BARCELONA: Barcelona feiert den vor 100 Jahren gestorbenen Antoni Gaudí und sein Lebenswerk, die Sagrada Família. Die «Bibel aus Stein» lockt jährlich Millionen Besucher an. Und jetzt kommt auch noch der Papst.
Wenn Papst Leo XIV. am 10. Juni zum Grab Antoni Gaudís in die Krypta der Basilika Sagrada Família in Barcelona hinabsteigt, dann ehrt er dort einen Bruder im Geiste.
Wie der «gute Amerikaner» Robert Prevost war auch der Architekt des heutigen Wahrzeichens von Barcelona von Demut und tiefem Glauben geprägt, trat für die Armen ein, ehrte die Natur als Ausdruck göttlicher Harmonie und lebte bescheiden ohne jeden Prunk.
Wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinander liegen können, musste Gaudí jedoch am eigenen Leib erfahren: Als er 1926 auf dem Weg zum Gebet in einer Kirche von einer Straßenbahn angefahren wurde, wollte dem Schwerverletzten zunächst niemand helfen, weil man den ärmlich gekleideten Architekten für einen Bettler hielt.
Tod im Armenkrankenhaus
Drei Tage später starb Gaudí am 10. Juni 1926 in einem Armenkrankenhaus im Alter von 73 Jahren. Geehrt wird er nun von einem Papst, der bei seiner Afrika-Reise im April dazu aufrief, die Würde auch der Menschen zu achten, denen heute oft Hilfe verweigert werde. Migranten dürften nicht schlechter als Haustiere behandelt werden, forderte das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken.
Gaudís Lebenswerk, die Sagrada Família, war bei seinem Tod nach der Grundsteinlegung 1882 erst zu rund 15 Prozent fertig. Krypta und Apsis-Außenwand waren erbaut, die Geburtsfassade teilweise, vier Türme halbfertig.
Gaudí selbst sagte auf Fragen zur Fertigstellung: «Mein Kunde hat keine Eile.» Das gilt bis heute und die Vollendung des Monumentalbaus wird erst für die 2030er Jahre erwartet.
Der spanische Bürgerkrieg war für die Sagrada Família verheerend
Der Bau konnte nach Gaudís Tod nur unter großen Schwierigkeiten fortgesetzt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg ab 1936 wurde zudem sein Atelier zerstört, die Baupläne, Gipsmodelle und Zeichnungen gingen größtenteils verloren.
Architekten, die noch mit ihm gearbeitet hatten, halfen, aus Bruchstücken der Modelle und Fotos die Entwürfe zu rekonstruieren, wobei Gaudís mathematisch bestimmte Entwürfe diese Aufgabe erleichterten.
Gaudí vermied die gerade Linie, denn die «gehört zum Menschen, die krumme Linie gehört zu Gott», soll er der Überlieferung nach gesagt haben. Die Säulen im Inneren ähneln Bäumen, die sich zur Decke hin verzweigen und einen steinernen Wald bilden.
Das Licht der bunten Glasfenster wandert von Grün für Geburt bis zu Rot, was Leiden und Tod symbolisiere. Gaudí sprach von «mystischem Licht». Trotz der Anlehnung an die Natur wirken die Räume zum Teil wie nicht von dieser Welt. So könnte das Innere des Marienturms die Kulisse für einen Science-Fiction-Film abgeben.
Die Finanzierung des Kirchengebäudes erfolgt allein durch Spenden und Eintrittsgelder - 2025 kamen knapp 4,9 Millionen Besucher und sorgten für Einnahmen in Höhe von 134,5 Millionen Euro. Damit ist die Basilika das meistbesuchte Bauwerk Spaniens.
Lace ist mit Frau und Tochter aus Vietnam angereist. «Wir sind katholisch und vor allem wegen der grandiosen Architektur hier, aber auch aus religiösen Gründen», sagt der junge Mann. Jessica aus dem US-Bundesstaat Tennessee sieht das ähnlich. Atemberaubend sei die Basilika.
Segen und Fluch zugleich
Doch der Erfolg hat seinen Preis. Das Viertel rund um die Kathedrale erstickt unter Touristenmassen. Mieten steigen, Anwohner werden verdrängt, Wohnraum weicht Touristenunterkünften, kleine Geschäfte werden zu Souvenirläden umgewandelt.
«Gerade jetzt kaufen die Leute mehr als sonst», sagt Alex aus Nepal, der am Eingang seines überwiegend mit Gaudí- und Barcelona-Nippes aus China gefüllten Ladens steht.
Carmen hingegen ist genervt. «Ich brauche eine halbe Stunde, um die paar Blocks zu einem Supermarkt zu kommen, so viele Touristen sind ständig unterwegs», klagt die Verkäuferin in einem kleinen Laden für mexikanische Lebensmittel. «Und wegen des Papstes werden bestimmt noch mehr Urlauber kommen», fürchtet sie.
George aus Rumänien hingegen hat es selten eilig. Er sitzt auf dem Pflaster vor einem Café, im weißen Pappbecher vor seinen Füßen ein paar Münzen, auf der anderen Straßenseite die Basilika. «Wenn ich Glück habe, komme ich auf sieben Euro am Tag», erzählt der Mann, der auf Pappen in einem Park nächtigt. «Die Leute geben zurzeit weniger, ist halt Krise», fügt er achselzuckend hinzu.
Gaudís ursprüngliche Idee einer Kirche als «Bibel aus Stein» als Trost für die des Lesens oft unkundigen Arbeiter und ihre Familien, die während der Industrialisierung unter unsäglichen Bedingungen schufteten, ist in Vergessenheit geraten.
Eintrittskarten ab 26 Euro müssen heute rund zwei Wochen im Voraus gekauft werden, und wer zu den kostenlosen Messen in die Kirche möchte, muss sich besser ein paar Stunden vorher anstellen.
«Als Kind war ich mit meinen Eltern oft in der Sagrada Família, aber heute ist das wegen der vielen Touristen viel zu schwierig», klagt die 55-jährige Katalanin Nuria, die in der Nähe von Barcelona wohnt.
Durch Kreuz aus Deutschland jetzt die höchste Kirche der Welt
Der Jesus-Turm im Zentrum der Basilika erreichte im Februar mit der Aufsetzung des begehbaren Doppelkreuzes die endgültige Höhe von 172,50 Metern. Das weithin sichtbare Doppelkreuz aus Stahl und Glas wurde in Deutschland gefertigt. Seither ist die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt - ein Titel, den bisher das Ulmer Münster innehatte.
Noch heißt es «Erhebet den Blick»
Für die Öffentlichkeit wird das fast 100 Tonnen schwere Kreuz voraussichtlich ab 2027 zugänglich sein und dann einen atemberaubenden Rundblick auf die Mittelmeermetropole erlauben.
Noch aber wird unter anderem an den Aufzügen gearbeitet und die Menschen müssen getreu dem Motto des Papstbesuches in Spanien («Erhebet den Blick») vom Straßenniveau aus zur neuen Spitze Barcelonas aufschauen.
Selbst der Papst, der den Turm nach der Messe symbolisch einweihen und segnen wird, darf noch nicht hinauf.