Summ und Brumm auf Bushaltestellen

bald überall in Deutschland?

Auf dem Dach eines Wartehäuschens, Bushokje auf niederländisch, an einer Bushaltestelle in der viertgrößten Stadt der Niederlande wachsen Pflanzen. Foto: Barbra Verbij/Gemeente Utrecht /dpa
Auf dem Dach eines Wartehäuschens, Bushokje auf niederländisch, an einer Bushaltestelle in der viertgrößten Stadt der Niederlande wachsen Pflanzen. Foto: Barbra Verbij/Gemeente Utrecht /dpa

KARLSRUHE (dpa) - Der öffentliche Nahverkehr als Helfer für Insekten: Vom niederländischen Utrecht aus erobert die Idee begrünter Haltestellenhäuschen die Städte. Unten steigen Fahrgäste ein und aus, oben wächst der Mauerpfeffer.

Hummel im Anflug, Wildbiene und Käfer. Begrünte Haltestellendächer könnten schon bald in vielen deutschen Städten wichtige Lebensräume für Insekten werden. Jeweils nur ein paar Quadratmeter groß, dafür regelmäßig zwischen Häusern, Straßen und Autos verteilt, werden die pflegeleichten und luftigen Grünflächen zu Überlebensbereichen für Insekten. Vorreiter ist Utrecht in den Niederlanden. 316 Wartehäuschen seien bereits begrünt, heißt es von der Stadt. In vielen deutschen Städten regen sich ähnliche Initiativen.

Was macht begrünte Dächer so wertvoll? Anders als beim Blech- oder Glasdach läuft Regenwasser nicht einfach über die Kanalisation ab. Pro Jahr und Dach können je nach Gegend leicht mehr als 3000 Liter zusammenkommen. Das nur wenige Zentimeter dicke Bodensubstrat speichert die Feuchtigkeit, die Pflanzen verbessern mit ihrer Verdunstung das Mikroklima der unmittelbaren Umgebung. Auch Feinstaub können die Mini-Wiesen aus der Luft filtern. Bei Sonnenschein bleibt es unter dem isolierten Dach kühler, weniger Hitze strahlt in die Umgebung ab.

In Utrecht wachsen auf den Wartehäuschen Sedum-Arten wie Mauerpfeffer. Es sind dickblättrige, kleine, zähe Stauden. «Mauerpfeffer erfreut sich bei Wildbienen einschließlich Hummeln einer hohen Beliebtheit», sagt Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. Begrünte Bushäuschen bilden seinen Angaben zufolge in Kombination mit anderen Gründächern ein Mosaik von Nektar- und zum Teil auch Bruthabitaten für Insekten. Diese tragen zu einem Biotopverbund bei, «der es den Bestäubern auch ermöglicht, in städtischen Gebieten noch mehr Lebensräume zu erschließen».

Die 316 Haltestellen in Utrecht zusammen ergeben mindestens 1800 Quadratmeter neuen Lebensraum. Alleine in Berlin gibt es nach Angaben der Verkehrsbetriebe (BVG) mehrere Tausend Bushaltestellen. Deutschlands Städte könnten viele Hektar Grünflächen gewinnen.

Für Afra Heil von der Umweltorganisation BUND macht es keinen Unterschied, dass jede einzelne Fläche klein ist. «Wichtig ist hierbei nur, dass die Art der Bepflanzung als Bienenweide angelegt wird.» Auch wenn Dachbegrünung flächige Bodenvegetation nicht ersetzen könne, sei sie ein wichtiges Element des Biotopverbundes. «Begrünungen können erheblich zur Erhaltung von Arten beitragen.»

In Leipzig beginnt gerade der Umbau. Dort bekommen nach und nach etwa 500 Häuschen ein Gründach und 400 ein Solardach. Hintergrund ist nach Angaben der sächsischen Stadt ein neuer Vertrag mit einem Dienstleister, der auch die Haltestellen umfasst.

Viele Kommunen schließen mehrjährige Verträge mit Unternehmen über die sogenannte Stadtmöblierung ab. Sie erhalten Geld und müssen sich nicht mehr um ihre Buswartehäuschen kümmern. Die Unternehmen verwerten dafür die lukrativen Werbeflächen.

Die Wall GmbH hat solche Verträge mit rund 50 Kommunen in Deutschland, darunter den vier Millionenstädten. Pressereferent Christian Knappe sagt, das Unternehmen sei offen für die Wünsche der Städte. Beim Mutterkonzern JCDecaux gebe es bereits entsprechende Konzepte. Am einfachsten sei die Umsetzung von Dachbegrünung, wenn sie bereits Teil der Ausschreibung sei.

Das Unternehmen Ströer Media Deutschland kommt nach Angaben seines Chefs Alexander Stotz auf mehrere Tausend Stadtmöblierungs- und Werbenutzungsverträge. Das Utrechter Beispiel hält er für einen positiven Vorstoß. Ströer Research & Development arbeite für gesündere Städte an Lösungen wie Luftfiltern oder Moos auf Werbeträgern. «Generell richten wir uns nach den Vorgaben und Wünschen des jeweiligen Partners, der im Rahmen des Werbenutzungsvertrags die inhaltlichen Vorgaben festlegt.»

In Hamburg läuft der Vertrag mit Wall nach Angaben der Wirtschaftsbehörde noch bis Ende 2023. Änderungen seien bis dahin nicht vorgesehen, teilt Sprecherin Susanne Meinecke mit. Bei der Vorbereitung für die Neuausschreibung der Werberechtsverträge soll die Begrünung der Fahrgastunterstände als Kriterium geprüft werden.

Angestoßen hat die Initiative in der Hansestadt die CDU-Bürgerschaftsfraktion. Deren stellvertretender Vorsitzender Dennis Thering betont die Bedeutung eines ausreichenden Nahrungsangebots für Insekten auch in Großstädten. «Insekten und insbesondere Bienen sind entscheidend für den Fortbestand unseres ganzen Ökosystems.»

Der Bundesverband Gebäudegrün lobt die Utrechter Initiative. «Ein vorbildliches Beispiel, das hoffentlich viele Nachahmer findet», teilt Präsident Gunter Mann mit.

Nach Berichten örtlicher Medien befasst sich bereits in etlichen Städten die Kommunalpolitik mit dem Thema. In Hannover, Düsseldorf und München wird darüber diskutiert. In den niedersächsischen Städten Oldenburg und Osnabrück werden entsprechende Anträge beraten. Ähnliches gilt für Neuss, Erkrath und Arnsberg in Nordrhein-Westfalen. In Österreich ist die Stadt Villach einem Zeitungsbericht zufolge schon einen Schritt weiter. Dort bekamen die ersten fünf Bushaltestellen im Juli ein grünes Dach.

Auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart, die immer wieder Feinstaubalarm ausrufen muss, regt sich eine Initiative - stößt aber nach Medienberichten schon beim ersten vorgeschlagenen Objekt auf ein bauliches Problem: Das Wartehäuschen verfügt über ein gläsernes Spitzdach. Anderenorts verweisen Stadtverwaltungen oder Verkehrsbetriebe auf das Gewicht von Gründächern, für das bisherige Konstruktionen nicht ausgelegt seien.

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