Wenn Gleichgültigkeit Leben und Touristen kostet

Beispiel Koh Samui: Profit geht vor Sicherheit und die Behörden schauen zu

Die Show muss weitergehen: Partys wie hier in der berühmten Ark Bar am Chaweng Beach „brummen“ beim jungen Publikum und Risiken sowie Katastrophen werden einfach verdrängt. Fotos: Gruber
Die Show muss weitergehen: Partys wie hier in der berühmten Ark Bar am Chaweng Beach „brummen“ beim jungen Publikum und Risiken sowie Katastrophen werden einfach verdrängt. Fotos: Gruber

KOH SAMUI: Zugegeben. Weltweit sterben Menschen im Straßenverkehr. Zugegeben: Auch in Australien gibt es jedes Jahr tödliche Begegnungen durch Quallen-Plagen im Meer. Zugegeben: Morde an Touristen sind in Thailand und auf Koh Samui statistisch keine hohe Hausnummer. Zugegeben: Gemessen an den Millionen von Urlaubern wiegt die Zahl der toten Urlauber bei Wassersport- oder Abenteuer-Aktivitäten keine Tonnen. Dennoch: Weshalb lässt einen Langzeitresidenten – und den journalistischen Beobachter – das Gefühl nicht mehr los, dass der Tod auf Koh Samui schneller heranrückt als er sollte?

Verkehrsüberwachung in Lipa Noi: Kameras rund um die Insel produzieren Bilder, die keiner auswertet.
Verkehrsüberwachung in Lipa Noi: Kameras rund um die Insel produzieren Bilder, die keiner auswertet.

Saskia T. (20) aus Göttingen ist das jüngste Opfer eines Unglücksfalles im Inselarchipel. Die junge Abiturientin war mit ihrer gleichaltrigen Freundin am Lamai Strand kurz ins Meer gegangen. Ihr einziger Fehler: Sie setzten sich am 6. Oktober gegen 19 Uhr in das seichte Wasser, ohne auch nur zu ahnen, dass genau zu dieser Zeit eine gefährliche Quallenart dort auftauchte. Eine nur Sekunden dauernde Berührung mit den Tentakeln der „Würfelqualle“ sorgte für massive brandartige Wunden an Beinen und Armen der Urlauberin. Noch am Strand trat aufgrund des gefährlichen Nesselgiftes der Würfelqualle der Tod durch Atemlähmung ein.

Vermutlich ist dieser Fall symp­tomatisch für die Nachlässigkeit thailändischer Behörden im Umgang mit abstrakten Gefahren für Touristen – weil er nicht symptomatisch für die Haupttodesart ist – das bleiben tödliche Verkehrsunfälle. Er spiegelt umso deutlicher die Ignoranz wieder, wenn sich die Ursache eines Todesfalles in die Kategorie Eigenverschulden verschieben lässt, in diesem Land gleichbedeutend mit „nicht-thai-bedingt“. Kaum ein Thailänder würde nach Einbruch der Dunkelheit freiwillig ins Meer gehen. Das würden Europäer auch nicht, wenn sie um die Gefahren wüssten…

Besondere Bedeutung kommt diesem (noch) einmaligen Zwischenfall mit der tödlichen Würfelqualle zu, wenn man weiß, dass lokale Fischereiverbände und die Marinepolizei sehr wohl über Fachverstand und Beobachtungsgabe verfügen. Ihnen kann das gehäufte Vorkommen dieser subtropischen Nesseltiere vor den Küsten der Inseln Samui und Phangan Anfang Oktober nicht entgangen sein. Das Problem war bekannt: Weshalb dennoch im Einzugsbereich des Unglücks und entlang aller Strände kaum ein nennenswertes Warnschild zu sehen war, bleibt ein Mysterium.

Würfelquallen vor Lamai Beach gesichtet

Wenige Tage nach dem Tod von Alice Gehlen: Die Safaritouren gehen weiter und das tödliche Risiko fährt mit.
Wenige Tage nach dem Tod von Alice Gehlen: Die Safaritouren gehen weiter und das tödliche Risiko fährt mit.

Der Präsident des Samui Jetski Clubs, Witthaya Suksom, schickte am Morgen nach dem Todesfall seine Mitglieder raus aufs Meer. Diese entdeckten vor Lamai „jede Menge von Würfelquallen“ und alarmierten erst dann die zwischenzeitlich bereits offiziell alarmierte Marine Polizei. Es war, wie so oft in Thailand, die späte Reaktion auf die fatale Aktion.

