Mario Vargas Llosas Polit-Thriller über finstere Strippenzieher

Roman Harte Jahre.
Roman Harte Jahre.

BERLIN: Mario Vargas Llosa erzählt in seinem neuen Roman von Idealisten, Diktatoren und Meuchelmördern und wie Fake News ein ganzes Land in den Abgrund stürzen.

Fake News sind so alt wie die Welt und sie richteten schon lange vor Erfindung des Internets großen Schaden an. In seinem neuen Roman «Harte Jahre» präsentiert der Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa (84) ein besonders ruchloses historisches Beispiel, ein wahres Schurkenstück der Lügenpropaganda. Im Jahr 1954 wurde in Guatemala eine demokratisch gewählte, liberale Regierung erst mittels einer Schmutzkampagne diskreditiert und dann durch CIA und Militär gestürzt. Ausgeheckt hatten sich das Lügengespinst der Direktor der allmächtigen United Fruit Company (heute Chiquita), Sam Zemurray, und der Vater aller Spin-Doktoren, Edward Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds.

Der amerikanische Bananenkonzern hatte durch eine Landreform in Guatemala viel zu verlieren und deshalb großes Interesse daran, den liberalen Präsidenten Jacobo Árbenz von der Macht zu entfernen. Dank des Propagandaspezialisten Bernays gelang es, den westlich orientierten, integren Präsidenten als Kommunisten und Handlanger Moskaus zu diffamieren und ihn zur Abdankung zu zwingen. In einem blutigen Staatsstreich übernahm daraufhin der Militär Castillo Armas die Macht und wickelte sofort die verhasste Agrarreform wieder ab. Der Bananenkonzern konnte weiter ohne lästige Gewerkschaften und Steuern sein lukratives Geschäft betreiben. Für Guatemala begann eine lange tragische Periode von Stagnation und Gewalt.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Peruaner Vargas Llosa sich für die blutrünstige jüngere Geschichte Zentralamerikas interessiert. Vor 20 Jahren beschrieb er in seinem Roman «Das Fest des Ziegenbocks» das Terror-Regime des dominikanischen Diktatoren Rafael Trujillo. Dessen Geheimdienstchef Johnny Abbes Garcia, ein ausgewiesener Sadist und Folterspezialist, taucht in dem aktuellen Roman wieder auf. Hier fädelt er die Ermordung des Präsidenten Castillo Armas im Jahr 1957 ein.

«Harte Jahre» ist eine Mischung aus dokumentarischer Reportage und Fiktion. Vargas Llosa hält sich eng an die historischen Tatsachen, die meisten Protagonisten des Romans haben reale Vorbilder. Vor allem in dem raffinierten Aufbau des Romans und den fiktionalen Dialogen entspinnt sich sein großes Erzähltalent. Beispielhaft hierfür steht das fast surreale Gespräch zwischen dem Präsidenten Árbenz und dem US-Botschafter, der den Demokraten mit unlauteren Mitteln stürzen will. Der Politiker reibt dem Amerikaner die Absurdität des Kommunisten-Vorwurfs unter die Nase: «Wissen Sie, wie viele russische Staatsbürger sich zurzeit in Guatemala aufhalten?», fragte Árbenz. «Kein einziger, Herr Botschafter. Wollen Sie mir sagen, wie die Sowjetunion Guatemala zu einer Kolonie machen will, wenn es keinen einzigen russischen Staatsbürger in diesem Land gibt?». Doch um Plausibilität geht es hier nicht. Denn wer die Macht hat, bestimmt auch die Wahrheit.

Das Buch hat alle Komponenten eines Polit-Thrillers mit finsteren Schurken und Strippenziehern, feinsinnigen Idealisten und wankelmütigen Militärs. Auch faszinierende Frauengestalten hat der Roman zu bieten. Eine davon ist Martita Borrero Parra, die dem Autor als eine Art Klammer für das oft sehr komplexe Geschehen dient. Miss Guatemala, wie sie auch genannt wird, legt eine eindrucksvolle Karriere hin: Als blutjunge exotische Schönheit ist sie Ehefrau eines linken Arztes, dann die Geliebte des Präsidenten, später des Geheimdienstchefs, bis sie als Journalistin zur Propagandistin rechtsgerichteter Diktatoren in Lateinamerika wird. Am Ende - da ist Miss Guatemala schon über 80 und lebt in den USA - steht ein bemerkenswertes Gespräch mit Vargas Llosa. Es legt den begründeten Verdacht nahe, dass sie all die Jahre über CIA-Agentin war.

Vargas Llosa, der 1990 in Peru für die Präsidentschaft kandidierte, war immer ein politscher Autor. So erstaunt es nicht, dass er seine Leser auch mit einer politischen Botschaft entlässt. Die US-Intervention in Guatemala 1954 hält er für einen historischen Fehler. Denn sie verzögerte «die Demokratisierung des Kontinents um Jahrzehnte und kostete Tausenden Menschen das Leben». Und sie entfachte bei Generationen von Lateinamerikanern den Hass auf die USA.

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