Sport vor leeren Rängen - auch weiterhin?

Virologe Schmidt-Chanasit warnt vor vielen Fans in Stadien

Sanitäter trugen während des Fußballspiels der Zweiten Bundesliga im Max-Morlock-Stadion in Nürnberg Schutzmasken. Foto: epa/Lukas Barth-tuttas
Sanitäter trugen während des Fußballspiels der Zweiten Bundesliga im Max-Morlock-Stadion in Nürnberg Schutzmasken. Foto: epa/Lukas Barth-tuttas

BERLIN: Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit macht Sportfans wenig Hoffung, dass sie in der kommenden Saison wieder massenhaft in die Stadien strömen können. Mit Blick auf ein großes Fußballstadion sagte Schmidt-Chanasit der Deutschen Presse-Agentur: «Wenn wir da 300 Fans reinlassen, das geht natürlich, die kann man auseinandersetzen, da kann man auch noch halbwegs einschreiten.»

Bei größeren Zuschauermengen hingegen werde es schwierig, die Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln zu gewährleisten, sagt der Mediziner: «Wenn da 10.000 Fans sind - auch wenn das weniger sind als das maximale Fassungsvermögen - wird das alles schwieriger und es sind dann auch immer mehr Leute dabei, die sich eben nicht an die Regeln halten.»

Sehr wichtig sei auch die Nachverfolgbarkeit von Infektionsketten, wenn es zu einem Corona-Ausbruch kommen sollte, betont Schmidt-Chanasit: «Bei riesigen, unkontrollierten Veranstaltungen weiß ich nicht, wer wann wo war. Wenn ich das nachvollziehen kann, ist das eine zusätzliche Sicherheit. Dann kann ich das im schlimmsten Fall noch irgendwie unter Kontrolle bringen, das ist ja das Entscheidende.»

Die Wahrscheinlichkeit einer Virus-Übertragung hänge aber nicht nur von der Zahl der Zuschauer ab, sondern auch von ihrem Verhalten, sagt Schmidt-Chanasit: «Es können 300 Leute auf der Tribüne sitzen, eine Maske tragen und zwei Stunden kein Wort sagen - da ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering», erläutert er. «Auf der anderen Seite sitzen eben eine Stunde Leute vielleicht sogar mit Abstand aber ohne Maske und brüllen eine Stunde - da hilft dann der Abstand von 1,50 Metern auch nur noch sehr begrenzt, weil Tröpfchen eben auch mal weiter fliegen können.» Ein besonderes Risiko herrsche in dieser Hinsicht also bei Sportarten, bei denen Fans sehr emotional mitfieberten.

WIE SIEHT'S DERZEIT IM FUßBALL AUS?

«Ich habe schon immer gesagt, dass Zuschauer sehr, sehr fehlen», sagt Meistertrainer Hansi Flick vom FC Bayern. Seit dem Neustart der Fußball-Bundesliga Mitte Mai kicken die Profis bestenfalls vor Fan-Pappaufstellern auf den Tribünen. Wie es in der neuen Saison weitergehen wird, ist noch ungewiss. «Für Aussagen zur neuen Saison ist es zu früh, die entsprechenden Konzepte sind noch in der Entwicklung und Abstimmung», hieß es zuletzt vom Deutschen Fußball-Bund. Ebenfalls ohne Zuschauer findet das DFB-Pokalfinale zwischen Bayer Leverkusen und Meister FC Bayern München am 4. Juli im Berliner Olympiastadium statt. Geisterspiele wird es wohl auch beim Final-Turnier in der Europa League vom 11. bis 21. August in Nordrhein-Westfalen geben.

WIE IST DIE SITUATION IN ANDEREN SPORTARTEN?

Während im Fußball das große Geld aus TV-Einnahmen fließt, sind die meisten anderen Profi- und Amateursportarten weitgehend vom Ticketverkauf abhängig - und deshalb besonders an Zuschauern interessiert. Das Finale der Basketball-Bundesliga am Wochenende in München kann trotzdem nicht wie zuletzt diskutiert als erste Veranstaltung einer deutschen Profiliga seit der Coronavirus-Pause wenigstens mit einigen Fans stattfinden.

