Künstlicher Schnee soll Gletscherschwund aufhalten

​Schweiz testet

Foto: Pixabay/Harald Tedesco
Foto: Pixabay/Harald Tedesco

PONTRESINA: Mit einer neuartigen Beschneiungsanlage wollen Glaziologen in der Schweiz den Schwund der Gletscher aufhalten. Eine Versuchsanlage wurde am Donnerstag bei Pontresina im Kanton Graubünden eingeweiht. Der Erfinder der Idee, Gletscherexperte Felix Keller, stellte seine Versuchsanlage MortAlive mit einem «Schnei-Seil» am Fuße des Morteratsch-Gletschers vor - Zuschauer verfolgten dies vom Bildschirm aus per Videoschalte. Hintergrund ist unter anderem, dass in vielen Weltregionen zurückgehende Gletscher das Leben von Menschen bedrohen, die das Schmelzwasser als Wasserquelle brauchen.

«Nur eine Schneeschicht kann die Gletscher wirklich schützen», sagte Keller. «Sie reflektiert die einfallende Sonneneinstrahlung und isoliert vor warmen Sommertemperaturen.» Wenn die Versuchsanlage erfolgreich ist, könnten künftig Tragseile wie bei einer Bergbahn über Gletscher gespannt werden. Mit Schläuchen würde daran entlang Wasser zu Schneidüsen transportiert.

Dank der niedrigen Temperaturen soll sich das daraus rieselnde Wasser in Schnee verwandeln. Das Wasser dafür soll ohne Stromzufuhr aus höher gelegenen Seen zu den Sprühdüsen geführt werden und unterwegs nicht gefrieren, weil es in Bewegung ist, wie Keller sagte.

«Wir können den Eingriff in die Natur nicht schön reden», räumte er ein. «Aber meiner Meinung nach ist es gerechtfertigt, Schnee zu produzieren um Gletscher zu schützen.» Mit sieben Seilen könnten 30.000 Tonnen Schnee am Tag produziert werden. Mit der Beschneiung eines Quadratkilometers Gletscher könne die Gletscherschmelze Berechnungen zufolge um 50 Jahre verzögert werden.

Für die Einrichtung und den Unterhalt einer solchen Anlage rechnet er mit Kosten von 100 Millionen Franken (rund 93 Millionen Euro) über 30 Jahre. Wenn alles gut laufe, könne eine Anlage im nächsten Winter über Permafrostboden am Corvatsch-Gletscher installiert werden.

In Ladakh in Indien ist der Wassermangel durch Gletscherschwund bereits akut, und von dort hat Keller eine weitere Idee mit in die Schweiz gebracht: den Bau von Eis-Stupas, die überdimensionalen Iglus ähneln, die ebenfalls durch Wasserleitung berieselt werden und so im Winter ständig wachsen. Eis bleibt länger erhalten als Schnee. Damit bekommen Bauern im Frühjahr mehr Schmelzwasser.

Das Wasser werde von der Stupa über kleine Bewässerungskanäle direkt zu den Feldern geführt. Beide Ideen - Schnei-Seile und Eis-Stupas - könnten Gebirgsbewohner etwa im Himalaya und in den Anden in Südamerika helfen, denen durch den Rückgang von Gletschern das Wasser ausgehe.

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Siegfried Naumann 13.02.21 13:22
Ich stimme Ihnen @Dracomir Pires zu
Kaum hat jemand eine Idee, schon wird sie von selbsternannten "Fachleuten", hier: die Glaziologen M.E.Petter und E.Seefeldt, niedergemacht. Der eine hat ganz offensichtlich den kompletten Text gar nicht durchgelesen, der andere glaubt an das völlig unrealistische Wunder der Enthaltsamkeit der Menschen, also an einen Geburtenrückgang weltweit und wirft dem Erfinder lediglich Profitgier vor. Obwohl so eine Versuchsanlage von vielen Institutionen, also Behörden, Banken, Investoren, Regierung (= andere Menschen) genehmigt werden muss, die aus meiner Sicht mehr oder weniger tatsächlich als Fachleute zu sehen sind. Von nichts kommt nichts, und: Jede Reise beginnt mit dem 1. Schritt.
Dracomir Pires 13.02.21 10:07
Ich bin schockiert ...
... über die allgemeine negative Einstellung gegenüber dieser Superidee.
Kurt Wurst 12.02.21 15:22
So wie ich das verstehe,
geht es doch nur um die Verzögerung des Abschmelzens der Gletscher. Ob jetzt nun lächerliche 50 Jahre von Bedeutung sind, darüber lässt sich sicherlich auch streiten.
Egon Seefeldt 12.02.21 14:37
Anstatt das Geld in den Sand, pardon - in das Eis zu setzen, sollte man an die Zukunft denken.
Niemand wird den Wandel der Zeit und des Planeten, aufhalten. Was ist dann in 30-50 Jahren, wenn die Seen oben drüber ausgetrocknet sind. Oder kommt das Wasser endlos daher? :-))
Wir sollten uns auf Veränderungen dieses Planeten einstellen, nicht versuchen diese auf lange Zeit vergeblich zu verhindern. Z.B. ein drastischer Rückgang der Geburten. Weniger Menschen auf dem Eiland, weniger Probleme. Hier denkt jemand nur an den eigenen Profit. So wie immer.
Marcel Edouard Petter 12.02.21 14:22
Schleierhaft
Diese Methoden ergeben für mich keinen Sinn. Wenn ja das Wasser vorhanden ist, das ist ja Bedingung, wieso sollte man es dann zuerst in Eis und Schnee verwandeln, nur damit es bei wärmeren Temperaturen wieder schmilzt? Mehr Wasser entsteht dadurch jedenfalls nicht.