Ende eines amerikanischen Traums

ein Foto erschüttert die Welt

Foto: epa/Abraham Pineda-jácome
Foto: epa/Abraham Pineda-jácome

WASHINGTON/BUENOS AIRES (dpa) - Fernab von Europa findet eine neue Migrationskrise statt, diesmal in Amerika. Ein erschütterndes Foto macht nun das ganze Elend dieser Krise deutlich - es könnte zu ihrem Symbol werden.

Es ist ein Foto, das einem das Herz zerreißt: Die knapp zweijährige Tochter hat ihr Ärmchen um den Hals ihres jungen Vaters gelegt, als suche sie seinen Schutz. Ihr Kopf ist ganz dicht neben seinem, die Gesichter sieht man nicht, weil sie unter Wasser sind. Die beiden Leichen liegen im Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA. Dort sind Óscar M. und die kleine Valeria aus El Salvador ertrunken, auf der Suche nach einem besseren Leben in den USA. Es ist das Bild der Flüchtlingskrise im Sommer 2019, das ganze Elend, konzentriert in einem Foto.

Es sind solche Bilder, die schmerzhaft ins Gedächtnis rufen, dass hinter den abstrakten Statistiken menschliche Schicksale stehen. Das Foto erinnert an das des Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, das im September 2015 die Welt erschütterte - und das zum Symbol für die Flüchtlingskrise damals in Europa wurde. Der Dreijährige aus der nordsyrischen Stadt Kobane war auf einem Boot, das vor der türkischen Halbinsel Bodrum sank, seine Leiche wurde an den Strand gespült.

Inzwischen findet eine neue Migrationskrise statt, diesmal nicht in Europa, sondern in Amerika. Jedes Jahr fliehen Hunderttausende Menschen vor Gewalt und Armut aus Guatemala, Honduras und El Salvador. Mittelamerika gilt als eine der gewalttätigsten Regionen der Welt. Mächtige Jugendbanden - die sogenannten Maras - kontrollieren ganze Stadtviertel und sind in Schutzgelderpressung und Drogenhandel verwickelt. Die erbitterten Revierkämpfe machen ein normales Leben teilweise unmöglich. Menschen müssen ihre Häuser verlassen, weil sie genau auf der Frontlinie im Bandenkrieg liegen.

Viele Familien machen sich aus Angst um ihre Kinder auf den beschwerlichen Weg in die USA. In den von den Gangs kontrollierten Vierteln werden Jugendliche häufig von den Banden zwangsrekrutiert. Laut einer Untersuchung des Norwegischen Flüchtlingsrats (NCR) gehen viele Kinder in den betroffenen Regionen nicht zur Schule, weil sie dafür die Grenze zwischen den Einflussgebieten verfeindeter Gangs überqueren müssten. Zudem müssen die Familien eine sogenannte Kriegssteuer an die Maras zahlen. Deshalb fehlt ihnen häufig das Geld für Schuluniformen, Bücher und Lernmaterial. «Die Zukunft einer ganzen Generation ist in Gefahr», sagte Christian Visnes vom NCR.

Hinzu kommen Armut und Perspektivlosigkeit. Fast 60 Prozent der Menschen in Guatemala leben nach Angaben der Weltbank unter der Armutsgrenze, in Honduras sind es über 60 Prozent, in El Salvador rund 30 Prozent. Traditionell werden die Länder von einer kleinen Elite beherrscht, Korruption ist weit verbreitet. Viele junge Menschen haben Schwierigkeiten, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Um die Fluchtursachen zu bekämpfen, haben Mexiko und die mittelamerikanischen Staaten einen Entwicklungsplan angeschoben. Sie hoffen nun auf finanzielle Unterstützung der USA und Europas. Allerdings hat US-Präsident Donald Trump erst Ende März Hilfsgelder in Höhe von 450 Millionen Dollar für die Region gestrichen.

Wie damals in Europa tobt nun auch in den USA eine hitzige Debatte darüber, wie dem Zustrom von Migranten begegnet werden soll. Trump - der Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder für ihre aus seiner Sicht zu lasche Flüchtlingspolitik kritisiert hat - geht mit harter Hand vor, er hat einen Nationalen Notstand ausgerufen. Den oppositionellen Demokraten wirft der Republikaner vor, die Grenzen öffnen und die USA mit Kriminellen fluten zu wollen. Sein brachialer Lösungsvorschlag: Er will eine Mauer an der rund 3200 Kilometer langen Grenze zu Mexiko bauen, um die Migranten aus Lateinamerika auszusperren.

