Das gelbe Buch

Bürokratie gibt’s in jedem Land der Welt. In einem ordentlichen Staatswesen muß alles, was die Menschen tun, durch Gesetze und Vorschriften so geregelt sein, daß auch die Dümmsten ihre Chance haben und niemand tun kann was er will. Die Bürokratie soll die Bevorzugung oder Benachteiligung Einzelner durch willkürliche Entscheidungen verhindern und dafür sorgen, daß sich alle an die gleichen Spielregeln bzw. Gesetze halten müssen.

In der Praxis sieht es aber meist ganz anders aus. Man muß schon einen relativ hohen IQ-Wert haben, um sich im Dschungel der Bürokratie zurechtzufinden. Und was eigentlich dazu dienen sollte, alle behördlichen Vorgänge nach dem gleichen Schema ablaufen zu lassen, dient häufig dazu, einen den Launen des hinter dem Schalter Sitzenden ausgelieferten Antragsteller Hürdenläufe ausführen zu lassen. Das ist, wie gesagt, in jedem Land der Welt so, aber in Thailand hat man dieses Instrument zur Vollendung entwickelt.

Wie jeder, der in dieses Land zieht, bald am eigenen Leibe erfahren wird, besteht eines der größten Probleme für jeden Farang darin, die logischen Grundlagen des Thai-Denkens nicht nachvollziehen zu können. Und schon deshalb ist der Versuch, den Sinn behördlicher Entscheidungen nachvollziehbar erfassen zu können, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Es gibt viele Hürden, die sich dem arglos bei einer Behörde aufkreuzenden Farang hier in den Weg stellen, und das Verzwickte an der Geschichte ist, daß die Hürden je nach Laune des Schalterherrschers auf- oder abgebaut werden können. Oft kann man diese Hürden mit einem entsprechend großen Bakschisch in der Hand leicht überspringen, manchmal handelt es sich aber auch um eine generelle oder persönliche Antipathie gegen den Farang-Antragsteller. Bei manchen Ämtern geht irgend etwas ohne Probleme, und genau das gleiche macht woanders erhebliche Schwierigkeiten, oder geht gar nicht.

Es gibt viele Beispiele, die ich hier anführen könnte, aber ich will mich auf ein Problem beschränken: das verflixte gelbe Buch!

In Thailand gibt es kein Personenstandsregister wie bei uns, sondern jeder Thai ist dort, wo er wohnt, in einem kleinen blauen Heft, dem "Tabien Bahn”, auf deutsch dem Hausbuch eingetragen. Das Hausbuch wird erstellt, sobald ein neu errichtetes Haus beim Amphoe angemeldet wird. In dieses Buch werden alle Bewohner des Hauses eingetragen. Wenn jemand den Wohnsitz wechselt, wird er aus dem alten Buch ausgetragen und in ein neues Buch eingetragen. Das Hausbuch dient bei jedem Behördengang, aber auch bei Wahlen, Einrichtung eines Bankkontos usw. als Nachweis, daß man hier einen festen Wohnsitz hat und ordnungsgemäß gemeldet ist.

Da man nun, wie schon angeführt, bei jedem Behördengang und auch bei anderen Anlässen in Thailand seinen Wohnsitz nachweisen muß, erleichtert es alle Dinge auch für den Farang, wenn er an Hand eines solchen Hausbuches diesen Nachweis führen kann. Wer hier fest seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat, der wird sich also tunlichst darum bemühen, in das Hausbuch seines Hauses eingetragen zu sein und damit den Wohnsitznachweis führen zu können. Hier hat die Thai-Bürokratie aber gewisse Hürden aufgebaut:

Farangs sind eine andere Sorte Menschen, und sie gehören nicht zusammen mit den Thais in das blaue Hausbuch, sondern für sie gibt es spezielle gelbe Hausbücher. Diese sind zwar bis auf die Farbe absolut identisch mit den blauen, nur den Thais vorbehaltenen Hausbüchern, aber allein die Tatsache, daß diese Kategorie Menschen in einer eigenen Gruppe erfaßt und registriert wird, zeigt doch wohl, daß da ein gewisser Unterschied zu den echten Einwohnern dieses Landes besteht. Um nun in den Besitz eines solchen Hausbuches zu gelangen ist, wie bei allen Thaibehördengängen, eine Menge bedrucktes und abgestempeltes Papier erforderlich. Was im einzelnen hier vorzulegen ist, sollte zwar bei allen Amphoe, wo so ein Papier beantragt werden muß, gleich geregelt sein. Die Erfahrung zeigt aber, daß es hier, je nachdem, wo man diesen Antrag stellt, doch erhebliche Unterschiede gibt. Die Mindestanforderungen, die wohl überall zu erbringen sind, dürften die folgenden sein:

