Trotz hoher Corona-Zahlen größere Lockerungen

Die Menschen genießen einen sonnigen Tag auf dem Dvortsovaya (Palast) Platz in St. Petersburg. Foto: epa/Anatoly Maltsev
Die Menschen genießen einen sonnigen Tag auf dem Dvortsovaya (Palast) Platz in St. Petersburg. Foto: epa/Anatoly Maltsev

MOSKAU: Seit mehr als zwei Monaten gab es in Moskau - Europas größter Stadt - strenge Ausgangssperren. Und obwohl die Corona-Zahlen weiter viel stärker als etwa in Deutschland steigen, ließ Russland nun erstmals größere Lockerungen zu.

Das vom Coronavirus schwer betroffene Russland hat trotz weiter steigender Infektionszahlen erstmals mehrere Beschränkungen gelockert. Nach wochenlanger Schließung öffneten am Montag Einkaufszentren wieder, darunter das Nobel-Kaufhaus GUM in unmittelbarer Nähe des Kreml. Auch Dienstleistungsbetriebe nahmen die Arbeit wieder auf. Mehr als 300 000 Menschen kehrten dadurch an ihre Arbeitsplätze zurück. Ministerpräsident Michail Mischustin nannte die Lage stabil. «Die Zahlen geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus.» Sie stiegen aber am Montag einmal mehr auf nun fast 414.900 Fälle.

In der Hauptstadt Moskau dürfen nach mehr als zwei Monaten strenger Ausgangssperre die Einwohner nun an einzelnen Tagen wieder spazieren gehen und morgens zwischen 5.00 und 9.00 Uhr draußen Sport treiben. Allerdings gilt eine verschärfte Maskenpflicht. Mund- und Nasenschutz ist nun aber bei allen Spaziergängen und beim Sport vorgeschrieben und nicht mehr nur bei Fahrten mit der U-Bahn oder dem Bus.

Ärzte kritisierten den Maskenzwang der Stadt als «Irrsinn» und warnten die Bürger davor, mit Mund- und Nasenschutz Sport zu treiben. Das sei gefährlich für die Atemwege. Das Virus fliege «nicht auf der Straße herum». Deshalb reiche es aus, Abstand zu halten.

Viele Moskauer hielten sich am Montag zunächst an die neuen Regeln. Im riesigen Einkaufszentrum Jewropejski in der Innenstadt blieb der Ansturm auf die Geschäfte bis zum Nachmittag aus. Viele Läden waren ohne Kundschaft. In dem Einkaufszentrum gilt wie in Supermärkten und anderen öffentlichen Einrichtungen neben dem Mundschutz eine Handschuh-Pflicht.

Auch in vielen anderen russischen Regionen gab es Lockerungen. Regierungschef Mischustin sagte der Agentur Interfax, in 19 Regionen seien Beschränkungen schrittweise aufgehoben worden. Dort öffneten zum Beispiel Friseure. In Moskau sind Salons und Gaststätten aber noch immer geschlossen.

Die Zahl der registrierten Corona-Infizierten überstieg am Tag der Lockerungen deutlich die Marke von 400.000. Die amtliche Statistik wies am Montag mehr als 9000 neue Fälle aus. Zum Vergleich: In Deutschland gab es rund 333 registrierte Neuinfektionen. Nach offiziellen Angaben gab es 4855 Todesfälle.

Die Behörden hatten die Lockerungen auch damit begründet, dass etwa in Moskau die Zahl der Genesenen höher liege als die der Neuzugänge in den Krankenhäusern. Landesweit als genesen galten 175 877 Menschen. Die Hauptstadt verzeichnet fast die Hälfte aller Infektionsfälle im flächenmäßig größten Land der Erde.

Vor allem der Druck seitens der Wirtschaft ist groß in Russland, Produktion und Handel wieder zuzulassen. Das Riesenreich steckte schon vor der Pandemie in einer Wirtschaftskrise.

Die Kritik an der Politik im Kampf gegen Corona nimmt seit Wochen zu - auch weil die Zahl der Infektionen mit zunehmender Schärfe der Einschränkungen gestiegen und nicht gesunken war. In sozialen Netzwerken beklagen Bürger ein Durcheinander an Regelungen und Chaos bei der Verhängung von Strafen wegen Verstößen gegen Vorschriften.

Ohnehin wächst die Proteststimmung im Land. Das Meinungsforschungsinstitut Lewada ermittelte, dass 28 Prozent der Befragten bereit seien, gegen eine Verschlechterung der Lebensqualität zu demonstrieren. Dies sei der höchste Wert, den die Meinungsforscher seit einem halben Jahrzehnt gemessen hätten.

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