Katz und Mausspiel um das Leben zweier Burmesen

Samui Gericht entscheidet heute über Berufung im Doppelmord von Koh Tao

Die beiden zum Tode verurteilten Gastarbeiter aus Myanmar: Zaw Lin und Wai Phyo während ihrer Verhandlung vor dem Provinzgericht Koh Samui im Sommer 2015.
Die beiden zum Tode verurteilten Gastarbeiter aus Myanmar: Zaw Lin und Wai Phyo während ihrer Verhandlung vor dem Provinzgericht Koh Samui im Sommer 2015.

KOH SAMUI/BANGKOK: Lässt das Provinzgericht Koh Samui heute die Berufung gegen das Todesurteil im Doppelmordfall von Koh Tao an das Oberste Thailändische Gericht (Supreme Court) zu? Laut Recherchen der ‚Bangkok Post‘ muss genau die Kammer, die am 24. Dezember 2015 das Urteil gegen die burmesischen Gastarbeiter Zaw Lin und Wai Phyo verhängt hatte, zustimmen.

Der Mord an zwei britischen Rucksacktouristen am Sairee Strand von Koh Tao in der Nacht des 15. September 2014 hatte monatelang weltweit die Schlagzeilen internationaler Medien gefüllt. Hannah Witheridge (24) und ihr ebenfalls britischer Urlaubsbekannter David Miller (25) waren erschlagen am Rama V Felsen des Sairee Beach aufgefunden worden – das Mädchen aus Nordengland war laut späteren forensischen Untersuchungen mehrfach und von mindestens zwei Männern vergewaltigt worden.

In der Vagina des Mordopfers wurden damals Spuren gesichert und nach wochenlangem Ermittlungschaos und der Verhaftung zweier burmesischer Gastronomie-Hilfsarbeiter am 1. Oktober 2014 schließlich DNA-Abgleiche gemacht und den beiden Festgenommenen Übereinstimmungen zugeschrieben. Bis heute beteuern Zaw Lin und Wai Phyo ihre Unschuld, sprechen von durch Folter erzwungenen Geständnissen. Einen offiziellen burmesischen Übersetzer gab es während der ersten Polizeiverhöre nicht. Außerdem wurden die Beschuldigten laut Verteidigung niemals über ihre Rechte aufgeklärt und darauf hingewiesen, dass sie als Mordverdächtige vernommen wurden.

Genau auf diese Punkte stützt sich die letzte Berufung vor dem Supreme Court Thailands. Außerdem wird die auch von internationalen Gerichtsmedizinern als unsachgemäß bewertete DNA-Analyse und Dokumentation als Hauptgrund für eine Aufhebung der verhängten Todesstrafe angeführt. Strafverteidiger Nakhon Chomphuchat aus Bangkok, auch ein bekannter Menschenrechtsaktivist und Mitglied des Lawyers Council von Thailand, hatte schon während des drei Monate andauernden Prozesses von Juli bis Oktober 2015 von ‚ungeheuerlicher Ermittlungsschlamperei‘ und ‚einseitiger Schuldzuweisung‘ der Anklagebehörde gesprochen. Diese habe bei ihrer Arbeit nie andere mögliche Tatverdächtige ins Kalkül gezogen.

Dass nun ausgerechnet die Kammer auf Koh Samui, die beim Schuldspruch ausschließlich der Beweisführung der Staatsanwaltschaft gefolgt war über die Zulassung der Berufung entscheidet, wird von internationalen Beobachtern mit großer Skepsis bewertet. Gestern hatte Rechtsanwalt Amphorn Sungthong für die beiden Burmesen einen Tag vor Ablauf der Berufungsfrist die 319 Seiten umfassende Dokumentation des Widerspruchs vor dem Gericht Koh Samui vorgelegt. Ihm wurde mitgeteilt, er möge sich bis heute, Dienstag, gedulden. Das Gericht sei zu beschäftigt.

Sollte das Gericht auf Koh Samui den Widerspruch abweisen, muss die gesamte Prozedur von neuem eingeleitet werden: neuerliche Begründung der Verteidigung, weshalb das verhängte Todesurteil juristisch anzufechten ist, neue Argumente und möglicherweise neue Beweise. Der Doppelmordfall von Koh Tao kann sich so noch weitere Monate hinziehen. Ein abschließendes rechtskräftiges Urteil, wie von Thailands Polizeiführung vor Wochen behauptet worden war, gibt es bis heute nicht.

Fotos: Gruber
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Alois Amrein 23.08.17 19:57
Sehr guter Bericht
Der Artikel von Sam Gruber würdigt den Sachverhalt ausführlich und kompetent. Er zeigt klar auf, wie die thailändische Justiz (nicht nur) in diesem Fall "funktioniert". Hauptsache, es werden ausländische Sündenböcke gefunden und vorverurteilt. Gut ist, dass durch den Fall internationales Aufsehen (und nicht zum Vorteil von Thailands Justiz) erreicht wurde, vielleicht ist dadurch eine Wendung zum Besseren möglich. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Hansruedi Bütler 22.08.17 15:40
"Ein abschließendes rechtskräftiges Urteil, wie
von Thailands Polizeiführung vor Wochen behauptet worden war, gibt es bis heute nicht." So funktioniert ein Rechtsstaat! Aber ein Todesurteil wurde "vorsichthalber" gefällt! Sicher ist sicher.
Ingo Kerp 22.08.17 14:25
Never ending story. Sehr traurig.