Dass erst am Nachmittag des 7. Oktober halbwegs vernehmbare Warnungen durch die Inselbehörden herausgingen und dann die Nachricht durch die erschreckte Touristengemeinde schwappte, sorgte immerhin für Unmut mit Aufmerksamkeitsfaktor. Wie wäre es Saskia T. und ihrer Freundin ergangen, wenn statt halbherziger kleiner Warnschilder dieselbe Information an ihren Hotelier und die umliegenden Strandbarbetreiber weitergegeben worden wäre? Ein vo­rausschauendes Erkennen eines tödlichen Risikos: ein professioneller Schutz der Urlauber, die mit den örtlichen Gegebenheiten nicht vertraut sein können, ihre Gastgeber aber sehr wohl.

Der Unfalltod der 27-jährigen Alice Gehlen am 5. August beim Namuang Safari Park trägt auch etwas von dieser „touristischen Naivität und Ahnungslosigkeit“ in sich. Die Düsseldorferin stieg gutmütig auf einen Safari-Tourjeep des Unternehmens „Samui Offroad Tours“. Sie und ihre Freundin waren vom Personal thailändisch-charmant mit Engelszungen überredet worden. „Kommt mit, es kostet nur 100 Baht, ansonsten müsst ihr den steilen Anstieg zum Wasserfall zu Fuß gehen.“

Alice und ihre Cousine wischten alle Bedenken beiseite. Der Tourführer half ihnen noch hinauf in die aufgeschweißte Sitzkonstruktion über der Fahrerkabine. Zehn Minuten später war Alice Gehlen tot. Erdrückt von dem Toyota Pickup, der sich im Gelände durch die Nachlässigkeit des Fahrers überschlagen hatte.

Jedem sind die rasanten Safari-Jeeps auf Koh Samui schon aufgefallen. Mit kreischenden Touristen auf den umgebauten Sitzbänken im Heck der Fahrzeuge, vor allem aber durch die wahnwitzig gefährlichen Ausguckplätze über dem Dach. Die „Bangkok Post“, Thailands meistgelesene englischsprachige Zeitung, hat diese akute Gefährdung der Touristen durch einheimische Tourbetreiber und ihre Profitgier ungewöhnlich offen angeprangert.

Einen Tag nach dem Würfelquallen-Tod: Polizisten patrouillieren am Strand – viel zu spät.
Einen Tag nach dem Würfelquallen-Tod: Polizisten patrouillieren am Strand – viel zu spät.

Der Verfasser eines doppelseitigen Sonderbeitrages deckte auf, dass nicht eines der Fahrzeuge laut thailändischer Straßenverkehrsordnung für Safaritouren zugelassen ist. Die zuständige Verkehrsbehörde in der Provinzhauptstadt Surat Thani habe niemals auch nur einen dieser Offroad-Jeeps aus Koh Samui gesehen, geschweige denn offiziell abgenommen. Die Betreiber dieser einträglichen Gebirgssafaris schreiben ihre eigenen Regeln. Einen Tag nach dem Tod von Alice Gehlen sah man die weißen Jeeps wieder über die Inselstraßen fegen und halsbrecherisch durch Koh Samuis Bergwelt kurven. Örtliche Medien und auch die Behörden wagen es nicht, gegen einflussreiche Familien vorzugehen.

Über „normale Unfalltote“ ist nicht nur im Magazin DER FARANG so häufig berichtet worden, dass sich in unserer Redaktion Diskussionen verselbständigen, ob wir besser schweigen sollten, um den Betriebsfrieden der thailändischen Tourismusbranche nicht penetrant zu stören. Welchen Nachrichtenwert hat der 75. tödliche Unfall auf Koh Samui oder in Pattaya noch? Sollten wir es nicht so halten wie die Verantwortlichen in unserem Gastgeberland: Unfälle als unvermeidlich ansehen, Unfalltote als Selbstschuldige und die verlockende Aussicht auf eine Wiedergeburt in ein neues Leben als Trostpflaster?

Von den Behörden kommt nur wenig

Wer mit Angehörigen eines getöteten Touristen Kontakt gehabt hat, ihren Schmerz und ihre Ohnmacht erlebte und ihr Unverständnis über die unbeschreibliche Realitäts­ignoranz – der kann diese Frage beantworten. „Ja, wir müssen berichten, aufgrund der journalistischen Aufklärungspflicht und auch deshalb, weil das ein oder andere Leben durch bessere Informationen und entsprechende Vorsicht bewahrt werden könnte.“

Von thailändischen Behörden, ob Polizei oder Inselverwaltung, Tourismusverbänden oder der für ihre Aufräumpraxis hochgelobten Armee, kommt wenig bis weniger. Auf Koh Samui befindet sich eines der aufwendigsten CCTV-Überwachungszentren des Südens. Rund um die Insel sind Kameras stationiert. Wenn nur einer der Verkehrsüberwacher die Bilder des täglichen Verkehrsrowdytums auswerten würde, er könnte Hunderte von Fahrern identifizieren und für lange Zeit aus dem Verkehr ziehen. In erster Linie die Taxi-, Songthaew- und Minibusfahrer, die ungeachtet ihrer menschlichen Fracht fahren, als hätten sie den Teufel im Nacken und Suppenwürfel geladen.

