​Gericht bestätigt: Alte DNA kaum mehr verwertbar

Gestern um 9 Uhr bei ihrer Vorführung: Zaw Lin und Wai Phyo gehen in Fußketten in den Gerichtssaal. Weil die Verhandlung bis in die späte Nacht ging, mussten sie auch im Gefängnis in Eisen schlafen.
Gestern um 9 Uhr bei ihrer Vorführung: Zaw Lin und Wai Phyo gehen in Fußketten in den Gerichtssaal. Weil die Verhandlung bis in die späte Nacht ging, mussten sie auch im Gefängnis in Eisen schlafen.

KOH SAMUI: Das wilde Tauziehen um noch vorhandene oder verschwundene DNA-Spuren im Koh Tao-Doppelmordprozess ist gestern Abend geklärt worden. Die Schwurkammer des Provinzgerichtes Koh Samui bestätigte, dass nur noch drei Beweismittel auf DNA getestet werden können.

Es handelt sich dabei um die mögliche Mordwaffe, eine neben einer Mülltonne am Strand gefundene blutige Gartenhacke, einen Schuh sowie fünf Säcke. Weitere ehemalige DNA-haltige Beweismittel seien ‚finished‘ – auf Deutsch nach der Untersuchung nicht mehr verwertbar oder zerstört. Die Verteidigung sprach von einem Skandal. Nun könnten sich die Angeklagten bei einer Neuuntersuchung von Tatort-DNA nicht mehr ausreichend verteidigen.

Das Gericht hat gestern zu später Stunde die unabhängige Neuexaminierung der noch vorhandenen DNA durch Thailands leitende Forensikern Dr. Pornthip Rojanasunand erlaubt. „Viel gibt es da nicht mehr zu testen“, erklärte der sichtlich verärgerte britische Berater des Verteidigerteams, Andy Hall. Der Aktivist der Menschenrechtsorganisation ‚Reprieve‘ hat durch monatelange Aufrufe in Medien und Spendensammlungen erst die aufwendige Verteidigung der Beschuldigten Burmesen Zaw Lin und Wai Phyo ermöglicht. Alle sieben Verteidiger des Thai Lawyer Council arbeiten honorarfrei.

Beim gestrigen Verhandlungstag wurde der leitende Polizeiermittler der Region 8 aus Surat Thani von der Verteidigung hart attackiert. Der Polizeimajor musste im Zeugenstand fehlerhafte Spurensuche und –aufnahme eingestehen. Er sagte aus, sein Team, das am 15. September um 10 Uhr erstmals mit einem Helikopter auf Koh Tao gelandet sei, habe nach australischem sowie FBI-System am Tatort gearbeitet. Bei der hartnäckigen Befragung durch die Verteidigung kamen allerdings möglicherweise schwerwiegende Schlampereien ans Tageslicht.

Auch der Pathologe des Forensischen Institutes des Polizeigeneral Hospitals Bangkok wurde von der Verteidigung bis 19.30 Uhr in die Mangel genommen. In seinem Untersuchungsbericht fehlen viele Detailfotos der ermordeten Hannah Witheridge und von David Miller, Zudem konnte sich der untersuchende Chefpathologe auf Befragung an manche Details der Untersuchung nicht mehr erinnern. Er entschuldigte dies mit „fehlendem Budget“ für weitreichendere Dokumentationen.

Die Familien von Hannah und David sind heute Morgen von Koh Samui abgereist und fliegen über Bangkok zurück nach England. Ob sie im August noch einmal zur Verhandlung nach Thailand reisen, ist offen. Der Vater und Bruder von Hannah Witheridge brachen bereits gestern Vormittag ihren Gerichtsbesuch ab, als Details der Vergewaltigung Hannah’s mit Fotos im Gerichtssaal präsentiert wurden. Es steht nun eindeutig fest: Hannah Witheridge ist von mindestens zwei Männer vergewaltigt worden und lebte dabei noch. Erst nach der Tat wurde sie mit einem spitzen schweren Gegenstand erschlagen und ihr Gesicht dabei so zugerichtet, dass sie nicht mehr erkennbar war.

Der Prozess wird am 21. Juli fortgeführt. Die Verteidigung hat in den ersten drei Verhandlungstagen mit aggressiver Befragung aller Zeugen der Anklage erkennbar erste Zweifel geschürt. Dennoch wiegt das von der Staatsanwaltschaft angekündigte Hauptbeweismittel schwer. Demnach soll bei der Auswertung von DNA aus dem Körper der geschändeten jungen Britin Übereinstimmung mit der DNA beider Tatverdächtiger festgestellt worden sein. Der Zeuge zu diesem vielleicht entscheidenden Fakt ist bislang noch nicht einvernommen worden.

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Alois Amrein 13.07.15 00:57
Testfall für die thailändische Justiz
Dieser Prozess wird dank der grossen internationalen Resonanz zum Testfall für die Glaubwürdigkeit der thailändischen Polizei- und Justizbehörden. Was diese bisher an Beweisen vorgelegt haben, ist alles andere als überzeugend, es bestehen grosse Zweifel, dass die beiden verhafteten burmesischen Arbeiter die wirklichen Schuldigen sind oder einfach als Sündenböcke vorgeschoben wurden. Die Qualität der von der thailändischen Polizei geführten Ermittlungen genügt internationalen Standards nicht weist namhafte Mängel auf, wie bereits vor dem Prozess offensichtlich wurde.