von Rolf Bahl
Reisen – Fluch oder Segen? ist kein Wohlfühltext für Fernweh-Geplagte, sondern eine bewusst unbequeme Denkübung. Rolf Bahl stellt die Reiserei so infrage, wie man sie seit Jahrzehnten kennt – massenhaft, energieintensiv, oft gedankenlos. Schon nach wenigen Seiten wird klar: Hier schreibt keiner, der Flugmeilen sammelt, sondern einer, der den Preis dafür nüchtern bilanziert.
Im Zentrum steht die einfache, aber unangenehme Frage, ob unser heutiges Reiseverhalten angesichts begrenzter Ressourcen überhaupt noch zu rechtfertigen ist. Bahl argumentiert klar, teilweise provokant, aber konsequent. Flugverkehr, Energieverbrauch und Umweltbelastung werden nicht moralisch aufgeladen, sondern sachlich als Problem beschrieben, das sich nicht wegdiskutieren lässt.
Spannend wird das Buch dort, wo es den Blick nach vorne richtet. Statt in Kulturpessimismus zu verfallen, entwirft der Autor alternative Szenarien: virtuelle Reisen, dreidimensionale Erlebniswelten, künstliche Paradiese, sogar echte Tropenlandschaften unter Glas in alpiner Umgebung. Das klingt stellenweise futuristisch, manchmal auch bewusst überzeichnet – genau darin liegt der Reiz. Bahl zwingt den Leser, sich zu fragen, was am Reisen eigentlich zählt: die Distanz, das Ziel oder das Erlebnis.
Nicht alles wirkt sofort realistisch oder wünschenswert. Virtuelle Südseerundreisen mit synthetischen Insulanern werden sicher nicht jeden überzeugen. Doch das Buch will auch nicht fertige Lösungen liefern, sondern Denkräume öffnen. Der Gedanke, erholt aus den Ferien zurückzukehren – ohne Jetlag, Staus und Stress – trifft einen wunden Punkt.
Reisen – Fluch oder Segen? ist kein Reisebuch, sondern ein Gegenentwurf dazu. Es richtet sich an Leser, die bereit sind, liebgewonnene Gewohnheiten zu hinterfragen. Wer Bestätigung für die nächste Fernreise sucht, wird hier nicht fündig. Wer jedoch offen ist für unbequeme Fragen und ungewohnte Perspektiven, findet eine kluge, pointierte und erstaunlich aktuelle Lektüre.