In der neuen Saison hofft die Basketball-Bundesliga auf einen baldigen Spielbetrieb mit Fans. «Wir können wirtschaftlich nicht ohne Zuschauer spielen, oder wir bekommen staatliche Hilfen, um das zu kompensieren», sagte BBL-Geschäftsführer Stefan Holz der Deutschen Presse-Agentur in München.

Der Geschäftsführer der Deutschen Eishockey Liga, Gernot Tripcke, erklärte kürzlich: «Wir nehmen zur Kenntnis, dass es kein allgemeines Verbot gibt und werden zusammen mit den Arenen alle Anstrengungen unternehmen, um so viele Zuschauer wie möglich in die Hallen zu bekommen.» Auch die Handball-Bundesliga hofft auf einen Saisonstart schon im September mit immerhin bis zu 2000 Zuschauern.

WAS SIND BESONDERE HÜRDEN BEI SPORTVERANSTALTUNGEN?

Mit Blick auf das Infektionsrisiko sind mehrere Faktoren entscheidend, erklärt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit: Die Menge der Zuschauer, die Zeitdauer, die sie zusammen verbringen, und ihr Verhalten. «Es können 300 Leute auf der Tribüne sitzen, eine Maske tragen und zwei Stunden kein Wort sagen - da ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Auf der anderen Seite sitzen eben eine Stunde Leute vielleicht sogar mit Abstand aber ohne Maske und brüllen eine Stunde - da hilft dann der Abstand von 1,50 Metern auch nur noch sehr begrenzt, weil Tröpfchen eben auch mal weiter fliegen können.» Das unterscheide etwa Fußballspiele von Großveranstaltungen, bei denen es weniger emotional zugehe.

«Meistens sind auch die Toiletten so ein Dreh- und Angelpunkt, weil es halt wenige sind und weil es da oft sehr eng wird», sagt Schmidt-Chanasit. «Es ist auch einfach schwer zu regulieren, wenn da ganz viele gleichzeitig auf Toilette müssen.« Auch für An- und Abreise müsse es schlüssige Sicherheitskonzepte geben.

WO SIND DIE RISIKEN BESONDERS HOCH?

«Prinzipiell ist es aber so, dass es in geschlossenen Räumen bessere Bedingungen für eine Virusübertragung gibt, weil da auch Aerosole eine Rolle spielen», erklärt Schmidt-Chanasit. «Die spielen draußen keine so große Rolle, weil da eine schnellere Verdünnung erfolgt. Draußen spielen eher die Tröpfchen eine Rolle.»

Ist also das Infektionsrisiko in einer gut gefüllten Handballhalle zwingend größer als im Fußballstadion? Ganz pauschal kann man das laut Schmidt-Chanasit nicht sagen. «Es ist so, dass auch draußen schon Superspreader-Events stattgefunden haben, Stichwort Champions-League-Spiel in Bergamo», sagt er. «Tendenziell ist es aber immer so, dass in geschlossenen, schlecht durchlüfteten Räumen, die sehr voll sind, natürlich die besten Bedingungen für Übertragungen sind.»

WELCHE IDEEN HABEN VERANSTALTER?

Im Dortmunder Stadion will man am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga eine spezielle Wärmebildkamera testen, die an den Stadioneingängen kontaktlos die Körpertemperatur von eintretenden Personen misst. Zudem soll mithilfe von 3D-Sensoren ermittelt werden, ob im Tribünenblock die Abstandsregel eingehalten wird. «Ob die eingesetzte Technik am Ende zielführend und hilfreich sein wird, müssen wir abwarten», hatte BVB-Marketingchef Carsten Cramer erklärt.

Die Kölner Lanxess-Arena hat zumindest für Konzerte eine Lösung gefunden, um fast 900 Zuschauer empfangen zu können - und eigens umgebaut: Um die Corona-Regeln einzuhalten, werden die Besucher im Innenraum in kleine Plexiglas-Boxen gesetzt, die zur Bühne hin geöffnet sind. In der Halle finden auch Sportveranstaltungen statt - weil dann der Innenraum als Spielfläche gebraucht wird, ist diese Lösung hier aber nicht geeignet, erklären die Veranstalter. Eine Ausnahme seien Boxveranstaltungen.

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