Werke von «Menschen, die noch hätten leben können»

Das Museum zeigt ab dem 23. Nobember 150 Werke, die sich mit den Opfern der Psychiatrie im Nationalsozialismus beschäftigen. Foto: Uwe Anspach/dpa
Das Museum zeigt ab dem 23. Nobember 150 Werke, die sich mit den Opfern der Psychiatrie im Nationalsozialismus beschäftigen. Foto: Uwe Anspach/dpa

HEIDELBERG: Eine Hand mit Auge, Bilder von Hitler und KZ-Opfern: Unter den Nationalsozialisten wurden auch Psychiatrie-Patienten zu Opfern. Das, was sie hinterlassen haben, zeigt nun eine besondere Ausstellung.

Während ihres Aufenthalts in der Nervenheilanstalt hat Hanna Hellmann mehr als 1800 Aquarelle mit Blumenmotiven gemalt und Woche für Woche an ihre Familie geschickt: «Meine geliebte Schwester, was ich zu sagen habe, sagen die Bilder...» 1942 haben die Nazis die jüdische Heil- und Pflegeanstalt Jacoby in der Nähe von Koblenz dann geräumt. Hanna Hellmann ist mit allen anderen Patienten samt Pflegern deportiert worden. Kurz darauf wurde die 64-Jährige im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zeigt von Donnerstag bis 31. März eine Auswahl der Blumenpastelle von Hellmann mit weiteren 120 Zeichnungen und Bildern von 23 Frauen, Männern und Kindern, die als Psychiatrie-Patienten Opfer von nationalsozialistischen Verbrechen wurden. Der Titel der Ausstellung «Menschen, die noch hätten leben können» geht auf Elfriede Lohse-Wächtler zurück. Einer Künstlerin, die in der Psychiatrie den Alltag ihrer Mitpatientinnen in Zeichnungen festhielt und kommentierte: «Hier sind Menschen lebendig begraben.»

Lohse-Wächtler wurde Opfer ihrer gescheiterten Ehe und der Nazi-Psychiatrie, wie Sammlungsdirektor Thomas Röske schildert: «Ihr Mann hat sie betrogen und lässt sich mit der Begründung scheiden, dass sie unheilbar geisteskrank sei. Damit liefert er sie der Psychiatrie aus. Sie wird entmündigt, zwangssterilisiert und 1940 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet.»

Den NS-Morden an kranken und behinderten Menschen - von den Nazis als Euthanasie bezeichnet - sind schätzungsweise bis zu 300.000 Menschen zum Opfer gefallen, die Fälle von Zwangssterilisation belaufen sich auf etwa 400.000. Die Sammlung Prinzhorn macht die Schicksale hinter diesen Zahlen aus der Perspektive der Opfer sichtbar. Zeichnungen als Selbstzeugnisse von Ängsten und traumatischen Erfahrungen.

Drastisch sind sie bei Wilhelm Werner, der als Patient in der Anstalt Werneck bei Schweinfurt zwangssterilisiert worden ist und sein Schicksal in einem Bilderzyklus mit dem Titel «Siegeszug der Sterelation» (sic!) festgehalten hat. Werner wurde 1940 ermordet. Ein Anstaltswärter hat die Blätter aufbewahrt. 2008 hat die Sammlung Prinzhorn die 44 Bleistiftzeichnungen erwerben können.

Hinzugekommen sind auch Bilder von Theodor Wagemann. Als Jugendlicher hatte er in der Nähe von Aachen Schmuggler über die Grenze begleitet. Als Zollbeamte auf ihn schießen, erleidet der 15-jährige Schneiderlehrling einen Schock, hört als Folge auf zu sprechen. 1933 wird bei ihm eine Psychose diagnostiziert.

Als Patient wird Wagemann zwangssterilisiert. Seine Ermordung verhindert ein mit seinen Eltern befreundeter Arzt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1998 lebt Wagemann in Pflegeheimen und zeichnet Hunderte von Bildern, die immer wieder Hitler und andere Nazi-Größen zeigen.

Auf der Suche nach dem Unbewussten als vermeintlichem Ursprung der Kunst hat der Psychiater Hans Prinzhorn an der Universitätsklinik Heidelberg vor über 100 Jahren Arbeiten von Psychiatriepatienten gesammelt. Wegen seiner Anfragen erhielt er mehr als 5000 Zeichnungen und Werke von Menschen aus Heilanstalten. Unter dem Titel «Bildnerei der Geisteskranken» veröffentlichte Prinzhorn 1922 einen bahnbrechenden Bildband, der zu einer Art «Bibel der Surrealisten» wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff der «Outsider Art» prägen sollte.

Prinzhorn hat das alles nicht mehr erlebt, er starb kurze Zeit nach der Machtübernahme der Nazis. Die nach ihm benannte Sammlung diente den NS-Ideologen als «Vergleichsmaterial», um die Kunst der Moderne als «entartet» und «geisteskrank» zu diffamieren.

Am Ende der Nazi-Diktatur umfasst die historische Sammlung Prinzhorn über 6000 Arbeiten von 485 Patienten. Inzwischen ist der Bilderschatz durch Schenkungen und Käufe auf mehr als 40.000 Werke angewachsen.

Nach derzeitigem Stand der Forschung sind mindestens 45 der Prinzhorn-Künstlerinnen und -Künstler Opfer nationalsozialistischer Verbrechen geworden. Daran erinnern Thomas Röske und sein Team in der bewegenden Bilderschau: «Wir bemühen uns, den hier vertretenen Künstlerinnen und Künstlern mit dem Zeigen ihrer Werke ein Gesicht und eine Stimme zu geben.»

Und die Recherchen gehen weiter. Weshalb in der Heidelberger Ausstellung erstmals auch Zeichnungen von sechs Kindern zu sehen sind. Anna, Elsa, Maria Magdalena, Martin, Theodor und Wilhelm waren Patienten der Johannes-Diakonie in Mosbach und wurden im September und Oktober 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet.

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