Blutverlust nach der Geburt

Messung soll Zahl toter Frauen mindern

Eine hochschwangere Frau fasst sich mit beiden Händen an ihren Bauch. Foto: Felix Heyder/dpa
Eine hochschwangere Frau fasst sich mit beiden Händen an ihren Bauch. Foto: Felix Heyder/dpa

Oxford: Die Müttersterblichkeit ist vor allem in reicheren Ländern immens gesunken - gefährlich bleibt eine Geburt dennoch. Allein übermäßige Blutungen nach der Geburt betreffen weltweit 27 Millionen Frauen jährlich, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet. Fast 43.000 sterben demnach - was einem Tod alle zwölf Minuten entspricht. Mit angepassten Empfehlungen soll gegengesteuert werden. Vor allem soll bloßer Augenschein durch exaktes Messen ersetzt werden.

Sogenannte postpartale Blutungen - häufigste Ursache der Müttersterblichkeit weltweit - treten der WHO zufolge bei 12,6 Prozent der natürlichen Geburten und 30,9 Prozent der Kaiserschnitt-Geburten auf. Sie seien ein Wettlauf gegen die Zeit: Verzögerungen während der Versorgung – von der Diagnose über die Behandlung bis hin zum Zugang zu Blutprodukten – entschieden oft darüber, ob eine Frau überlebt. «In einer Zeit wirksamer Medikamente, einfacher Diagnosemittel und eines evidenzbasierten Behandlungspakets sollte keine Frau an einer postpartalen Blutung sterben, weil Hilfe zu spät kam.»

Auch hier eine der Hauptursachen für Müttersterblichkeit

Todesfälle gibt es vor allem in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, während sie in wohlhabenden Ländern mit guter medizinischer Versorgung selten geworden sind. Auch in der westlichen Welt sei die postpartale Blutung aber eine der Hauptursachen der Müttersterblichkeit, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Und selbst wenn sie nicht zum Tod führt, kann sie der WHO zufolge erhebliche gesundheitliche Folgen haben: schwere Blutarmut, Organversagen und langfristige psychische Traumata. Unter Umständen muss die Gebärmutter entfernt werden.

Als häufige Ursachen für die Komplikation nennen die Experten die sogenannte Uterusatonie, bei der sich die Gebärmutter nach der Geburt nicht genügend zusammenzieht, Verletzungen des Genitaltrakts, eine verzögerte oder unvollständige Ablösung der Plazenta und Blutgerinnungsstörungen. Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem Mehrlingsschwangerschaften, Kaiserschnitt, starkes Übergewicht der Mutter und die Verstümmelung des weiblichen Genitals.

Medizinisch unnötige Kaiserschnitte verhindern 

Um einer postpartalen Blutung vorzubeugen, werden oft Medikamente verabreicht, die die Gebärmutter - auch Uterus genannt - dazu anregen, sich zusammenzuziehen. Neben solchen Uterotonika gebe es andere Ansätze, um die Blutungen zu verhindern oder zumindest den Schweregrad abzumildern, heißt es in der Reihe vorgestellter Studien zum Thema. Unter anderem die Behandlung von Blutarmut sowie die Verhinderung medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnittgeburten sind demnach solche Maßnahmen. Vielfach würden diese Möglichkeiten noch nicht ausreichend genutzt.

In einem der Beiträge im Fachjournal «The Lancet» wird auf eine Studie aus dem vergangenen Jahr verwiesen, der zufolge bei der Abschätzung des Blutverlusts bei einer Geburt durch das medizinische Personal etwa 52 Prozent der Fälle von postpartaler Blutung übersehen werden. Die Experten plädieren für eine exaktere Bestimmung der Blutmenge, um solche Fehleinschätzungen zu verhindern - etwa mit Geburtstüchern mit Blutauffangbeutel.

Wie viel Blut ist zu viel Blut?

Das könne bei einer schnelleren Diagnose helfen, was wichtig sei, weil jede Verzögerung den Zustand verschlimmern und schwerer behandelbar machen kann. Nach WHO-Empfehlung sollte schon ein Blutverlust ab 300 Millilitern in Verbindung mit nicht normalen Vitalparametern wie Atmung oder Herzschlag als Kriterium für die Diagnose «postpartale Blutung» gelten.

Im deutschsprachigen Raum wird die PPH der DGGG zufolge derzeit als ein Blutverlust von mindestens 500 Millilitern nach vaginaler Geburt oder mindestens 1.000 Millilitern nach einem Kaiserschnitt definiert. Unabhängig vom sichtbaren Blutverlust müsse bei klinischen Zeichen eines hämorrhagischen Schocks von einer PPH ausgegangen werden.

Tausende Frauenleben ließen sich retten

In «The Lancet» verweisen die Experten auf eine WHO-Studie von 2023 über den Erfolg eines Maßnahmenbündels namens «Motive»: «Indem sichergestellt wird, dass jede Frau mit postpartaler Blutung sofort eine Uterusmassage, ein Uterotonikum, Tranexamsäure sowie intravenöse Flüssigkeitszufuhr erhält und die Blutungsquelle untersucht wird, können medizinische Fachkräfte das Fortschreiten zu einer lebensbedrohlichen Blutung drastisch - um bis zu 60 Prozent - reduzieren», hieß es.

Durch die entsprechende Ausstattung von Entbindungseinrichtungen, die Stärkung des Gesundheitspersonals und die großflächige Einführung bewährter Maßnahmen könnten der WHO zufolge jedes Jahr tausende Menschenleben gerettet werden.

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