Die Kamera lügt nie

​Suche nach dem Fotografen historischer Aufnahmen wurde zu einem Krimi

Ausschnitt einer Panoramaaufnahme von Bangkok während der Regierungszeit Rama IV.
Ausschnitt einer Panoramaaufnahme von Bangkok während der Regierungszeit Rama IV.

Aufnahmen von Bangkok und den umliegenden Provinzen, die fast 150 Jahre alt sind, wurden bislang als das Werk des österreichischen Fotografen Wilhelm Burger betrachtet. Doch eine kürzliche Überprüfung brachte an den Tag, dass die Fotos von einem Thai stammen und die Geschichte deshalb neu geschrieben werden muss.

Das Bangkok einer vergangenen Ära kann man noch auf alten Fotografien betrachten, an die sich die Menschen schon lange gewöhnt haben. Die meisten von ihnen zeigen die bekannten und viel besuchten Bauwerke wie Wat Phra Khaeo, Wat Po und Wat Arun. Bestimmte Einzelheiten beweisen, dass sie aus den Zeiten der Regentschaft von König Rama IV. (1851-1868) oder König Rama V. 1868-1910) stammen müssen. Bislang wurde auch angenommen, dass es sich bei dem Fotografen um einen Ausländer handelte.

Doch vor kurzem kam die wahre Geschichte dieser Bilder an den Tag. Man weiss nun, dass die bisherigen Annahmen falsch waren. In ihrem Originalzustand waren sie zu Panorama-Aufnahmen zusammengefügt worden. Einige wurden vom Wat Arun in Thonburi aus aufgenommen, und sie zeigen Wat Phra Khaeo, den Grossen Palast und Wat Po. Andere, von Bangkok aus aufgenommen, zeigen das Ufer des Chao Phraya mit Wat Arun und der Gegend, in der sich heute das Siriraj-Hospital befindet.

Aufnahmen aus der Zeit Rama IV.

Das Merkwürdigste an diesen Bildern ist, dass sie von einem hohen Winkel aus aufgenommen sein müssen. Die Perspektive ist erhöht zu genau dem richtigen Punkt, um Landschaft und Gebäude am besten zeigen zu können. Es wäre unmöglich, den gleichen Effekt heute zu erreichen.

Inzwischen weiss man definitiv, dass diese Aufnahmen aus der Zeit von König Rama IV. stammen und von einem Thailänder aufgenommen wurden. Der Grund, warum man heute weiss, dass es sich um separate Aufnahmen und nicht um Panoramas handelt: Sie wurden von einem Ausländer gestohlen, der sie zerschnitt und nur die Teile wieder verwendete, die er für seine Panoramas benötigte.

Ein Resultat dieser Nachforschungen ist, dass bisherige Annahmen über die Daten bestimmter Ereignisse oder das Alter verschiedener Persönlichkeiten korrigiert werden müssen. So wurde zum Beispiel das Alter des Künstlers Khrua Inkhong und das von Sunthon Phu, Thailands grösstem Poeten, nachträglich korrigiert.

Der Verdienst, die geheime Story der Bilder aufgedeckt und damit die darauf folgenden Korrekturen veranlasst zu haben gebührt Pipat Pongrapeeporn, Direktor der Stiftung Kunst und Kultur in Bangkok. Er sammelt alte Bücher und ist ausserdem als Berater für das Auktionshaus Christie’s tätig.

Dort wurden vor ein paar Jahren einige alte Zeichnungen versteigert. Pipat lernte bei dieser Gelegenheit einen Ausländer kennen, der mit zu den grössten Buchsammlern der Welt zählt und als solcher das Pseudonym J.G.S benutzt.

Dieser besass ein Archiv mit 27 alten Fotos von Bangkok, auf denen man lesen konnte, dass sie das Werk eines westlichen Ausländers namens Wilhelm Burger waren, der im Jahr 1869 an Bord eines österreichischen Schiffes mit dem Namen „S.M. Fregatte Donau“ in Bangkok angekommen war.

Der Ratchavoradis Pier am Fluss Chao Phraya.
Der Ratchavoradis Pier am Fluss Chao Phraya.

Der Sammler wollte die Fotografien verkaufen, vorher jedoch wissen, ob die Bildtexte korrekt sind und wieviel die Sammlung zur Zeit wert ist. Pipat sagte zu, die Überprüfung durchzuführen. Einer der Gründe war, dass Pipat einige der Aufnahmen bereits im Nationalarchiv in Bangkok gesehen hatte. Die meisten von ihnen hatten keine Bildtexte, doch einige nannten als Fotografen einen Thai mit dem christlichen Namen Francis Chit und dem Thai-Namen Khunsunthonsathitlak

Francis Chit war Gerichtsfotograf während der Regentschaft von König Rama IV., und einige seiner Bilder im Nationalarchiv waren identisch mit denen in der Sammlung von J.G.S. Pipat begann sich zu wundern und wollte der Wahrheit auf die Spur kommen.

