Kein Chaos nach Flugverbot für 737 Max

​Boeing unter Druck

Foto: epa/Robin Utrecht
Foto: epa/Robin Utrecht

FRANKFURT/MAIN (dpa) - Die Unglücksmaschine Boeing 737 Max fliegt nur noch über Amerika. Die umfassenden Flugverbote in Asien und Europa haben zunächst nicht zu einem Chaos geführt. Doch das Misstrauen gegen die Amerikaner wächst.

Das weitgehende Flugverbot für das Mittelstreckenflugzeug Boeing 737 Max hat zunächst kein Chaos ausgelöst. Während in Nordamerika nach dem Absturz von Addis Abeba weiterhin Flüge mit dem noch neuen Flugzeugtyp stattfanden, standen die Jets in Europa und Asien weitgehend am Boden.

Der Hersteller Boeing wie auch die nordamerikanische Luftfahrtbehörde FAA stehen wegen des Festhaltens an der Betriebsgenehmigung zunehmend in der Kritik. Auslöser der Flugverbote war der Absturz einer Maschine der Ethiopian Airlines, bei dem am Sonntag 157 Menschen ums Leben gekommen waren. Der Crash ähnelte einem ersten Unfall mit der 737 Max vor einigen Monaten in Indonesien mit 189 Toten.

Europa, weite Teilen Asiens und zuletzt Kanada haben den Flugzeugtyp mit einem Startverbot belegt. Mindestens 240 der seit 2017 rund 370 ausgelieferten Maschinen stehen inzwischen am Boden. An den deutschen Flughäfen gab es am Mittwoch für die Passagiere nur geringe Einschränkungen. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt waren von dem am Dienstag verhängten europaweiten Flugverbot lediglich zwei Flüge betroffen, in anderen Städten gab es gar keine Auswirkungen.

Die Flugschreiber der verunglückten Boeing sollen zur Analyse nach Europa und nicht wie eigentlich üblich ins Herstellerland USA geschickt werden, teilte die Fluggesellschaft Ethiopian Airlines mit. Die sogenannten Blackboxes zeichnen den Sprechfunk im Cockpit sowie alle Flugdaten auf, um die Unglücksursache klären zu können.

Nach Einschätzung von Experten sind derzeit ausreichend Ersatzflugzeuge und Reserven vorhanden, so dass größere Störungen im Flugbetrieb verhindert werden können. Das erst 2017 eingeführte Modell sei noch nicht so stark im Markt vertreten, sagte der Airline-Berater Gerd Pontius der Deutschen Presse-Agentur. «Wir befinden uns noch in der Wintersaison, in der es ausreichend Flugzeuge gibt», meinte auch Gerald Wissel von der Airborne-Beratung. Sollte sich das Flugverbot bis in die Osterferien ziehen, werde es jedoch erste spürbare Kapazitätsprobleme geben, meinte der Experte.

Der Tui-Konzern will den Ausfall seiner Boeing-737-Max-8-Flotte vor dem Oster-Reiseverkehr mit Charter-Flugzeugen ausgleichen. Zur Frage möglicher Kompensationszahlungen für den Ausfall wollte sich das Unternehmen nicht äußern. Die vom Hersteller Boeing in Aussicht gestellten Updates für eine Steuerungssoftware werden in den nächsten Tagen erwartet und sollen dann auf die Bordcomputer geladen werden.

Die hoch verschuldete norwegische Fluggesellschaft Norwegian pocht bereits auf Schadenersatz. Es sei offensichtlich, dass die Kosten, die durch das vorübergehende Startverbot für brandneue Flugzeuge entstünden, von denjenigen getragen werden müssten, die diese Maschinen hergestellt hätten, sagte ein Unternehmenssprecher der Deutschen Presse-Agentur. Norwegian versuche, die Ausfälle mit anderen Flugzeugen, Umbuchungen und möglichst wenig Unzulänglichkeiten für die Passagiere aufzufangen. Nach Berechnungen des Analysehauses Bernstein verliert Norwegian jeden Tag mehr als 750 000 Euro, wenn die Max-Flugzeuge am Boden bleiben.

