Letzter Akt im Doppelmordfall von Koh Tao beginnt

Schrille Schlagzeilen Britischer Zeitungen reißen auch ein Jahr nach dem Doppelmord von Koh Tao nicht ab: „Chaos bei den Ermittlungen“, „Vertuschung der wahren Umstände?“- Die Vorwürfe wiegen schwer.
Schrille Schlagzeilen Britischer Zeitungen reißen auch ein Jahr nach dem Doppelmord von Koh Tao nicht ab: „Chaos bei den Ermittlungen“, „Vertuschung der wahren Umstände?“- Die Vorwürfe wiegen schwer.

KOH SAMUI: Wie viele weitere Zweifel kann die Verteidigung im Doppelmordfall von Koh Tao in der kommenden Woche wecken? Schafft es das siebenköpfige Anwaltsteam, die beiden burmesischen Angeklagten Zaw Lin und Wai Phyo (22) einer anfangs sicher geglaubten Verurteilung zu entreißen? Am Dienstag beginnt der letzte Akt vor der Strafkammer des Provinzgerichtes Koh Samui.

Das Interesse bleibt vor allem im Heimatland der ermordeten britischen Rucksacktouristen Hannah Witheridge (23) und David Miller (24) ungebrochen. Zu den Verhandlungstagen 16 bis 19 in diesem spektakulärsten Mordprozess der südthailändischen Geschichte werden auch wieder die Angehörigen der Opfer aus Großbritannien erwartet. Die Eltern von David Miller sowie der Vater und Bruder von Hannah Witheridge werden heute und morgen aus England einfliegen und den Abschluss der dreimonatigen Mammutverhandlung miterleben.

Wo steht das Verfahren nach 15 abgeschlossenen Sitzungstagen auf Koh Samui und 150 nervenaufreibenden Prozessstunden? Beobachter konstatierten der Verteidigung um ihren Chefjuristen Nakhon Chompuchat einen leichten Feldvorteil – sie hat fast alle Zeugen der Anklage in wichtigen Aussagepunkten auseinandergenommen und erkennbar Zweifel an einer professionellen Spurenauswertung am Tatort hinterlassen.

Reichen Zweifel alleine aus, um den schwerwiegenden Tatverdacht des gemeinschaftlichen Doppelmordes in Tateinheit mit mehrfacher Vergewaltigung von Hannah Witheridge zu erschüttern oder gar zu entkräften? Die Verteidigung wird in dieser abschließenden Woche beide Angeklagte in den Zeugenstand rufen und anhand ihrer Aussagen weitere Zweifel schüren.

Laut Angaben eines Sprechers der Anwälte von Zaw Lin und Wai Phyo sind internationale Experten vor die Strafkammer des Provinzgerichtes Koh Samui geladen worden. Sie sollen als Zeugen der Verteidigung dort weitermachen, wo Thailands bekannteste Gerichtsmedizinerin Dr. Pornthip Rojanasunand am Abend des 11. September 2015 aufgehört hatte: Bei der gutachterlichen Zerpflückung der Spurensicherung am Tatort, beim Nachweis fehlerhafter Dokumentation aller DNA-Proben, bei der zweifelhaften Glaubwürdigkeit staatsanwaltschaftlicher Beweismittel gemeinhin.

Eine große Rolle wird in dieser letzten Prozess-Etappe auch die Frage spielen, ob die Angeklagten gefoltert worden sind und zu ihren Erstgeständnissen der Morde gezwungen wurden. Auch dazu werden Gutachter einvernommen, die anhand vorliegender Krankenberichte und den Aussagen der Beschuldigten den Foltervorwurf bekräftigen sollen. Nicht nur in britischen Medien wird ein Jahr nach dem Doppelmord am Sairee Strand von Koh Tao weiterhin lautstarker Zweifel an der Schuld der zwei burmesischen Gastarbeiter artikuliert. Vor allem in sozialen Netzwerken tobt ein regelrechtes Scharmützel gegen die Polizeiermittler.