Die oppositionellen Demokraten lehnen das nicht nur ab, sie haben auch lange dementiert, dass an der Grenze überhaupt eine Krise herrscht. Allerdings geben die nackten Zahlen Trump zumindest in diesem Punkt recht: Im Mai haben US-Grenzschützer mehr als 144 000 Menschen beim illegalen Grenzübertritt aufgegriffen, im Vorjahresmonat waren es gerade einmal knapp 52 000. Seit Februar schießen die Zahlen durch die Decke. Zwischen Oktober und Mai wurden mehr Migranten aufgegriffen als in den zwölf Monaten zuvor. Darunter waren alleine im Mai mehr als 11.000 unbegleitete Minderjährige.

Besonders das Schicksal dieser Kinder sorgt in den USA für Aufsehen. Vertreter der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) besuchten kürzlich Einrichtungen, in denen unbegleitete Minderjährige nach ihrem Aufgreifen festgehalten werden. In einem Gastbeitrag für die Webseite des US-Senders CNN schrieben die HRW-Mitarbeiterinnen Clara Long und Nicole Austin-Hillery: «Die Situation, die wir vorgefunden haben, ist inakzeptabel.»

Viele Kinder in den «gefängnisähnlichen Einrichtungen» hätten keinen regelmäßigen Zugang zu Duschen, sauberer Kleidung, Zahnbürsten oder richtigen Betten. Manche schliefen auf dem Boden. «Viele sind krank.» Ältere Kinder kümmerten sich um die jüngeren, die teils nur zwei oder drei Jahre alt seien. Im Bericht wird eine 14-Jährige zitiert, die eine Vierjährige umsorgt: «Ich bringe sie auf Toilette, gebe ihr Essen, das ich übrig habe, wenn sie Hunger hat, und sage Menschen, dass sie sie in Ruhe lassen sollen, wenn sie sie stören.»

US-Gesundheitsminister Alex Azar räumte im Radiosender NPR erst am Dienstag ein, dass es sich um eine «absolute Krise» handele. Wenn die Kinder ohne Eltern über die Grenze kämen, müssten sie aber irgendwo untergebracht werden, bis man Verwandte in den USA finde, in deren Obhut sie entlassen werden könnten. Die Einrichtungen der Zoll- und Grenzpolizei seien nie dafür ausgerichtet gewesen, Zehntausende unbegleitete Kinder aufzunehmen - von denen inzwischen doppelt so viele wie noch vor einem Jahr kämen. «Wir sind voll», sagte Azar.

Erklärtes Ziel der Trump-Regierung ist es allerdings auch, Migranten abzuschrecken. Erst vor kurzem zwang Trump Mexiko - das Transitland für die Lateinamerikaner auf dem Weg in die USA - unter Androhung von Strafzöllen in ein umstrittenes Abkommen. Der Deal sieht unter anderem vor, dass Asylbewerber aus Lateinamerika entlang der gesamten Grenze wieder nach Mexiko zurückgeschickt werden können. Sie sollen dort auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge in den USA warten.

Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums werden 90 Prozent der Asylanträge von Migranten aus Honduras, Guatemala und El Salvador von Richtern letztlich abgelehnt. Viele der Asylbewerber tauchen diesen Angaben zufolge in den USA unter, bevor ihre wegen Überlastung der Gerichte oft langwierigen Verfahren abgeschlossen sind.

Allerdings ist Mexiko gerade für Migranten ein gefährliches Pflaster. Immer wieder werden sie von den mächtigen Verbrechersyndikaten verschleppt, um sie zum Drogenschmuggel zu zwingen oder Lösegeld zu erpressen. Im vergangenen Jahr wurden rund 34.000 Menschen in Mexiko getötet, über 40.000 weitere gelten als vermisst. Die Migranten, ohne Papiere und fern der Heimat, werden besonders leicht zu Opfern der Kriminellen.

Auch die Familie von Óscar M. und der kleinen Valeria aus El Salvador, deren Bild nun weltweit für Betroffenheit sorgt, wollte in den USA Asyl beantragen - so erzählt es die 21 Jahre alte Witwe namens Tania der mexikanischen Zeitung «La Jornada». Ihre Schwiegermutter sagt der Zeitung «La Prensa Gráfica» in El Salvador, sie habe noch versucht, ihren Sohn von dem Vorhaben abzubringen: «Ich habe ihn gebeten, den amerikanischen Traum nicht zu verfolgen.»

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