Lotus-Seide - ein edler Stoff

Einer der ungewöhnlichsten Stoffarten der Welt

Foto: epa/Pyae Sone Aung
Foto: epa/Pyae Sone Aung

Bis heute ist das Geheimnis um die Herkunft der Seidenherstellung sagenumwoben. So soll die Seide schon seit rund 5.000 Jahren in China und Indien bekannt gewesen sein. In China werden gleich drei legendäre Erfinder der Seidenherstellung genannt, die alle um 3.000 v. Chr. gelebt haben sollen: der gottgleiche Kaiser Fu Xi, der gottgleiche Kaiser Shennong und Xiling und die Gattin des gottgleichen Kaisers Huang Di. Was auch immer stimmen mag, die bisher ältesten Seidenfunde stammen immerhin aus der Zeit um 2.750 v. Chr., so dass die alten Legenden erstaunlicherweise sogar etwas Wahrheitsgehalt haben dürften. Die erste Kleidung aus edler Lotus-Seide trug man also in China und Indien.

In der Anfangszeit wurden Gewänder aus Seide nur für den Kaiserhof und Adel kontrolliert hergestellt, später wurde es ein Luxusexportschlager, der über die berühmte Seiden-Strasse gehandelt wurde. Etwa im 1. Jahrhundert vor Christus gab es so u.a. bereits im Römischen Reich eine regen Seidenhandel, aber die Chinesen hatten das Geheimnis der Seidenherstellung gut gehütet, und die Meinungen vieler Römer, das die Seide wohl ein Baumgewächs eines Seidenbaumes oder eine wollartige Substanz aus den Wäldern sei, wurde von den Chinesen natürlich in jeder Hinsicht bejaht. Aber den gebildeten Römern war auch die Koische-Seide bekannt, so dass diese schon die Ähnlichkeit und die mögliche identische Herstellung erkannten. Der große Erfolg der chinesischen Seide war es, das sie gegenüber der Koischen-Seide reiner, dünner und leichter war, und die chinesische Webtechnik mit ihrer Farb- und Musterauswahl konkurrenzlos wurde. Seide war im römischen Reich ein beliebter aber auch teurer Luxus-Artikel, jedoch waren die seltenen Seidenarbeiten aus Lotus-Seide fast unbezahlbar. Der römische Geschichtsschreiber Florus gibt einen der ersten Hinweise über einen besonderen Seidenstoff, der vermutlich schon die Lotus-Seide als Wasserseide beschreibt:

„...Die Seidenkleider sind sehr beliebt bei den Reichen und es gibt einen Wettbewerb unter den Frauen, wer wohl den feinsten durchsichtigsten Seidenstoff trägt, der weder Körper noch Anstand verbirgt…die so dünn sind, das ein Ehemann nicht mehr Kenntnis vom Körper seiner Frau hat als ein Fremder…doch die Serer (Bezeichnung für Chinesen) kennen auch das Geheimnis der Wasserseide, ein Stoff, der noch feiner und noch durchsichtiger ist als die feinste Seide, aber es der Anstand verbietet, dies öffentlich zu tragen…der hohe Preis machte manche Männern zu Bettlern…die Händler hüten es wie einen Schatz..."

Auch das Geheimnis der Lotus-Seidenherstellung ist sagenumwoben, und hat vermutlich seinen Ursprung zunächst in Indien. Die alte indische Göttin Lakshmi wird in einem edlen Sari aus Lotusseide dargestellt. Alte Legenden behaupten sogar, dass die Lotuspflanze ein göttliches und reines Geschenk an die Menschen war, weshalb sie wegen ihrer Eigenschaften bis heute als göttlich, heilig, rein aber auch als Blume des Buddhismus bezeichnet wird. Im Hinduismus und im indischen Nationalepos Mahabharata wird Manu als ein Stammvater der Menschen bezeichnet, und bisher soll es 14 Manus gegeben haben. Manu Vaivasvata gilt als erster Herrscher der Menschen und soll ihnen viele Fertigkeiten gelehrt haben, so u.a. den Schiffsbau, das Bestellen der Felder und Viehzucht, die Bearbeitung von Metall und das Weben.

So erzählt es die Legende „...aus dem See der Millionen Lotusblumen brachte Manu Vaivasvata die Ernte zu den Menschen…dann holte er glänzende feine Fäden aus dem Herzen des Lotus heraus, verband diese auf wunderbare Weise zu einem Faden und lehrte es ihnen, daraus ein Garn höchster Güte zu machen…für das Geheimnis des Webens machten die Menschen zum Dank Stoffe für die Götter…wer das Geheimnis der Herstellung nicht kannte, dem zerbrach jeder Faden…nur der Flügel eines Schmetterlings ist feiner und leichter als der göttliche Lotus-Faden…"

Auch soll Buddha schon Gewänder aus Lotus-Seide überreicht bekommen haben, und nach ihm, hochrangige Mönche, weshalb wohl auch später der Begriff „Blume des Buddhismus“ entstand. Damit dürfte das Weben von Lotus-Seide vor etwa 2.500 Jahren schon bekannt gewesen sein.

Die heutige Bearbeitung

Die Technik, um Lotus-Seide zu bearbeiten, war schon lange in China, Indien und später in Südostasien bekannt, geriet dann teilweise und für Jahrhunderte fast in Vergessenheit, weil die Herstellung aufwendiger als herkömmliche Seide war, wird aber seit dem 19.Jahrhundert wieder zunehmend praktiziert, weil auch der Bedarf des Luxusstoffes außerhalb Asiens steigt. Das Geheimnis der Lotus-Seide sitzt im Lotus-Stängel. Am Ende der Regenzeit werden die Lotus-Stängel geerntet und müssen innerhalb eines Tages verarbeitet werden, bevor sie ihre Feuchtigkeit verlieren, denn eine ausreichende Feuchtigkeit ist das Geheimnis für die Gewinnung und Verarbeitung der Fäden. Schneidet man einen Stängel auf, sieht man deutlich die feinen Fasern die wie Spinnweben aussehen. Die Lotusfasern gehören zu den feinsten natürlichen und empfindlichsten Fasern der Welt. Um Lotus-Seidengarn am Webstuhl bearbeiteten zu können, wird es mit Reisstärke behandelt und muss regelmäßig befeuchtet werden, damit das Garn bei der Bearbeitung nicht bricht. Die Herstellung eines Lotus-Seidenfadens ist aufwendiger und arbeitsintensiver als bei herkömmlicher Seide, weshalb auch der Preis für 1 Meter Stoff ein Mehrfaches beträgt. Heute ist Lotus-Seide wegen seiner Leichtigkeit, seiner Atmungsaktivität und seiner aufwendigen Herstellung einer der teuersten Stoffe der Welt. Heute wird Lotus-Seide wieder in ganz Südostasien hergestellt.

Mit einem Online-Abonnement mehr erfahren!
Abonnieren Sie die FARANG-Onlineausgabe ein Jahr lang zu einem sehr günstigen Preis. Sie erhalten uneingeschränkten Zugriff auf alle Artikel. Zusätzlich können Sie die vollständige Druckausgabe als PDF-Ausgabe herunterladen.

Leserkommentare

Für unabhängige Themen senden Sie einen Leserbrief an die Redaktion. Allgem. Kommentardiskussion

* Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.