Für die Labour-Partei geht Starmers größter innerparteilicher Rivale ins Rennen, Manchesters Bürgermeister Andy Burnham. Es gilt als sicher, dass Burnham Starmer um den Parteivorsitz herausfordern will - und dafür braucht er zunächst das Mandat im Parlament. Seine Chancen in Makerfield stehen nicht schlecht. War es das also mit der Ära Starmer?
«Im Moment ist einfach alles Mist»
Ashton-in-Makerfield ist die größte Stadt in dem Wahlbezirk, auf den am Donnerstag alle Augen gerichtet sind. Kleinere Einkaufsstraßen, Cafés und Pubs prägen das eher graue Stadtbild, hier und da hängen vereinzelt Wahlplakate.
Der Bezirk Makerfield gilt als Arbeitergegend, bestehend aus kleineren Gemeinden und früheren Bergbaustädtchen - eigentlich also die Kernwählerschaft der Sozialdemokraten. Doch die rechtspopulistische Partei Reform UK von Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage hatte dort bereits bei der vergangenen Parlamentswahl im Jahr 2024 stark abgeschnitten.
In den vergangenen Jahren habe sich viel verändert, erzählt die 28-jährige Emily, die in einem kleinen Café arbeitet. Viele Läden hätten dichtgemacht, seit dem Brexit sei ohnehin vieles schlechter geworden. Besonders die hohen Preise machen ihr zu schaffen. «Alles kostet ein Vermögen», sagt sie. Emily ist Mutter eines dreijährigen Sohnes. Schon jetzt blickt sie mit Sorge auf dessen Schulzeit. Am liebsten würde sie auswandern, erzählt sie.
Die Frustration über die Lage Großbritanniens ist hier schnell spürbar. Häufig hört man Sätze wie «Britain's broken» (auf Deutsch: Großbritannien ist kaputt). Doch den gewöhnlichen Leuten höre die Regierung ohnehin nicht zu, so der Tenor. «Im Moment ist einfach alles Mist», sagt auch die 57-jährige Passantin Catherine. Den 2024 von Starmer versprochenen Wandel vermissen viele.
Geklagt wird über hohe Rechnungen, fehlende Infrastruktur, ein marodes Sozialsystem - und: Migration. Für viele das wichtigste Thema. Es gebe zu viele «small boat migrants», heißt es oft. Gemeint sind damit Geflüchtete, die über den Ärmelkanal in kleinen Booten nach Großbritannien kommen.
Feindbild Keir Starmer
Jay, der 56-jährige Ladenbesitzer, hat jedenfalls genug von Labour. Er werde sich «ziemlich sicher» für Reform entscheiden, «weil die Labour-Partei alles vermasselt hat», sagt er. Mit seiner Meinung ist Jay nicht allein. Für viele scheint die Wahl vor allem ein Votum gegen Premier Starmer zu sein. «Ich glaube nicht, dass Keir Starmer normale Menschen versteht», meint auch die 75-jährige Rentnerin Linda, die ihre Stimme dessen Parteifreund Andy Burnham geben will.
Tatsächlich sind die Beliebtheitswerte des Premiers in ganz Großbritannien im Keller. Ein Umstand, der auch als einer der Gründe für die krachende Niederlage bei den Kommunal- und Regionalwahlen vor wenigen Wochen gesehen wird. Labour fuhr dabei zugunsten von Reform UK herbe Verluste ein.
Die Partei stehe bei der Wahl in Makerfield vor einer schwierigen Aufgabe mit «weitreichenden nationalen Auswirkungen», schreibt der Politikwissenschaftler Mark Bennister in einer Analyse. Die «ungewöhnlichen Umstände» machten die Wahl «besonders schwer vorhersehbar». «Es bleibt abzuwarten, wie die Wähler auf dieses politische Geschachere reagieren.»
Reform oder Andy Burnham
In Makerfield sehen die Prognosen für die Sozialdemokraten zumindest heiterer aus als bei den Regional- und Kommunalwahlen. Als gesichert gilt ein Sieg von Andy Burnham zwar nicht, in Umfragen liegt er jedoch meist knapp vor Reform-Kandidat Robert Kenyon.
Das liegt Beobachtern zufolge jedoch primär an den hohen Beliebtheitswerten seiner Person. Auf die Frage, wo das Kreuzchen gesetzt wird, heißt es in Ashton-in-Makerfield oft: Burnham oder Reform - aber kaum Labour oder Reform. «Hoffentlich Andy» ist das Motto vieler.
In den vergangenen Jahren schuf sich Burnham das Image eines Machers: einer, der die gewöhnlichen Briten versteht, weil er selbst einer ist. Damit gilt er derzeit als populärster Labour-Politiker im Land. «Ich bin keine Naschkatze und esse keine Kekse. Aber gebt mir jederzeit Bier, Pommes und Bratensoße», antwortete er einst in typisch britischer Arbeitermanier auf die Frage nach seinen Lieblingskeksen auf der Mütter-Plattform «mumsnet».
Sollte Burnham den Weg ins Parlament schaffen, wird es für Keir Starmer eng. Britische Medien wittern bereits, ein Sieg könnte erneut hochrangige Minister aus seinem Kabinett zu einem Rücktritt bewegen - auch, weil Burnham längst seine «Operation Downing Street» plane. Starmers bisher stoische Haltung, sich in jedem Fall einer Führungswahl zu stellen, könnte damit bröckeln - und seine Ära ein jähes Ende finden.