1. Kopien aller Seiten des Passes mit wichtigen Einträgen.

2. Von der Botschaft beglaubigte Übersetzungen dieser Passeinträge in Thai.

3. Ein halbes Dutzend Passbilder.

4. Zwei bis drei glaubwürdige Thai-Bürgen, die bezeugen, daß man ein anständiger Farang ist und tatsächlich in dem angegebenen Haus wohnt (am besten der Bürgermeister oder ein höherer Polizist).

5. Ein Lebenslauf (in Thai natürlich), der vor allem Angaben darüber enthält, was man seit seiner Ankunft in Thailand getrieben hat und wieviel Einkommen man hat.

Zusätzlich können dann je nach Amphoe verlangt werden:

6. Evtl. Heiratspapiere.

7. Gesundheitszeugnis.

8. Andere Unterlagen nach Gusto des Sachbearbeiters.

Soviel zu der vorgeschriebenen Prozedur. Da wir nun aber in Thailand leben und als Farang beim Verkehr mit den Behörden nicht auf für alle Bürger gültige Rechtsvorschriften pochen können, sondern versuchen müssen, mit der Vorstellung zurechtzukommen, die der jeweilige Beamte von den die Farangs betreffenden Vorschriften hat, kann man aus den Foren und in Leserbriefen die abenteuerlichsten Stories hören, die Expats passiert sind, die sich getraut haben, bei ihrem zuständigen Amphoe für die Ausstellung eines solchen Dokumentes vorstellig zu werden.

Da gibt es Leute, die – so wie ich – in Begleitung des Dorfbürgermeisters und des Abtes (nach einer deftigen Spende für das Kloster natürlich) dort aufgekreuzt sind und nach einem 3-stündigen Papierkrieg und 6-fachem Unterschreiben aller Unterlagen stolz im Besitz des gelben Buches abgezogen sind. Da gibt es andere, die berichten, daß sie wieder nach Hause geschickt wurden, weil der (beglaubigte) Übersetzer den Umlaut "֔ im Paß mit "O” übersetzt hatte, und das, obwohl in den ebenfalls vorgelegten Heiratspapieren alle Angaben in Thai-Schrift vorhanden waren. Und da gibt es einen Bekannten von mir, der nach ordnungsgemäßem Einreichen aller Unterlagen monatelang immer wieder zum Amphoe lief, um sein fertig ausgefülltes gelbes Buch abzuholen, und immer wieder mit der Auskunft abgespeist wurde, das Buch sei noch nicht von der Provinzverwaltung zurückgeschickt worden. Als nach ein paar Monaten der Sachbearbeiter wechselte, fand sein Nachfolger das Buch plötzlich unten in seiner Schublade; es hatte den Amphoe nie verlassen!

Ein wichtiger Punkt sei hier noch erwähnt. In das gelbe Hausbuch (in dem alle Eintragungen in Thai sind und deshalb vom normalen Farang sowieso nicht gelesen werden können) wird außer den Namen und Vornamen von Vater und Mutter auch der Status des Farangs eingetragen, also entweder Hausbesitzer oder Hausbewohner. Da in der Regel das Haus vom Farang gebaut und bezahlt wurde, sollte man bei der Ausstellung des Buches versuchen, als Hausbesitzer eingetragen zu werden. Inwieweit die eigene Frau damit einverstanden ist und dabei hilft, das allerdings muß jeder selbst herausfinden, auch wenn ihm dabei vielleicht einige Illusionen abhanden kommen.

Man sieht also, der Versuch, als hier ansässiger Farang ein gelbes Hausbuch und damit eine überall vorzeigbare Wohnsitzbescheinigung zu ergattern, ist gar nicht so einfach und erfordert sowohl einige Kenntnis von Thai-Behördengängen wie auch eine gehörige Portion Geduld. Immer an den thailändischen Stossseufzer und Tröster in allen Lebenslagen denken: "Chai Yen, Chai Yen", frei übersetzt ungefähr "ruhig Blut, ruhig Blut"

Günther Ruffert

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