Zuerst sollte man etwas über Francis Chit wissen. Er hatte das Fotografieren bereits in der Zeit von König Rama III. von Ausländern gelernt, und zwar mit grossem Erfolg. Anschliessend ging er als Fotograf in den Öffentlichen Dienst und lernte dort Somdej Phra Pin Klao kennen, den modern denkenden jüngeren Bruder von König Rama IV. Francis Chit erreichte eine hohe Position und arbeitete mit für die damalige Zeit modernstem Gerät. Er war nicht nur fürs Gericht tätig, sondern nahm auch private Aufträge an. Man weiss nicht genau, wann er mit dem Fotografieren begann, doch existiert eine Anzeige im „Bangkok Recorder“ vom 14. Januar 1865, in der er Fotoarbeiten sowie Ansichten von Bangkok anbietet. Man weiss auch, dass er im Jahr 1891 starb, was bedeutet, dass er mehr als 20 Jahre als Fotograf tätig war.

Wenn man Fotoaufnahmen überprüft, muss man sie sorgfältig studieren und mit zeitgleichen Dokumenten wie Briefen und Zeitungsberichten vergleichen. Das ist heute leichter als früher, denn die Lupe wurde durch den Scanner ersetzt, mit dem man die Bilder beliebig vergrössern kann.

Auf einem Bild mit dem Chao Phraya und Wat Arun sah man ungewöhnlich viele westliche Handelsschiffe. Pipat zählte fast 300 Masten. Da jedes Schiff für gewöhnlich drei besitzt, musste es sich um fast 100 Schiffe handeln. Aufzeichnungen aus dieser Zeit belegen, dass im November 1864 sehr viele Schiffe nach Bangkok gekommen waren, um hier Reis zu laden, der dann in China verkauft wurde, wo zu dieser Zeit gerade eine Hungersnot herrschte. Fast 100 Schiffe waren zur gleichen Zeit gekommen, was sehr ungewöhnlich war, denn die gleiche Zahl kam sonst innerhalb eines ganzen Jahres.

Pipat überzeugte sich in der Zeitung „Bangkok Calendar“ vom 7. November 1864, die über dieses Ereignis ausführlich berichtet hatte.

Ein anderes Panoramabild zeigt den grossen Palast und Wat Po, die gerade vergrössert wurden. Auch Wat Rachapradit ist zu sehen, dass sich zu dieser Zeit im Bau befand. Die Aufzeichnungen aus diesen Jahren beweisen zweifelsfrei, dass König Rama IV. den Auftrag zu dem Neubau im Jahr 1864 erteilt hatte, und dass die Arbeiten nur zehn Monate gedauert hatten.

In diesem Moment verdichtete sich in Pipat der Verdacht, dass die Aufnahmen nicht von Wilhelm Burger stammen konnten, denn sein Schiff, die „M. S. Fregatte Donau“, hatte Bangkok erst im Mai 1869 angelaufen und war hier nur 20 Tage geblieben. Fotos vom Palast Hin Phimai sowie Bilder von Phitsanulok und Phetchaburi trugen den Hinweis, sie seien in der gleichen Zeit aufgenommen worden. Abgesehen davon, dass die angegebenen Zeiten um fünf Jahre differierten, wäre es zu dieser Zeit unmöglich gewesen, in nur 20 Tagen Aufnahmen in drei Provinzen und verschiedenen Plätzen in Bangkok zu machen. Damals reiste man schliesslich noch entweder im Boot oder mit dem Ochsenkarren. Ausserdem wäre es nötig gewesen, für Aufnahmen aus diesem hohen Winkel ein spezielles Gerüst zu bauen, was nicht nur viel Zeit und Aufwand gekostet hätte, sondern auch von höchster Stelle hätte genehmigt werden müssen.

Damit ist der Krimi perfekt. Der ausländische Fotograf hat diese Bilder von seinem thailändischen Kollegen gestohlen. Und dem Dieb war nicht bewusst, dass es sich um Panorama-Aufnahmen handelte. Der Grund, dass er behaupten konnte, die Fotos stammten von ihm, liegt darin, dass sie von so hoher Qualität waren, dass man im Westen glaubte, nur ein berühmter westlicher Fotograf sei dazu in der Lage.

Zusätzlich zur historischen Information zeigen die Bilder ganz klar, dass Bangkok auch schon vor fast anderthalb Jahrhunderten ein besonders schöner Ort war und die künstlerischen Aspekte der Fotografie von einem thailändischen Fotografen glänzend gemeistert wurden.

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