Lediglich in Nordamerika stellte sich die zuständige US-Luftfahrtbehörde FAA hinter den Boeing-Konzern und sprach zunächst keine Startverbote aus. Laut US-Medienberichten soll es ein Telefonat zwischen Boeing-Chef Dennis Muilenberg und US-Präsident Donald Trump gegeben haben, in dem das Unternehmen gegen ein Startverbot votiert habe. Flugbegleiter und US-Politiker protestierten und warben dafür, baugleiche Maschinen vorsichtshalber am Boden zu lassen.

Für den Boeing-Konzern könnte das jüngste Unglück weitaus mehr als nur eine Imagekrise bedeuten. Die 737-Max-Serie ist der gefragteste Flugzeugtyp des Airbus-Rivalen. Der zweite Absturz einer neuen Boeing Maschine binnen weniger Monate hatte wachsende Zweifel am Markt ausgelöst. Bei andauernden Problemen mit dem Kassenschlager könnten somit auch massive Umrüstungskosten und Geschäftseinbußen drohen. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte in den Tagen nach dem Unglück deutlich ab. Boeing beharrt auf der Verlässlichkeit der in die Kritik geratenen Baureihe. «Wir haben volles Vertrauen in die Sicherheit», teilte der Konzern mit.

Die Airlines hätten ihrerseits kein Interesse an einem Ende der Geschäftsbeziehungen zu Boeing, sagte Wissel. Konkurrent Airbus könnte auf der einen Seite keine zusätzliche Aufträge erfüllen und außerdem in eine Monopolstellung geraten und die Preise diktieren. «Die Airlines haben ein hohes Interesse an einem funktionierenden Wettbewerb. Schnelle Abbestellungen wird es bei Boeing nicht geben.»

In Äthiopien wie auch in Indonesien war eine relativ neue Boeing 737 Max 8 kurz nach dem Start im Steigflug verunglückt. Bei dem indonesischen Crash vermuten die Experten, dass eine für den Flugzeugtyp entwickelte Steuerungssoftware eine entscheidende Rolle gespielt haben könnte. In den USA gab es bereits im vergangenen Jahr zwei dokumentierte Berichte von Piloten über Unregelmäßigkeiten, die die Crews in der kritischen Startphase überrascht haben.

Am Absturzort bei Bishoftu in der Nähe der Hauptstadt Addis Abeba versammelten sich am Mittwoch Angehörige der Opfer und Diplomaten. Beim Anblick des teils verkohlten Trümmerfeldes weinten viele Menschen. Wegen der laufenden Untersuchungen war allerdings ein Teil des Absturzortes abgesperrt. Ein Sprecher der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines hatte am Dienstag gesagt, dass Experten sicher viele Tage brauchen würden, um die sterblichen Überreste der Opfer zweifelsfrei zu identifizieren.

Tui: Boeing-Flugverbot kostet pro Woche drei Millionen Euro

Den weltgrößten Reisekonzern Tui kostet der Flugstopp seiner Mittelstreckenflugzeuge vom Typ Boeing 737 Max nach eigenen Angaben rund drei Millionen Euro pro Woche. Betroffen seien alle 15 Maschinen, sagte ein Tui-Sprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatte das «Handelsblatt» über die zusätzlichen Kosten berichtet. Zur Flotte des Konzerns gehören 14 Flugzeuge des Typs Boeing 737 Max 8, die in Großbritannien und den Benelux-Staaten auf Strecken zu den Kanaren oder den Kapverden im Einsatz sind. Eine weitere Maschine wurde erst kürzlich nach Brüssel überführt.

Wegen zweier Abstürze von neuen Boeing 737 Max 8 binnen weniger Monate waren wachsende Zweifel an der Sicherheit des Flugzeugtyps angekommen. Diese führten zu Flugverboten rund um den Globus. Zu den Ausnahmen gehören die USA, wo die Luftfahrtbehörde FAA die Zuverlässigkeit der Maschinen bisher als gegeben ansieht.

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 14.03.19 10:50
Nun ist auch die USA für den Flieger
gesperrt. Es wird geklärt werden müssen, aus welchen Gründen die Hinweise der Piloten, die über Unregelmäßigkeiten in der Startphase berichten hatten, nicht gründlich ausgewertet wurden.