Für die Familien von Hannah Witheridge und David Miller sind die turbulente Verfahrensführung und das kritische Medienecho britischer Zeitungen zu einer weiteren schweren Belastungsprobe gereift. Während die halbe Welt an der Schuld der beiden Mordangeklagten zweifelt, stecken die Angehörigen der Opfer in einem emotionalen Schraubstock mit enormer psychischer Belastung. Sie wollten Gerechtigkeit für den bestialischen Tod ihrer Kinder in Thailand erleben. „Geht es hier überhaupt noch um die Ermordung von David und Hannah oder um eine gesellschaftspolitische Schlacht?“, fragten die Eltern von David Miller vor wenigen Tagen fast verzweifelt. 

Sie haben den überwiegenden Teil dieses Verfahrens nur durch die Arbeit ihrer Dolmetscher übermittelt bekommen. Eines haben die Familien Witheridge und Miller dennoch erkannt: Im Doppelmordfall von Koh Tao stehen zwei Angeklagte aus Burma vor Gericht – mit ihnen aber auch die generelle Ermittlungsarbeit der Polizeibehörden in Thailand und damit die Glaubwürdigkeit eines ganzen Rechtssystems. Wie viel Sichtfeld bleibt da noch für die Hauptbetroffenen: die erschlagenen britischen Urlauber Hannah Witheridge und David Miller?

Fotos: FARANG Archiv
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Hardy Kromarek 22.09.15 09:11
Schuldig oder nicht schuldig?!
Was Ich bis jetzt aus den Bericht Erstattungen vom FARANG erfahren habe, ist die Beweislage sehr dünn! Ist jetzt eigentlich von den 2 Angeklakten Ihre DNA in der ermordeten Hannah Witheridge Ihrem Körper gefunden worden oder nicht?! Es dient ja keinem weder Opfer noch Hinterbliebenen hier im evtl. Fall 2 Unschuldige des Mordes zu verurteilen wenn Sie es im Endeffekt gar nicht waren?! Und die wahren Täter wohl noch frei rum laufen!? Also sollte die DNA der beiden Angeklagten nicht zweifelsfrei im Körper der Ermordeten festgestellt worden sein, dann plädiere Ich auf Freispruch! Im Zweifel für die Angeklagten! Aber im rechtstaatlichen Bereich wo hier geschrieben wird ist es zu 95% so auch in Deutschland das zum Schluss " nach Überzeugung des Gerichtes " das Urteil gefällt wird! So wird es wohl auch hier in Thailand bei Gericht so sein! Egal wie das Urteil ausfällt, in diesem Fall werden immer Zweifel vorhanden sein, wenn die DNA der beiden Angeklakten nicht eindeutig im Körper der Ermordeten fest gestellt worden sind!
Jürgen Franke 21.09.15 23:33
Lieber Herr Ern
was ist Ihnen denn da für ein Satz eingefallen? Meine Güte, so etwas gedrechseltes habe ich noch nie gelesen. Hier wird kein "Entscheid" (was immer das ist) gefällt, sondern ein Richter spricht ein Urteil. So einfach ist das.
Alexander Sturm 21.09.15 11:14
Opfer oder Täter
Natürlich wollen die Eltern der beiden Ermordeten Gerechtigkeit. Bei diesem Prozess geht es auch um Gerechtigkeit. Haben die beiden Angeklagten das Verbrechen begangen, oder nicht und auch, reichen die Beweise der Anklage aus um sicher zu gehen, sie haben den Mord begangen, oder nicht. Dabei geht es also primär um die Angeklagten. Natürlich auch um das Rechtssystem. Doch viele hoffen weiterhin, dass die wahren Täter bereits gefasst sind, oder noch gefasst werden und da bestehen Zweifel, ob überhaupt noch weitergefahndet wird. Das wäre auf jeden Fall zweckmässig, solange die Schuld der Angeklagten nicht zweifelsfrei feststeht.