Ich behaupte, die meisten in Thailand völlig allein lebenden Rentner und Pensionäre sind Entwurzelte, aus der alten Heimat geflohen in der Hoffnung auf ein besseres Leben als bis dahin, vielleicht sogar auf ein neues, geflohen vor der raffgierigen Nachkommenschaft, die an ihr Erspartes, an ihre Rente oder an ihr Erbe wollte.
Ihre Devise: „Das können wir auch selbst verprassen.“ Und das taten sie, bzw. das tun sie noch heute. Okay, mit dem Sturm der Entrüstung, die ich mit dieser Behauptung wahrscheinlich bei einigen auslösen werde, kann ich umgehen, zumal ich die Perioden bis zur Selbsterkenntnis der Entwurzelten kenne.
Am Anfang ist alles paradiesisch. Man mailt, telefoniert oder twittert nach Hause: „Hier ist alles wunderbar. Nie habe ich mich wohler gefühlt. Gerne könnt Ihr mich hier besuchen, aber bitte auf eigene Kosten. Mein Geld brauche ich für mich selbst.“ Damit ist der Besuch der Verwandtschaft mit ziemlicher Sicherheit abgeschmettert. Opa hingegen lebt hier wie Gott in Thailand, selbst dann, wenn seine Rente vergleichsweise bescheiden ausfällt. Zuerst hat er noch dann und wann eine Thai-Freundin, aber sobald er merkt – und das dauert meistens nicht lange – dass sie mehr an seinem Geld als an ihm interessiert ist, verzichtet er auf dieses Vergnügen, das sich bei fortschreitendem Alter sowieso auf natürliche Weise erübrigt.
Er isst gut und günstig, trinkt oft mehr als ihm gut tut und trifft sich hin und wieder mit einigen Landsleuten zum Skatspielen oder zum Nörgeln in irgendeiner Kneipe. Und wenn es in der alten Heimat mal wieder so richtig kalt und unangenehm ist, dann schreibt er mit boshafter Miene vielleicht eine Ansichtskarte: „Liege in der Sonne am Meer unter schattigen Palmen und genieße das Leben.“ Sollen die zu Hause doch vor Neid platzen!
Aber die Zeiten ändern sich. Mit zunehmendem Alter melden sich alle möglichen Krankheiten, mancher muss ins Hospital oder gar operiert werden. Da kann es schon zur Katastrophe kommen, wenn es keine Versicherung gibt, die für die Kosten aufkommt. Wenn dann die Lieben in der Heimat nicht bereit sind dafür zu zahlen, ist die Einsicht nah: Ich bin allein und entwurzelt.
Ich habe einige dieser bedauernswerten Farangs kennen gelernt und mit ihnen gesprochen. Selbstmitleid beherrscht ihre Situation: „Warum tut niemand etwas für mich?“, fragen sie. Die Gegenfrage: „Was hast Du denn für andere getan?“ Schultern zucken ist die Antwort.
Ich frage mich, warum so viele Farangs dagegen anwettern, wenn ich von der Toleranz der Thais rede. „Ja,“ sagen sie, „die Thais sind tolerant solange sie unser Geld bekommen.“ – „Na, und?“ Wo ist das anders? Geld regiert die Welt. Ist es etwa in Deutschland, in der Schweiz oder in Österreich anders? Jeder versucht zu überleben und nimmt alles mit, was er bekommen kann.
Andere bleiben gesund, aber der Freundeskreis schrumpft Jahr für Jahr. Am Ende bleibt nur noch einer, an den man sich krallt, bis der irgendwann sagt, er möchte auch mal für sich sein und seine Ruhe haben. Was soll das denn? Enttäuschung macht sich breit, Frust und die bohrende Frage: Vielleicht war das gar kein Freund sondern ein beliebiger Bekannter, der nur mit einem zusammen war, weil er selbst einsam ist? Alle Illusionen sind dahin. Heim reisen? Zu wem? Mit der Familie hat man doch längst gebrochen – oder sie mit ihm. Keine Familie, keine Heimat, keinen Freund. Allein, verzweifelt und entwurzelt. Das ist das Schicksal so vieler alleinstehender Senioren, die hier auf einen erfüllten Lebensabend gehofft hatten. Noch viel schlimmer sind die dran, die schon seit Jahren hier ohne Visum leben, wie Penner rumlaufen. andere Farangs mit erfundenen Geschichten anzubetteln versuchen oder bereits ins kriminelle Milieu abgerutscht sind.
„Ja, mach nur einen Plan…“, möchte man ihnen zurufen und an das Sprichwort erinnern: Einen alten Baum soll man nicht verpflanzen. Aber sie haben es ja selbst so gewollt, ein neues, ein zweites Leben mit jungen Wurzeln, die leider ausgeblieben sind.
Fazit: Entwurzelt verdorrt jeder Baum und jeder Farang.