Diesen Ansatz gibt es nicht und auch keine entsprechende Richtlinienkompetenz. Polizisten wachen wie sporadisch eingesetzte Gralshüter über behelmte Fahrsamkeit. Eher seltener als oft, aber wenn, dann bilden sich stets lange Schlangen vor der Polizeibox. 300 Baht Bußgeld zahlen und anschließend weiter die Fahrt für den Tag ohne Sturzhelm fortsetzen. Dass Thailänder, westliche Residenten und Urlauber diese Art der Freiheit als selbstgegeben akzeptieren und als Errungenschaft preisen, trägt mit zu einer der schlimms­ten Verkehrstotenstatistiken weltweit bei.

Die Zahl der tödlichen Unfälle auf Koh Samui ist erschreckend.
Die Zahl der tödlichen Unfälle auf Koh Samui ist erschreckend.

Die Nebenwirkung von tödlichen Unfällen und sich merkwürdig häufenden ungeklärten Morden an Touristen trifft seit einigen Jahren alle. Den thailändischen Hotelier ebenso wie den Schweizer Restaurantbesitzer, den engagierten Betreiber einer deutschen Tauchschule oder die fingerfreundlichen Damen der Massagesalons. „Why this year no farang?“ – Warum gibt es diesen Sommer so wenige westliche Touristen? Weshalb geben die gepriesenen Qualitätstouristen aus China und der ehemaligen Sowjet­union ihr Geld nicht bei uns aus wie früher die netten Urlauber aus Deutschland?

Der Versuch, die Gründe zu erklären, die wirtschaftliche Krise in manchen Herkunftsländern der Urlauber, ihre Sicherheitsbedenken aufgrund der geballten Negativschlagzeilen, es mutet an wie eine Karussellfahrt. Unten der Versuch, oben die Unerreichbarkeit durch Argumente, unten wieder Thailands bequeme Verdrängung. Dass „mai pen rai“ (das wird schon wieder/ die Red.) keine Toten wiederauferstehen lässt und der sinnlose Blutzoll die Lebensqualität aller zersetzt, ist für unsere Gastgeber kein Bild des Verständnisses.

Wenn nicht einmal die Regierung Thailands mit ihrer Tourismusministerin nachhaltige Schritte einleiten kann, wenn sich staatliche Tourismusverbände in prozentualer Wundermathematik üben und mit Durchhalteparolen ihre eigene Stimmung mehr anfeuern als den Tourismus – dann ist die Endlichkeit des Booms auf den Inseln nur noch eine Frage der Zeit.

Im Sommer 2015 auf Koh Samui konnte der Beginn einer möglichen Hiobs-Ära mit sinkenden westlichen Urlauberzahlen beobachtet werden. Auf Phuket und in Pattaya sah es ähnlich öde aus. Die Guten gingen zuerst. Viele werden nicht wiederkommen. Die Lebenden nicht und schon gar nicht die Toten.

