Besitzer als Vermieter: Autobauer aus China bringt «Mitnutz-Taste»

Foto: epa/John Sun
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BERLIN/PEKING (dpa) - Die Produktion von Fahrzeugen ist das eine, den Verkehr intelligent zu vernetzen das andere. Ein chinesischer Anbieter plant mit einem neuen Modell, das auch neue Dienste möglich macht, den großen Wurf. Hat der Volvo-Eigner Geely damit eine Chance in Europa?

Er soll der Erste einer neuen Spezies sein: «01». Schon der Modellname deutet an, dass die chinesische Automarke Lynk & Co auch in Europa Großes vorhat. Ein kompakter Hybrid-SUV, direkt kombiniert mit Digitaldiensten wie «echtem» Carsharing unter einzelnen Nutzern - kann Geely, dem Mutterkonzern von Volvo, so der Sprung auf den Weltmarkt gelingen? Das Projekt um den am Donnerstag in der «Station» am Berliner Gleisdreieck vorgestellten Wagen ist ehrgeizig. Doch die Konkurrenz schläft nicht und probt Ähnliches.

«Der «01» wird einem urbanen Publikum, das an eine kollektive Nutzung von Konsumgütern gewohnt ist, sämtliche Vorteile bringen», kündigt der Geely- und frühere Volvo-Manager Alain Visser an. Das mag etwas großspurig klingen. Aber grundsätzlich geht es durchaus um nicht weniger als die Ansage, das klassische System der Autoindustrie auf den Kopf stellen zu wollen. Die entscheidenden Punkte: eine wirkliche Verzahnung von Autobauen und -teilen sowie ein ganz anderer Vertrieb.

Bisher sind Carsharing-Kunden meist auf Flotten großer Hersteller und Vermieter wie DriveNow oder Car2Go angewiesen, bei denen man sich fest anmelden muss. Es gibt zwar auch Anbieter, die das freie Teilen von Privatwagen ins Zentrum rücken. Doch dabei handelt es sich oft noch um kleinere Start-ups, die nur vermitteln, aber nicht das Auto selbst bauen. Geely und Lynk wollen nun beides miteinander koppeln.

Zur Nutzung soll das Herunterladen einer App aufs Smartphone reichen, versprechen die Chinesen. Dann könne man im angemieteten Wagen eine «Mitnutz-Taste» aktivieren. Der private Auto-Pool werde so für jedermann zugänglich - während der Besitzer «unter Verwendung eines digitalen, gemeinsam nutzbaren Schlüssels Miteinnahmen erziele».

Ist das nun ein revolutionäres Modell? Der Branchenexperte Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft in Nürtingen-Geislingen sieht den Vorstoß aus China als «erfreuliche, wünschenswerte Initiative». Gänzlich neu sei die Idee nicht, Daimler etwa habe sich schon länger beim «Peer-to-Peer»-Carsharing-Anbieter Autonetzer engagiert.

Dieser wurde inzwischen von der französischen Plattform Drivy übernommen, die sich im Frühjahr eine neue Finanzspritze sicherte. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben 850 000 Nutzer in Europa, in Deutschland seien 5000 Autos im Angebot mit 100 000 Nutzern.

Der US-Elektroautobauer Tesla entwickelt ebenfalls eine Plattform, über die Besitzer selbstfahrende Autos zum Geldverdienen losschicken können. Das würde Fahrdienst-Vermittlern wie Uber Konkurrenz machen.

«Sie werden in der Lage sein, Ihr Auto der geteilten Tesla-Flotte hinzuzufügen, indem Sie nur einen Knopf in der Tesla-Telefon-App drücken», sagte Firmenchef Elon Musk laut Onlinedienst «electrek.co». «So kann Ihr Auto Einkommen erzielen, während Sie arbeiten oder im Urlaub sind.» Die Nutzung wird aber wohl auf Tesla-Systeme begrenzt.

Wenn der Hersteller nun gleich die Wagen dazu liefert, sei das zwar etwas anderes, erklärt Diez. «Aber das wird jetzt nicht den deutschen Automarkt umkrempeln.» Wichtiger als die Marke - das Auto ist längst nicht mehr das Statussymbol von früher - sei eine funktionierende Sharing-Infrastruktur. Die Cloud-Dienste für den Lynk «01» übernehmen Partner wie der Online-Händler Alibaba, Microsoft und Ericsson.

Europa-Offensiven haben Autobauer aus China schon öfter unternommen, bislang allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Ein erster Versuch kam 2005 vom Hersteller Jiangling, dessen Familienvan «Landwind» in Deutschland starten sollte. Bei einem ADAC-Crashtest wurden ihm jedoch gravierende Sicherheitsmängel attestiert. Schlechte Ergebnisse stoppten hier auch einen Durchbruch des BMW-Partners Brilliance. Aus solchen Fehlern lernen wollte die chinesisch-israelische Marke Qoros. Sie warb dazu auch Top-Personal von ausländischen Rivalen ab.

Die Qualität sei mittlerweile tatsächlich besser, meint Diez: «Die Chinesen haben sich erst eine blutige Nase geholt, dann ihre Lektion gelernt.» Auch Geely versichert: Der Lynk «01» verfüge «über die gleichen Standards und Technologieerfahrungen wie Modelle von Volvo».

Mit den schwedischen Ingenieuren scheint zwar sichergestellt, dass Lynk die nötige Sicherheit mitbringt. Ein Erfolg in China, wo die neue Marke 2017 vor der Einführung in Europa und den USA (2018) Punkte sammeln soll, ist aber nicht sicher: Lynk wird auf einem hart umkämpften Heimatmarkt mit abgekühltem Wirtschaftswachstum antreten.

Helfen könnte eine Absatzstrategie, die herkömmliche Methoden wie große Händlernetze und komplizierte Ausstattungs-Konfiguratoren auf die Probe stellt. Lynx führt «ein festes Preismodell für sämtliche Märkte» ein, das die Vertriebskosten um über die Hälfte drücken soll. «Die erzielte Ersparnis wird direkt an die Kunden weitergegeben.»

Noch nennen die Chinesen keinen Preis für den «01». Der Benzin-Hybrid mit 1,5 Litern Hubraum soll aber zu «wettbewerbsfähigen» Konditionen kommen. Volvo dürfte das als Ergänzung der Konzernfamilie ins Konzept passen: Die Schweden kurbelten den Absatz 2015 vor allem mit schweren SUVs an - insgesamt um plus 8 Prozent auf mehr als eine halbe Million Autos. Ein Zugpferd: das Dickschiff XC90, das auch als Roboterwagen in der US-Stadt Pittsburgh fährt. Partner hier: ausgerechnet Uber.

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