‚Nur zwei Morde‘, keine Mafia, alles sicher

Koh Tao: Thailands Polizei weist internationale Medien zurecht

Gute Arbeit der Journalisten der englischsprachigen Tageszeitung The Nation: Alle Todesfälle der jüngsten Jahre auf einer Graphik dargestellt – fast alle sollen laut Polizei keine Gewalttaten gewesen sein. Graphik: The Nation
Gute Arbeit der Journalisten der englischsprachigen Tageszeitung The Nation: Alle Todesfälle der jüngsten Jahre auf einer Graphik dargestellt – fast alle sollen laut Polizei keine Gewalttaten gewesen sein. Graphik: The Nation

KOH TAO: War’s das mit den weiteren Ermittlungen im Fall der am 27. April tot an der Tanote Bucht gefundenen Belgierin Elise Dallemagne? Bisher keine Spuren, die einen Mordverdacht erhärten könnten, dafür eine breite Blitzoffensive der Polizeiführung in Surat Thani. Tenor: Sechs von sieben Todesfällen in drei Jahren waren keine Straftaten. Und: Es gibt keine Mafia auf der Taucherinsel.

Der Auftritt im Hauptquartier Surat Thani, angeführt von Provinzpolizeichef Generalmajor Apichart Boonsriroj, war gut inszeniert. Auf einer riesigen Tafel hatten fleißige Helfer alle zuletzt von den nationalen und insbesondere internationalen Medien kritisierten Fälle zusammengetragen und darunter die Ermittlungsergebnisse geschrieben. Das Polizei-Empire schlug zurück und die Anwesenheit des obersten Polizeigenerals der Südregion 8, Thanate Pinmuangngam, sollte die Geschlossenheit demonstrieren. „Alle Ermittlungen wurden im vorgeschriebenen 12-Punkte-Plan einer Tatort-Investigation abgearbeitet und die Verfahrensweisen glichen der des amerikanischen FBI“, unterstrich der Generalleutnant.

Fall 1: Nick Pearson (25) aus England, trieb am 1. Januar 2015 tot im Wasser unterhalb des Hillside Resorts. Tod durch Ertrinken, nachdem er betrunken vom Balkon seines Bungalows ins Meer stürzte, sagt die Polizei. Sein Vater habe das akzeptiert und auf eine Obduktion verzichtet.

Fall 2: David Miller (25) und Hannah Witheridge (24) aus England: Ermordet in der Nacht zum 15. September 2014 am Sairee Strand. Als Täter überführt und zum Tode verurteilt wurden Zaw Lin und Wai Phyo aus Myanmar (beide damals 21), zwei Hilfsarbeiter in der Gastronomie. Internationale Gerichtsmediziner sprachen von einer ‚unprofessionellen und nicht nachvollziehbaren Ermittlungsrealität‘, darunter Thailands bekannte Forensikerin Dr. Pornthip Rojanasunand aus Bangkok. Dennoch war das Urteil des Provinzgerichts Koh Samui im September 2016 eindeutig: schuldig, Tod durch Giftspritze für die beiden Angeklagten, die bis heute ihre Unschuld beteuern.

Fall 3: Dimitri Povse (28) aus Frankreich, am 1. Januar 2015 erhängt in seinem Bungalow auf Koh Tao aufgefunden. Weil beide Hände auf seinem Rücken zusammengebunden waren, erhielten Mord-Theoretiker weiteren Zündstoff. Laut Polizei war der Fall unstrittig: Abschiedsbrief vorgefunden, zuvor Suizidabsichten geäußert, keine Einwände der Familie in Frankreich. Die Hände habe der junge Franzose in einer Art Schlinge am Rücken fixiert, um sich selbst der Rettungsmöglichkeit zu berauben, sagte damals ein Ermittler.

Fall 4:  Christina Annesley (23) aus Großbritannien, am 21. Januar 2015 tot im In Touch Resort in ihrem Zimmer entdeckt. Hier sei das Ermittlungsergebnis ebenfalls eindeutig gewesen: Kreislaufversagen nach Medikamenten- und Alkoholmissbrauch. Keine Spuren einer Gewalttat und keine fremde DNA im Zimmer – das habe die Obduktion ergeben.

Fall 5: Luke Miller (26) aus England wurde ertrunken im Pool der Sunset Bar treibend gefunden, am 6. Januar 2017. Er soll betrunken von einem Diskjockey-Turm in den Pool gesprungen sein und sich beim Sturz so verletzt haben, dass er im Wasser starb. „Keine Spur von Gewalt“, lautete das Obduktionsresultat. Dass seine Angehörigen in Großbritannien und seine Freundin bis heute in allen Netzwerken Mordtheorien schüren und wütend vor einem Besuch Thailands warnen, blieb unerwähnt.

Fall 6: Valentina Novozhyonova (24) aus Russland verschwand spurlos am 16. Februar an der Chaloke Hin Khao Bucht. Letzte Aufnahmen von Überwachungskameras hätten gezeigt, dass sie dort zum Tauchen ging. Die Polizei verband damals zwei Thesen miteinander: Eine angeblich bekannte psychische Labilität der Verschwundenen und ihr gefährlicher Drang zum Freitauchen. Sie habe wohl, so ein Polizeisprecher im Zug der Ermittlungen, einen Rekordversuch mit einer Tauchtiefe von 24 Metern ohne Sauerstoff unternehmen wollen. Ihre Leiche ist bis heute trotz des Hinzuziehens von Wahrsagern nicht gefunden worden.

Der siebte und aktuelle Fall der Belgierin Elise Dallemagne (30) scheint anhand dieser Öffentlichkeitsoffensive wenige Chancen auf eine Wende zu haben. Auch hier ist die Erkenntnis der thailändischen Polizei deutlich formuliert worden: Selbstmord durch Erhängen an einem Baum mit einem Nylonseil, keine Fremdspuren am Fundort, psychische Vorbelastung der Toten und ein bereits erster Suizidversuch in Bangkok. Allerdings auch: kein Abschiedsbrief, eine Benzinflasche am Tatort, keine verwertbaren Spuren ihrer letzten Tage auf Koh Tao zwischen 19. und 23. April.

Es werde noch ermittelt, beteuerten die Polizeigeneräle Boonsriroj und Pinmuangngam am Freitag bei ihrer Initiative zur Wiederherstellung des guten Rufes von Koh Tao. Noch deutlicher wurde bei diesem Auftritt auch, dass die Hauptzielrichtung eine andere war: die Kampfansage an alle Medien, ob in sozialen Netzwerken oder an die Adresse akkreditierter Schreiber großer Zeitungen, keine weiteren Mordtheorien zu verbreiten.

Den Begriff ‚Todesinsel‘ sollten Journalisten nicht mehr sorglos verwenden – ein Strafantrag gegen die Online-Zeitung ‚Samui Times‘ sei von der Provinzverwaltung der Region 8 und Surat Thanis Gouverneur Auaychai Inthanak gestellt. Dass selbst die seriöse Bangkok Post in einem Leitartikel von Gegenoffensiven gegen die Medien abriet und zur Vernunft und einer transparenteren Polizeiarbeit mahnte, verhallte ungehört.

Noch bleibt der Fall Elise Dallemagne einer ohne offizielles Ermittlungsresultat. Die Kluft zwischen der thailändischen Polizei und internationalen Medien scheint nach solchen Auftritten eher tiefer zu werden. Die kommende Woche soll das Ermittlungsfinale der Dallemagne-Untersuchung einläuten. Den Glockenschlag wird die Welt hören, egal wie dick das Tuch ist, das darüber gebreitet wird.

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