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KA 25.12.15 23:35
Gefahr Dengue Fieber
Vor Würfelquallen wird man jetzt am Strand gewarnt, die Verkehrssituation sieht man gleich und kann selbst entscheiden, ob man ein Moped mieten möchte. Ich hätte mir auch mehr Info gewünscht über die Gefahr von Dengue Fieber, zb dass die Mücken tagaktiv sind und man sich ganztags also auch nach dem Schwimmen mit Mückenschutz einreiben sollte. Ich war schon öfter in Thailand, war früher sogar als Reiseleiterin für Reiseveranstalter stationiert. Auch während der Regenzeit, auch auf Koh Samui. Dass Dengue Fieber so häufig geworden ist, wusste ich nicht.
Bei Ankunft am Samui Airport erhält zwar jeder Gast einen kleinen Mückenspray mit einer Info in thai. Der Spray war gut, leider hab ich ihn hauptsächlich abends verwendet, so hat mich eine infizierte Mücke erwischt hat. Nachdem die Einstichstelle sich länger immer wieder infiziert, weiss ich im Nachhinein dass die Mücke mich an einem Morgen vor einem Ausflug nach Koh Tao gestochen hat. Das Fieber ist gottseidank erst nach Rückkehr in Wien ausgebrochen. Die Krankheit ist heftig und lässt zukünftige Reisepläne überdenken, da man Dengue nicht unbedingt ein zweites mal kriegen sollte. Sicher sind Warnungen dem Tourismus nicht förderlich, aber etwas Info in englisch würde wohl doch einige Urlauber dazu veranlassen ganztags Mückenschutz aufzutragen und damit eine Dengue Infektion zu vermeiden.
Sitting Bull 31.10.15 13:59
Da ich kein zahlender Leser bin.....
habe ich erst jetzt das Vergnuegen gehabt den Artikel komplett zu lesen. Den Nagel auf den kopf getroffen....doch: Ehrlicherweise muss man auch den ansonsten immer gut informierten(wenns um Partys oder Preise geht) Touristen unbedingt eine Teilschuld einraeumen. Der Wahnsinn des Verkehrs auf Samui ist ja durchaus kein Geheimniss. Es grenzt schon an Schwachsinn , wenn sich hier Leute ein bis zu 8 PS Starkes MOTORRAD mieten, meist ohne jede Fahrpraxis und ohne Fuehrerschein. Was da oft an Fahrmanoevern zu sehen ist ist einfach unglaublich. NIEMAND muss sich das antun. Aber Geiz ist halt geil. Das Muttertier als Heckaufprallschutz, den Kleinsten als Airbag vorn und den Junior in der Mitte. Unzaehlige Male hab ich das so gesehen. Das dann noch ohne jede Fahrpraxis im Linksverkehr. Das ist selbst nach Tahi Gesetz VERBOTEN. Auch fahren ohne Fuehrerschein ist solange ok wie nichts passiert. Die Konsequenzen nach einem Unfall (erloschene Versicherungen etc) koennen absolut ruinoes sein. Also hier muss einfach auch festgestellt werden, das Touristen aus dem Westen, wenn" freigelassen" , scheinbar jedes Mass verliehren. Ignoranz , Selbstueberschatzung , Alkohol/Drogen, Hitze und einfach nur Dummheit duerfte fuer die Masse der Unfaelle verantworlich sein in die Auslaender verwickelt sind. In Thailand duerfen Sie NICHT ohne internationalen oder lokalen Motorradfuehrerschein fahren. Tuen Sie es dennoch, haben Sie alle Konsequenzen als SCHULDIGER zu tragen. Das sollte sich jeder Tourist hinter die Ohren schreiben. Kann man auch ueberall nachlesen, so man will. WER KEINEN GUELTIGEN FUEHRERSCHEIN HAT IST IMMER SCHULD IN THAILAND! Wer seine Kinder als Airbag missbraucht , sollte einen Arzt aufsuchen! Hier ist Selbstverantwortung angesagt! Schon mal gehoert? Scheinbar ist diese im ueberregulierten Europa vollkommen verkuemmert. In Tahiland gilt die Regel des Nicht Massregelns. NIEMAND wird Ihnen die Regeln erklaehren. Niemand sie auf Gesetze hinweisen. Hier ist Jeder fuer sich selbst verantwortlich und muss alle Konsequenzen selbst tragen!
Jürgen Franke 26.10.15 12:26
Herr Gruber
Sie prangern die Gleichgültigkeit der Behörden korrekterweise an. Ich gehe aber davon aus, dass Sie auch einmal die Gelegenheit nutzen, bei einem Gespräch mit einem Botschafter diese Themen persönlich anzusprechen. Dem "Normalsterblichen" bleibt lediglich der E-Mail Kontakt.
Sitting Bull 23.10.15 15:51
Nochmal
Guten Tag Allerseits. Ich habe Freunde in Surrathani, die heute Luftmessungen durchfuerten. Werte zwischen 160-196 Microgramm Staub /qm wurde da gemessen. Es ist davon auszugehen , das diese Werte derweil doch stark gesundheitsgefaehrdend sind. Auf Samui duerfte es schon rein optisch nicht viel anders aussehen. Nur mal zur Information. Freunde aus Had Yai berichten von Kopfschmerzen, Ueberlkeit und Erbrechen. Schoene Aussichten sind das.
Sitting Bull 23.10.15 15:51
Lieber Herr Gruber
Bisher habe ich noch keinen Kommentar gelesen, der Ihre lesenswerten, mutigen Artikel als "Schwachsinn" bezeichnete. Weiter so.

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