«Es hat gerade erst angefangen»

Revolution im Sudan

Foto: epa/Marwan Ali
Foto: epa/Marwan Ali

Khartum gleicht einer Geisterstadt. Sicherheitskräfte kontrollieren die Straßen. Aber die Menschen haben sich in ihren Häusern verschanzt. Man könnte meinen, die Revolution im Sudan sei tot. Doch die Opposition gibt sich nicht geschlagen.

Khartum (dpa) – In der erdrückenden Hitze Khartums sitzen die jungen Männer auf Betten in einem kleinen Vorzimmer mit lilafarbenen Wänden. Einer hat einen Arm in einer Schlinge. Ein zweiter hat eine Bandage auf der rechten Schulter - dort, wo er angeschossen wurde. Ein dritter hebt sein T-Shirt hoch und zeigt Wunden von Schlagstöcken auf seinem Rücken. Draußen vor der Tür wirbelt auf der Straße ein heißer Wind Staub auf, es herrscht Totenstille. Die Menschen sind dem Aufruf der Opposition gefolgt, das Land lahmzulegen.

Der 18-jährige Amar Mohammed al-Hassan und seine Freunde Abdu al-Rahim und Ali Idris waren dabei, als Sicherheitskräfte vergangene Woche die große Sitzblockade im Zentrum der sudanesischen Hauptstadt brutal auflösten. Demonstranten wurden erschossen, geschlagen und verjagt, Zelte niedergebrannt und Leichen in den Nil geworfen. Einem Ärzteverband zufolge starben mehr als 100 Menschen.

Das Internet haben die regierenden Generäle aus Furcht vor neuen Protesten seither weitgehend abschalten lassen. Wurde damit eine weitere Revolution in der arabischen Welt zunichte gemacht? Auf keinen Fall, sagt Idris. «Es hat gerade erst angefangen.»

Der Sudan ist seit Jahren international isoliert, die Opposition wird unterdrückt, wirtschaftlich liegt das Land am Boden. Massenproteste der unzufriedenen Bevölkerung führten im April zu einem Militärputsch, bei dem Präsident Omar al-Baschir nach rund 30 Jahren abgesetzt wurde. Schnell machte sich unter den 41 Millionen Einwohnern in dem Land im Nordosten Afrikas Euphorie breit. Die Demonstranten gaben sich nicht mit einer Militärherrschaft zufrieden. Sie forderten eine zivile Regierung und demonstrierten weiter mit der Sitzblockade vor der Zentrale der Streitkräfte im Zentrum Khartums.

Nachdem Verhandlungen zwischen Generälen und Opposition über die Bildung einer Übergangsregierung gescheitert waren, gingen vergangene Woche Montag Sicherheitskräfte gegen die Sitzblockade vor. «Sie kamen mit Fahrzeugen aus drei Richtungen und umzingelten die Menschen», erinnert sich Idris. Als einige Demonstranten wegliefen, begannen die Sicherheitskräfte zu schießen, wie er sagt. Er selbst sei in ein Gebäude gerannt, Sicherheitskräfte auf seinen Fersen. Sie schlugen demnach auf ihn ein. Er konnte entkommen.

Idris, Al-Hassan, Al-Rahim und etliche andere Demonstranten sind sich sicher: Die Sicherheitskräfte waren Mitglieder der Schnellen Einsatztruppen (RSF), einer berüchtigten und quasi-autonomen Einheit der Streitkräfte. Die Bewohner Khartums nutzen nur den Namen, unter dem die Einheit früher bekannt war: Dschandschawid. Während des Darfur-Konflikts war diese arabische Miliz für brutale Verbrechen gegen die Bevölkerung verantwortlich. Heute ist ihr Chef Mohammed Hamdan Daglu, genannt Hemeti, die Nummer zwei der Militärregierung.

Hemetis gefürchtete Truppen scheinen derzeit das Zentrum Khartums zu kontrollieren. Auf den wichtigen Straßen und Plätzen steht alle paar Meter ein Pritschenwagen der RSF mit einem Maschinengewehr auf der Ladefläche, an der Seite hängen Munitionsgürtel. Fotografieren darf man die RSF-Stellungen nicht. Die Soldaten dösen etwa hinten auf den Fahrzeugen oder sitzen daneben im Schatten von Bäumen; einige kochen, andere waschen Kleidung. Während der muslimische Gebetsruf durch die Stadt hallt, beten einige auf kleinen Teppichen neben ihren Waffen.

Vor der Zentrale der Streitkräfte sind nur noch wenige Spuren der wochenlangen Sitzblockade zu sehen, die zum Symbol der Revolution geworden war. Viele Kunstwerke der Demonstranten an den Wänden wurden entfernt. Mancherorts sind auf dem Boden Spuren von Bränden zu sehen - vermutlich wurden dort Zelte abgefackelt. In einem Innenhof, in dem einst eine mobile Klinik für die Demonstranten eingerichtet war, stehen jetzt mehrere Fahrzeuge der RSF.

Die Generäle werden von Saudi-Arabien und den Emiraten gestützt. Doch die Opposition gibt sich nicht geschlagen. Sie rief zunächst zu einem Generalstreik auf, der ab Sonntag galt. Er sollte Druck auf die Generäle ausüben, die Macht bald an eine zivile Übergangsregierung abzugeben. In der Stadt herrschte bis Dienstag eine angespannte Ruhe - fast so, als würden die Menschen die Luft anhalten. Nur wenige Autos und Personen waren auf den Straßen zu sehen, die meisten Läden und Restaurants waren geschlossen, die Rollläden nach unten gefahren.

In einigen Stadtteilen bauten Demonstranten auf den Straßen Barrikaden aus Steinen auf, um Sicherheitskräfte zu blockieren. Immer wieder werden sie abgerissen, immer wieder aufgebaut. Noch am Montag zeigten stolze Bewohner im nördlichen Stadtteil Omdurman auf die Barrikaden, die quer über einige der Straßen verliefen.

Doch wie lange halten die Menschen dies durch? Tagelang hielt sich die Opposition zurück. Führende Mitglieder des Gewerkschaftsbündnisses SPA, das die Massenproteste der vergangenen Monate organisiert hatte, waren kaum oder gar nicht zu erreichen. Die Opposition habe Angst, vermuteten einige; andere sagten, sie brauche Zeit, eine neue Strategie zu entwickeln. Am Dienstagabend erklärte die SPA dann den Generalstreik für beendet.

Wie es nun für die Protestbewegung weitergeht, das wollen auch die jungen Männer Al-Hassan, Al-Rahim und Idris wissen. Sie seien bereit, wieder auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren, sagt Al-Rahim. Hier, in dem kleinen Haus von Al-Hassans Familie im Stadtteil Barri, fühlen sie sich erstmal sicher. Denn die RSF hätten zu große Angst, hierher zu kommen, meinen sie stolz. Al-Hassans Wille ist nicht gebrochen: «Mit der Militärregierung an der Macht ist es fast schlimmer als vorher.»

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