«Der kalte Blick» - Schau erinnert an NS-Verbrechen in Tarnów

80. Jahrestag des ersten Transports von Polen in das nationalsozialistische deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Foto: epa/Lukasz Gagulski
80. Jahrestag des ersten Transports von Polen in das nationalsozialistische deutsche Vernichtungslager Auschwitz. Foto: epa/Lukasz Gagulski

WIEN: «Die Zahl der Juden in Tarnów hat sich um 16.000 verringert.» Hinter dem Eintrag im Kriegstagebuch einer deutschen Kompanie verbirgt sich eines der vielen Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Die Auslöschung der Juden in dem damals deutsch besetzten polnischen Städtchen hat einen besonders perfiden Charakter. Im Vorfeld fotografierten zwei Wiener Wissenschaftlerinnen im Jahr 1942 mehr als 100 jüdische Familien und vermaßen die Schädel der insgesamt 565 Männer, Frauen und Kinder zur «Erforschung typischer Ostjuden», so der damalige Projekttitel. Die Ausstellung «Der kalte Blick» (bis 14. November) im Haus der Geschichte Österreich (hdgö) in Wien thematisiert nun den Beitrag auch von NS-Täterinnen aus der Forschung zur pauschalen Abwertung von Menschen.

Es handle sich um einen Fall, in dem zwei Wiener Wissenschaftlerinnen sich von ihren rassistischen Studien Chancen für ihre persönliche Karriere erhofften, sagte hdgö-Direktorin Monika Sommer am Dienstag. Die Schau ist eine Kooperation zwischen dem Naturhistorischen Museum in Wien, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. Dort war sie in den vergangenen Monaten wegen der Corona-Krise fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt worden. Die Schau soll nach der Station in Wien auch in Polen zu sehen sein.

Ausgangspunkt ist ein 1997 von der Kuratorin Margit Berner im Naturhistorischen Museum entdeckter Karton mit den Fotos. In jahrelanger Kleinarbeit gelang es ihr, die Todes- und Lebenswege der Porträtierten zu rekonstruieren. Nur 26 der 565 fotografierten Menschen hatten das Grauen überlebt. Die meisten Familien waren von den Nazis ausgelöscht worden. Der Verwalter des Ghettos der Stadt habe seinen 17-jährigen Sohn eigens auf seine Streifzüge mitgenommen, um ihm das Erschießen von Juden beizubringen, erinnerte der Historiker Götz Aly, der die Schau mitkuratiert hat. Als die Wissenschaftlerinnen von der Ermordung der von ihnen Fotografierten hörten, hätten sie sich gefreut: «Unser Material ist jetzt schon einmalig», zitierte Aly einen Briefwechsel der beiden Frauen.

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