Neulich, am Strand: Der Reiseführer

Ich schlendere mit meinem ehemaligen Nachbarn aus meiner alten Heimat am Strand entlang. Etwas erstaunt war ich schon, als er mir ein E-Mail geschrieben hat, dass er mich besuchen wolle. Ich kannte ihn bisher eigentlich als Stubenhocker. Einer, der lebenslang nie aus seinem Tal runter ins Unterland, geschweige denn ins Ausland, geht. Aber, wie man sieht, man kann sich täuschen.

Vor kurzem angekommen, löchert er mich nun seit seiner Ankunft mit Fragen über Thailand, die Thais, die Sextouris­ten und, und, und… „Einen besseren Reiseführer, wie mich, kannst du nicht bekommen“, meine ich unbescheiden. „Ja, ja. Das haben meine Kollegen im Kirchengesangsverein auch gesagt“, lacht er, wobei ich nicht recht weiß, ob er das nun als Scherz gemeint hat, wie ich selber meinen Spruch auch. „Aber so kleine Thailandanekdoten wirst du sicher noch auf Lager haben“, schaut er mich fragend an. „Weißt du, so typische Thailanddinger. Sachen, die man nur in Thailand erlebt“, meint er aufgekratzt. Nun bin ich aber gefordert. Doch mir fällt nichts ein, was ich ihm erzählen könnte. „Hier läuft doch nichts. Alles immer derselbe Trott“, versuche ich auszuweichen. Wir schlendern weiter.

Da sitzt eine Thai, Noi, mit einem Farang auf dem Mäuerchen. Ich kenne sie daher, wie sie die letzten Wochen mit ihren anderen Thailadys jeweils am Strand auf der Matte zusammengehockt hat. Klar sind stets Sprüche zwischen den Damen und mir rausgehauen worden. Schabernack und ein bisschen gegenseitiges Aufziehen gehört hier doch zum täglichen Ritual. Diskret weise ich meinen Besucher auf die beiden hin. „Schau, die Lady hat bereits High Season. Der Farang ist ihr Arbeitgeber.“ Noi bemerkt uns ihrerseits und stellt uns ihren Farang ebenfalls vor: „Hallo Ten. This is my friend. Today he is my friend!“ Alle lachen, selbst der Farang der Lady. Noi bemerkt, dass das nicht gerade das geschickteste gewesen ist und versucht zu erklären. „Ok, ok!“, lachen wir. „Wir haben schon verstanden. See you later.“

Der tägliche Wahnsinn

Wir laufen weiter, während dessen ich mir den Kopf zermartere, was ich den nun für eine lustige Geschichte erzählen soll. Doch es kommt mir nichts in den Sinn. Etwas weiter sitzt Pin, die Eisverkäuferin, auf dem Mäuerchen. Alleine, weit und breit keine Kundschaft in Sicht. Wir halten inne und ich frage sie: „Hallo, was machst du?“ Sie mustert uns von oben bis unten und meint dann: „Ich warte auf das große Geld!“, meint sie verschmitzt. „Ha, ha, ha. Da wirst du nicht lange warten müssen“, antworte ich ihr lachend. „Ok“, meint sie. „Dann wirst du mir 200 Baht leihen können? Nur bis morgen“, und hält mir die offene Hand hin. „He, morgen ist der Strand geschlossen. Da bist du nicht hier. Und übermorgen kannst du dich nicht mehr an die 200 erinnern.“ Mit der Hand schwenke ich wie ein Opa zur unartigen Enkelin. Pin schaut treuherzig zu uns, als ob sie sagen will: „Ihr wollt mich doch hier nicht verhungern lassen?“ Wir kaufen ihr zwei Eiscornets ab und gehen weiter. „Bis morgen, Pin. Tschüss.“ „Du hättest ihr die 200 schon geben können. Ist doch nicht die Welt“, bemerkt mein Besucher. „Das könnte ich schon. Nur sind dann morgen 10 weitere Eisverkäuferinnen da, die alle auch nur eine Kleinigkeit brauchen. Du kannst mir an deinem letzten Tag vor deiner Abreise deine restliche Kohle hierlassen. Ich werde sie dann unter den Mädels verteilen“, schlage ich vor. Er schaut mich an, um herauszufinden, ob ich nun ernsthaft geredet habe. Da kommt mir doch noch eine Geschichte in den Sinn.

Hör zu: „Einer Thai, die am Strand Früchte verkauft, habe ich ausnahmsweise 2.000 Baht geliehen. Diese wollte sie mir in Wochenraten zu 500 zurückzahlen. „Mai pen rai“, meinte sie mit Bestimmtheit. Danach sah ich sie sechs Tage hintereinander täglich. Immer grüßte sie von weitem schon. Bis zu dem Tag, wo die erste Rate fällig war. Am siebten Tag war die Lady nicht zu sehen. Auch die nächsten Tage ließ sie sich nicht blicken. Ich hatte mein Geld im Geist bereits abgeschrieben, als sie dann doch wieder auftauchte. Mit einem „Sorry“ hielt sie mir 200 Baht hin. Nun, was sollte ich tun? So hatte ich wenigstens 200 wieder drin. Ende der Woche kamen dann weitere 200 Baht zurück. Ich war froh, dass mindestens etwas wieder zurückfloss. Deshalb verzichtete ich darauf, sie an unsere Abmachung zu erinnern. Eine Woche später gab sie mir am Nachmittag wieder 200 Baht zurück. Doch aber nur, um mich am Abend wieder um weitere 1.000 anzubaggern. Doch dieses Mal lehnte ich ab. „Ich hab gerade kein Geld dabei“, erklärte ich ihr. Das sagt sie nun auch jedes Mal, wenn ich sie um den Rest ihrer Schulden frage“, berichte ich ihm meine Erfahrungen. Der lacht. Klar, es ist ja nicht sein Geld. „Siehst du. So funktioniert es hier in Pattaya“, stelle ich fest. „Genau das habe ich gemeint vorhin. Solche Stories liebe ich. Ha“, freut sich meine Begleitung. „Ja, Stories, wo ich die Arschkarte ziehe. Das ist doch nur der tägliche Wahnsinn hier. Nix von Bedeutung“, winke ich ab und füge hinzu: „Sind doch alles nette Mädels, nicht?“

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